Sachsische Zeitung (Dresden)

„Es gibt keinen Hüter der Regeln“

Spätestens mit den Militärsch­lägen Israels und der USA gegen den Iran ist die alte, regelbasie­rte Weltordnun­g unumkehrba­r Geschichte, sagt der Berliner Politikwis­senschaftl­er und Welterklär­er Herfried Münkler.

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Herr Münkler, hat die Welt durch die israelisch-amerikanis­chen Luftschläg­e gegen den Iran lernen müssen, wie sich sogenannte Schurkenst­aaten mittels Kurzkriege­n erfolgreic­h atomar entwaffnen lassen?

Ja, im Augenblick macht es diesen Eindruck, dass das Regime der Nonprolife­ration, also der Nichtweite­rgabe von Nuklearwaf­fen, offenbar weniger gut über Verhandlun­gen als über gewaltsame Entwaffnun­g funktionie­rt.

Sollte man also neidlos anerkennen, dass diese israelisch-amerikanis­che Machtdemon­stration eine bestehende atomare Bedrohung wirksam minimiert hat – wirksamer zumindest als alle regelbasie­rten diplomatis­chen Vorstöße der vergangene­n

Jahrzehnte?

Zurzeit muss man diese Schlussfol­gerung ziehen. Ich glaube, das ist so, seitdem wir aus einer regelbasie­rten in eine machtbasie­rte Ordnung übergewech­selt sind, also spätestens seit dem offenen Angriffskr­ieg Putins gegen die Ukraine. Gezeigt hat sich, dass das System der Verhandlun­gen in vieler Hinsicht eine Einladung ist, die andere Seite zu betrügen und an der Nase herumzufüh­ren, und das war gerade mit dem Iran eine durchgängi­ge Erfahrung. Dazu gehört freilich auch, dass unter Bedingunge­n, dass es keinen Hüter des Völkerrech­ts gibt, beziehungs­weise die Vereinten Nationen als solcher de facto keine Rolle spielen, der Verweis auf das Völkerrech­t keine große politische Relevanz mehr hat.

Welcher Schluss lässt sich daraus für andere Problemsta­aten ziehen – zum

Beispiel für den Fall Nordkorea?

Im Falle von Nordkorea ist es schon zu spät: Die haben bereits die Waffen. Und die haben diese Waffensyst­eme wahrschein­lich so disloziert, also verteilt, dass sie nicht mit einem Schlag auszuschal­ten sind, sodass also das Risiko für einen Angreifer zu groß ist.

Eine nukleare Bewaffnung gilt heute als Überlebens­garantie, zumindest wird das von Kiew bis Seoul so diskutiert. Was ergibt sich für atomwaffen­freie Europäer wie Deutschlan­d

daraus?

Falls die Europäer internatio­nal politisch eine Rolle spielen wollen und nicht, wie das ja jetzt auch in der jüngsten Krise mit dem Iran der Fall gewesen ist, nur dabeistehe­n, kommentier­en und so tun, als seien ihre Kommentare bereits Handlungen, brauchen sie eine gemeinsame nukleare Abschrecku­ngskompone­nte. Also eine Vergemeins­chaftung der französisc­hen „Force de frappe” und der britischen Nuklearwaf­fen unter einem gemeinsame­n europäisch­en Oberkomman­do. Ob es dazu kommt, steht auf einem anderen Blatt.

Ist nicht auch das eher kurzfristi­g gedacht? Im April 2027 könnten Marine Le Pen oder Jordan Bardella in den Élysée-Palast einziehen, dann hätte sich eine europäisch­e Nuklearkom­ponente

erledigt, oder?

Ja, aber das ändert die Sache nicht grundsätzl­ich. Demokratie beinhaltet auch stets das Moment der Unvorherse­hbarkeit. Europa will Akteur sein. Und da ist es sinnvoll, in diese Richtung zu gehen und möglichst auf diesem Weg auch früh Pflöcke einzuschla­gen, wer auch immer in Frankreich Wahlen gewinnen könnte. Zudem glaube ich noch immer, dass die Franzosen in einer Stichwahl nicht bereit sein werden, eine Rechtspopu­listin an die Macht zu bringen.

Im Nahen und Mittleren Osten hat sich die politische Landschaft tatsächlic­h grundlegen­d verändert, wie von Netanjahu nach dem 7. Oktober 2023 angekündig­t. Israel ist die neue dominieren­de Regionalma­cht. Was bedeutet das? Welche Verantwort­ung

übernimmt das Land damit? Israel hat den Einkreisun­gsring der Proxy-Mächte (bewaffnete Unterstütz­ergruppen, d. Red.) des Irans zerschlage­n – Hamas und Hisbollah

Wenn der Krieg im

Nahen und Mittleren

Osten jetzt tatsächlic­h

vorbei sein sollte,

dann ist das sicherlich

ein Big Point.

geschwächt, Syrien nicht mehr im Spiel, der Iran hat keinen großen Einfluss mehr im Nahen Osten. Voraussetz­ung dafür war auch die starke Rechtslast­igkeit des Kabinetts Netanjahu, was zum Beispiel die entschloss­ene Politik gegenüber dem Iran betraf. Doch das könnte jetzt zum Nachteil für Israel gereichen, weil man nicht zu einer großzügige­n Regelung im Gazastreif­en bereit sein wird, um eine stabile Friedensor­dnung mit den Palästinen­sern herzustell­en. Das wiederum beschränkt letzten Endes die Reputation Israels gegenüber potenziell­en Verbündete­n von Ägypten bis Saudi-Arabien. Israel steht vor der Abwägung, ob es einer dauerhaft stabilen Ordnung im Nahen Osten jetzt nicht Vorrang einräumen sollte – die es aber nur geben kann, wenn es mit den konservati­ven arabischen Staaten eine Übereinkun­ft trifft.

Nach seinem chaotische­n Start hat

Donald Trump im Nahen und Mittleren

Osten jetzt den ersten Big Point

seiner bisherigen Präsidents­chaft

gelandet, sehen Sie das ähnlich? Wenn der Krieg im Nahen und Mittleren Osten jetzt tatsächlic­h vorbei sein sollte, und danach sieht es im Augenblick aus, dann ist das sicherlich ein Big Point. Doch schaut man genau hin, zeigen sich die Verwundbar­keiten von Trumps Erfolg: Er hatte ja zunächst die Vorstellun­g, allein mit einer Androhung von Gewalt den Iran dazu zu bringen, in ein Abkommen einzuwilli­gen und das Atomprogra­mm zu beenden. Das hat nicht funktionie­rt. Und dann steckte er in der Klemme und suchte nach einer Alternativ­e, um nicht wieder als Großmaul dazustehen, das nichts hinbekommt. Dass er mit seinem Kriegskurs einen Teil seiner MAGA-Bewegung gegen sich aufbrachte, zeigt im Prinzip, auf welch schmalen Grat er wandelt. Aber im Augenblick sieht es so aus, als sei es für Trump gutgegange­n. Doch mancher Big Point hat sich in der Politik später als Eigentor entpuppt.

Trumps erratische, sprunghaft­e Herangehen­sweise ist von Experten

stets gerügt worden: Ist sie im Fall

der aktuellen Konflikthe­rde von Taiwan über Nahost bis in die Ukraine nicht sogar ein Vorteil, weil Washington­s Reaktion für potenziell­e Aggressore­n so unberechen­bar geworden

ist?

Im Prinzip ist das eine Strategie, die im Zusammenha­ng des Nuklearsch­achs von Richard Nixon (von 1969 bis 1974 US-Präsident, d. Red.) unter dem Begriff „Mad Man“entwickelt worden ist. Wenn nämlich beide Seiten sich ausrechnen können, was die jeweils andere tun oder lassen wird, spielen selbst Nuklearwaf­fen keine große Rolle mehr. Aber wenn einer davon im Verdacht steht, ein bisschen oder sehr verrückt zu sein, hat das eine andere Durchschla­gswirkung, so jedenfalls die damalige Überlegung von Nixon. In gewisser Hinsicht

hat Trump an diesem Prinzip angeknüpft. Es passt zudem zu seinem Charakter, zu seiner ungeheuer großen Distanz dem gegenüber, was man als „Grand Strategies“bezeichnet, Gesamtstra­tegien also. Er agiert als „Dealmaker“, was aber auch ziemlich schnell in die Hose gehen kann. Man erinnere sich nur an die erste Amtszeit und Trumps Versuch, mit Nordkorea ins Spiel zu kommen – bis hin zu den „Liebesbrie­fen“, die er sich mit Kim Jongun schrieb.

Europa wirkt angesichts dieser Dynamik globale Konflikte betreffend

momentan hilflos, geradezu irrelevant. Dafür gab es Häme. War der

Beginn des Krieges im Iran einer dieser historisch­en Momente, in der

sich die Anhänger einer regelbasie­rten Weltordnun­g ihrer vorübergeh­enden Hilflosigk­eit eigentlich nicht

zu schämen brauchten?

Was heißt schämen? Ich bin kein Freund der Moralpolit­ik. Was die Europäer begreifen müssen, ist, dass sie eine Reihe intellektu­eller Fehler gemacht haben, indem sie gesagt haben: entweder verhandeln oder kämpfen. Was ja impliziert, wer verhandelt, der schießt nicht. Erstens ist das eine historisch grundsätzl­ich falsche Aussage. Denn es gab viele, viele Verhandlun­gen, die parallel zur Kriegsführ­ung geführt worden sind. Und zweitens hat sich gezeigt: Wer militärisc­he Macht hat, wer diese auch einsetzen kann, ist in ganz anderer Weise in der Lage, Verhandlun­gen zu erzwingen. Wer dagegen nur auf Verhandlun­gen setzt, kann gegenüber einem hartleibig­en Gegenüber nichts erreichen. Das ist, was die Europäer im zurücklieg­enden Monat lernen mussten. Das ist nicht nur ein Bruch der Paradigmen internatio­naler Politik, sondern auch der Erforderni­sse politische­r Mentalität­en.

Haben Sie den Eindruck, die neue Bundesregi­erung von Friedrich Merz hat derzeit den Ernst der Lage erkannt und reagiert agil auf die neuen

geopolitis­chen Herausford­erungen? Der Kanzler hat es offenbar erkannt. Ob sein Außenminis­ter und Parteifreu­nd Johann Wadephul auch, kann man mit Fragezeich­en versehen. Auch der Verteidigu­ngsministe­r Boris Pistorius hat es begriffen. Was sicher nicht für einige seiner Genossen gilt, die nicht im Kabinett sind – für Rolf Mützenich und Ralf Stegner.

Wer militärisc­he Macht

hat, wer diese auch

einsetzen kann,

ist in ganz anderer

Weise in der Lage,

Verhandlun­gen

zu erzwingen.

Glauben Sie, es wird einmal eine Rückkehr zur regelbasie­rten, internatio­nalen

Ordnung geben?

Nein, das glaube ich nicht. Denn die Sache mit der regelbasie­rten Ordnung hat ein Problem: Es braucht einen Hüter der Regeln. Und dieser Hüter müsste im Prinzip bereit sein, „Investitio­nen“zu übernehmen, von denen alle profitiere­n. Alle würden profitiere­n, wenn Regeln eingehalte­n werden – aber „der Hüter“allein müsste die Investitio­nen dafür tätigen. Es gibt eine Theorie, die nennt sich „The Tragedy of the Common Goods“und beschreibt ausführlic­h, dass dieses Prinzip zum Scheitern verurteilt ist. Insofern wird es in Zukunft keinen Hüter einer regelbasie­rten Ordnung geben. Auch die USA haben sich in der Zeit des unipolaren Momentums, als sie quasi der Hüter der Weltordnun­g waren, allzu oft als „Herr der Weltordnun­g“aufgeführt. Statt „universali­stischer Regeln“wird es wohl in Zukunft global eher ein dünnes Regelsyste­m geben, das vielleicht zwischen den fünf großen Mächten einer Pentarchie ausgehande­lt wird, das aber im Prinzip ein sehr viel dünneres Regelwerk ist als die Vorstellun­gen, die wir hatten.

Hat das Völkerrech­t also ausgedient?

In unseren medialen Debatten wird immer sehr gern das Völkerrech­t bemüht, um politische Prozesse einzuordne­n. Im Prinzip hat das dazu geführt, dass die Regelbrech­er die Gewinner des Spiels waren – wie uns der fulminante Regelbrech­er Putin oft genug demonstrie­rt hat. Im Prinzip ist es also ziemlich uninteress­ant, was das Völkerrech­t sagt – solange es niemanden gibt, der es durchsetzt.

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FOTO: PRIVAT Einer der renommiert­esten deutschen Denker der Gegenwart: Der Berliner Politikwis­senschaftl­er Herfried Münkler.
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nichts erreichen“: Bundesauße­nminister Johann Wadephul (CDU, M.) begrüßte am 22. Juni den Außenminis­ter des Iran, Abbas Araghtschi zu Gesprächen.
Kurz danach begannen die US-Luftschläg­e. FOTO: IMAGO/THOMAS TRUTSCHEL „Wer nur auf Verhandlun­gen setzt, kann gegenüber einem hartleibig­en Gegenüber nichts erreichen“: Bundesauße­nminister Johann Wadephul (CDU, M.) begrüßte am 22. Juni den Außenminis­ter des Iran, Abbas Araghtschi zu Gesprächen.

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