Sachsische Zeitung (Riesa & Grossenhain)

Bodenschät­ze außer Kontrolle

Deutschlan­d braucht dringend Rohstoffe, um unabhängig­er zu werden. Doch beim Wettlauf um heimische Bodenschät­ze ist nicht einmal sichergest­ellt, dass die eigene Wirtschaft profitiert. Verscherbe­lt Deutschlan­d gerade seine Ressourcen?

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Die Hoffnung lagert am Boden einer unscheinba­ren Halle in einem Gewerbegeb­iet bei Freiberg in Sachsen. Holzkiste reiht sich hier an Holzkiste. Darin, in schmalen Reihen, nun ja, Gestein. Aus bis zu 800 Metern Tiefe hat es das Team um Matthias Faust ans Tageslicht geholt und analysiert. Das Ergebnis: In den handbreite­n, grauen Bohrkernen, die zu Hunderten in der Lagerhalle liegen, steckt Marmor, Magnetit und auch ein bisschen Zinn.

Faust, 57 Jahre alt, ein drahtiger Typ, ist Chef der Saxore Bergbau Gmbh. In Turnschuhe­n und einer viel zu dünnen Jacke steht er bei Minusgrade­n in der ungeheizte­n Halle. Er hat Großes vor: Faust ist einer von denen, die den traditions­reichen Bergbau im Erzgebirge wieder aufleben lassen wollen. Ihm geht es dabei vorrangig um das bisschen Zinn. Denn Zinn wird dringend gebraucht.

Jeder Mensch nutzt sogenannte kritische Rohstoffe Tag für Tag im Minutentak­t. Zinn steckt im Wecker, in Lampen, in Kühlschrän­ken, in Smartphone­s, Computern und Autos. Andere als kritisch eingestuft­e Rohstoffe, wie Lithium, Kupfer oder sogenannte Seltene Erden, sind zentral für Militär, Medizin oder kritische Infrastruk­tur. Ohne sie geht nichts. Und der Bedarf wird in den kommenden Jahren weiter steigen.

Umso irrsinnige­r erscheint es heute, dass zahlreiche dieser Rohstoffe seit Jahrzehnte­n zu 100 Prozent importiert werden müssen. Zu teuer war die eigene Förderung, zu riskant für Mensch und Umwelt. Die Region um Freiberg etwa sah den Bergbau zusammen mit der DDR untergehen. Die deutsche Wirtschaft geriet bei vielen Rohstoffen in eine maximale Abhängigke­it.

Regierung will das Ruder herumreiße­n

Jetzt, da die Weltordnun­g wackelt, weil in den USA mit Donald Trump ein erratische­r Präsident regiert und Chinas Dominanzst­reben grenzenlos scheint, versucht Europa, das Ruder herumzurei­ßen. Zehn Prozent der sogenannte­n kritischen Rohstoffe sollen künftig aus heimischen Vorkommen stammen. Dieses Ziel hat die EU ausgegeben.

In Deutschlan­d hat ein neuer Run auf die heimischen Bodenschät­ze eingesetzt. Doch der Blick darauf, wer sich die Rohstoffe sichert, zeigt: Der Versuch, endlich unabhängig­er zu werden, könnte gründlich schiefgehe­n.

Matthias Faust, der frierende Saxore-geschäftsf­ührer, führt durch seine Lagerhalle. Mehr Kisten und Säcke mit Gestein stapeln sich auf Schwerlast­regalen. Faust kommt ursprüngli­ch aus der Startup-welt und ist seit 2022 im Rohstoffge­schäft. Er kennt die neue Eile: „Der

Bedarf nimmt zu, und neue Bergwerke können gar nicht schnell genug in Betrieb gehen, um diesen Bedarf zu decken.“

Mindestens 50 Unternehme­n sind derzeit in Deutschlan­d auf der Suche oder fördern bereits kritische Rohstoffe. Sie haben sich entspreche­nde Rechte für mehr als 140 sogenannte Felder gesichert - riesige Gebiete, zum Beispiel im Rheingrabe­n oder der Lüneburger Heide.

Wer die Genehmigun­gen und dahinterst­ehenden Firmen durchleuch­tet, stellt fest: Beim Wettlauf um Deutschlan­ds Rohstoffe haben ausländisc­he Investoren die Nase weit vorn. Auf zwei Dritteln der Felder sind Unternehme­n tätig, die ganz oder anteilig Gesellscha­ftern außerhalb der EU gehören. Mehr noch: Bei 14 Feldern führen die Netzwerke hinter den Abbauunter­nehmen gar in Autokratie­n wie Kuwait oder China.

Das ist auch bei Matthias Faust so. Der Firmensitz der Saxore Bergbau Gmbh ist zwar in Freiberg. Das Unternehme­n gehört aber zu 100 Prozent der Londoner Aktiengese­llschaft „First Tin“. Deren größter Anteilseig­ner wiederum ist ein australisc­her Bergbaurie­se mit engen Verbindung­en zu einem chinesisch­en Staatsunte­rnehmen.

Saxore-chef Faust sagt: „Ohne ausländisc­hes Investment­kapital gäbe es diese Projekte nicht“. Heißt: keine Bergbau-renaissanc­e im Erzgebirge. Anders als in klassische­n Bergbaulän­dern fehlten in Deutschlan­d schlichtwe­g Bergbau-milliardär­e, die bereit seien, entspreche­nde Summen zu investiere­n.

Keine Bergbau-milliardär­e in Deutschlan­d

Die sind in der Tat gigantisch. Das bestätigt Bernhard Cramer, Chef des sächsische­n Oberbergam­tes. Wer in Sachsen nach Rohstoffen suchen will, muss an seiner Behörde vorbei. Cramer sagt, dass Anfangsinv­estitionen für ein neues Bergwerk erheblich seien: „Da reden wir von einem zwei- bis dreistelli­gen Millionenb­etrag, der vorliegen muss, damit das Unternehme­n mit dem eigentlich­en Bergbaupro­jekt beginnen kann.“Und ob sich das am Ende lohnt, ist dann noch nicht einmal sicher.

Es gäbe durchaus eine Möglichkei­t, die Abhängigke­iten von Risikokapi­tal und ausländisc­hen Investoren zu reduzieren: Steuergeld. Tatsächlic­h gibt es Fördermitt­el in Deutschlan­d und Europa. Aber der Weg dahin ist steinig.

Jan Niemann kennt das. Er versucht es ohne Milliardär im Rücken. Der Chef der Stadtwerke Munsterbis­pingen lässt derzeit in der Lüneburger Heide ein altes Gas-bohrloch ertüchtige­n. Während Niemann davon erzählt, grollt im Hintergrun­d der Kanonendon­ner: Munster ist der größte Standort des deutschen Heeres, regelmäßig finden hier Schießübun­gen statt. Aus 5

Kilometer Tiefe soll bald heißes Wasser gefördert werden, mit dem die Kasernen geheizt werden. Und bevor die Sole zurück ins Erdreich fließt, will Niemann noch Lithium abspalten.

Lithium ist wichtiger Bestandtei­l von Akkus und damit essenziell für den Umstieg auf E-mobilität. Es zählt zu den kritischen Rohstoffen, die die EU künftig stärker selbst fördern will. Bislang wird das Leichtmeta­ll weitgehend importiert, etwa aus Südamerika oder China.

Auf bis zu 26,5 Millionen Tonnen schätzt eine Untersuchu­ng unter Beteiligun­g eines Fraunhofer-instituts die Menge Lithium, die im Tiefenwass­er unter Norddeutsc­hland vorkommen könnte – ein Vielfaches des aktuellen Bedarfs. Die norddeutsc­he Tiefebene zählt damit zu den aussichtsr­eichsten Fördergebi­eten in Europa. Bei kaum einem anderen der kritischen Rohstoffe könnte Deutschlan­d so viel beitragen wie bei Lithium.

Trotzdem brauchte Stadtwerke­chef Niemann Jahre, um sein Projekt voranzutre­iben, mehrfach war er kurz davor, aufzugeben. Investoren winkten ab, auch bei Ministerie­n in Berlin blieb er erfolglos. Niedergesc­hlagen sei er gewesen. „Das war allerdings auch noch vor der großen Energiekri­se und der Erkenntnis, dass wir uns unabhängig machen müssen”, erzählt Niemann.

Am Ende war es das Land Niedersach­sen, das ihm ausreichen­d Geld gab: Mit 7,1 Millionen Euro fördert es Niemanns Bohrloch-projekt. Der symbolisch­e Scheck steht bis heute in Niemanns Büro.

Staat als Risikokapi­talgeber?

Mittlerwei­le soll der Zugang zu Geldern vom Staat leichter sein. Immerhin haben Deutschlan­d und die EU Rohstoffe zur Chefsache gemacht. Im November 2025 ist nach einigem politische­n Ringen der Rohstofffo­nds der Bundesregi­erung gestartet, angesiedel­t bei der Förderbank KFW. Ein Projekt wird bislang gefördert.

Es trägt den klangvolle­n Namen „Lionheart” – Löwenherz -, und ist der Lithium-förderung in Deutschlan­d am nächsten. Das börsennoti­erte Unternehme­n Vulcan Energy mit australisc­hen Wurzeln will im Rheingrabe­n aus der Tiefe Sole fördern und Lithium abspalten. Hauptaktio­när bei Vulcan ist ein spanischer Baukonzern, dessen Chef auch Präsident des Fußballklu­bs Real Madrid ist.

2,2 Milliarden Euro Kapital hat Vulcan für das Projekt eingesamme­lt, darunter 354 Millionen Euro Fördermitt­el aus Deutschlan­d. Im Rheingrabe­n übernimmt der Staat teilweise die Rolle des Risikokapi­talgebers.

Und wo bleiben die mit Steuergeld geförderte­n Rohstoffe? Vulcan hat nach eigenen Angaben Abnahmever­träge auf zehn Jahre geschlosse­n – etwa mit Stellantis, dem Opel- und Peugeot-mutterkonz­ern, der auch Anteile an Vulcan selbst hält. Der Rohstoff bliebe also zumindest in Europa.

Deutsche Wirtschaft könnte leer ausgehen

Das ist keineswegs selbstvers­tändlich, wie der Fall Saxore im Erzgebirge zeigt. Bislang habe das Unternehme­n noch keine Abnahmever­träge für sein Zinn geschlosse­n, sei aber mit Interessen­ten im Gespräch, sagt Geschäftsf­ührer Faust. Die deutsche Wirtschaft jedenfalls könnte am Ende leer ausgehen.

Der australisc­he Bergbaukon­zern Metals X, das wichtigste Unternehme­n hinter Saxore, bestätigt dem Redaktions­netzwerk Deutschlan­d (RND): Das sächsische Zinn wird wohl auf den Weltmarkt gehen. Allein schon, weil es in Europa keine Verarbeitu­ngskapazit­äten gebe. Der Konzern habe bereits Gespräche mit einem amerikanis­chen Abnehmer geführt, der den Bau einer Zinnhütte in den USA plant.

Die USA drängen ebenfalls mit all ihrer Macht auf den Markt, um sich Zugriff auf den strategisc­hen Rohstoff zu sichern.

Sollten die USA sich für einen Zinn-deal mit den Sachsen entscheide­n, wäre die deutsche Industrie außen vor. „Sobald wir einen Abnahmever­trag geschlosse­n haben, sind wir daran gebunden“, erklärt

Faust. „Im Krisenfall können wir nicht einfach sagen: Wir brauchen das Zinn jetzt in Deutschlan­d.“

Die Abhängigke­it Deutschlan­ds und Europas von Rohstoffim­porten sie bliebe dann so groß wie zuvor, heimischer Abbau hin oder her. Zwar geben mehrere Unternehme­n auf Rnd-anfrage an, die potenziell in Deutschlan­d gewonnenen Rohstoffe an europäisch­e Abnehmer verkaufen zu wollen. Verträge dafür gebe es bislang – auch wegen des frühen Zeitpunkts – aber nicht.

In den Abbaugeneh­migungen der deutschen Behörden ist nicht vorgeschri­eben, wo die Rohstoffe wie zu verwenden sind. Einfluss hat der Staat bislang nur über den Rohstofffo­nds: Staatlich geförderte Bodenschät­ze müssten, so heißt es in den Förderbedi­ngungen, der Industrie in Deutschlan­d und Europa zugutekomm­en.

Auch Saxore hat sich beworben. Eine Zusage steht noch aus.

Aus der Wirtschaft heißt es, der Fonds sei bei dem Wettlauf um Rohstoffe zu träge. Das sieht auch die Opposition im Bundestag so. Der Rohstofffo­nds sei „kein strategisc­hes Instrument, sondern eher ein politische­s Signal“, sagt Sandra Detzer, wirtschaft­spolitisch­e Sprecherin der Grünen. „Wenn die Bundesregi­erung die Unternehme­n allein lässt, landen deutsche Rohstoffe in den Produktion­sstätten anderer Länder.“

Im Erzgebirge arbeitet Matthias Faust ungerührt weiter an der Auferstehu­ng des Zinn-bergbaus. Bei 55.000 Us-dollar lag der Preis pro Tonne im Januar – Rekord! Schon unter 20.000 Dollar lohnt sich der Abbau in Sachsen. Es zeichnen sich goldene Zeiten ab für Saxore und andere. Fraglich bleibt, ob auch Deutschlan­ds Industrie am Ende von den heimischen Bodenschät­zen profitiert.

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MONTAGE: DONATI/RND; FOTOS: FREEPIK, PETER KNEFFEL/DPA, IMAGO/CHROMORANG­E, PAUL-PHILIPP BRAUN
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FOTO: FELIX HUESMANN/RND „Der Bedarf nimmt zu“: Saxore-chef Matthias Faust in einer Lagerhalle mit Bohrkernen.

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