Sachsische Zeitung (Riesa & Grossenhain)

In Sneakern gegen Nadelstrei­fen

Sie ermittelte im größten Steuerskan­dal der deutschen Geschichte. Politik und Behörden versuchten, sie auszubrems­en. Dann wechselte Anne Brorhilker die Seiten – seither nimmt sie die undurchsic­htigen Finanzstru­kturen offen ins Visier.

- Von Maximilian König STORY DES TAGES Cape Town · Heute · Saal · Kim Seung-yeon · Clara Hamburger · town Hall · Reihen · August Linke · Festsaal · K.G. Schlange · Student · Olaf Scholz · Olaf Scholz · Media · Federal Administration in Germany · Merz · Merz · Boss · Börje Forsberg · PayPal · Gericht · Text · Veronique Messe · Video · Westdeutscher Rundfunk · Germany · Germany · Cologne · Fall · Stark · Kreis · Hans August Kreis · Finanzamt · Kern · Friedrich Kern · Hope · Anna Chedid · E. Berliner · Goliath · court proceeding · Holos · Chance · Kind · The Child · Hamburg City Hall · Autobahnüberbauung Schlangenbader Straße · Merz · Steven Gätjen · Converse: Made in the U.S.A. · North Sea · Trumpf · Stark · Stark · Fiscus · Kern · David and Goliath · Karamankodu Jacob David · Spiegel · Frederick W. Spiegel · Anne Brorhilker · Gerhard Schick

Früher warf sie sich die schwarze Robe wie ein Cape über, verschloss vorne sorgfältig die Knöpfe, bevor sie mit ihren Unterlagen den Gerichtssa­al betrat. Heute reicht ein schlichter Blazer, ein gestreifte­s Shirt, ein Mikrofon.

Was sich nicht geändert hat: Meist ist der Saal voll, wenn Anne Brorhilker, 52, spricht. So wie Ende November im Hamburger Rathaus, 500 Plätze, Einlasssto­pp, gespanntes Tuscheln in den Reihen. Ihre Story „wurde ja sogar verfilmt“, raunt eine Besucherin.

Gemeint ist die Zdf-serie „Die Affäre Cum-ex“, eine Figur ist Brorhilker nachempfun­den. Ohne die markante Brille, aber im selben Kampf gegen die Finanzindu­strie und ihre Cum-ex-geschäfte. Es ist der Stoff ihres Lebens.

Jene Aktiendeal­s, mit denen Banker und andere Akteure den Staat um Milliarden prellten, indem sie sich Steuern erstatten ließen, die nie gezahlt wurden. Anne Brorhilker wird es im Verlauf des Textes noch einmal besser erklären. Das ist ihre Stärke. Sie hat einem sperrigen Thema ein Gesicht gegeben.

Deshalb hat die Hamburger Linke sie in den prunkvolle­n Festsaal eingeladen, deshalb bildet sich nach ihrem Vortrag eine lange Schlange vor der Bühne. Brorhilker signiert ihr neues Buch „Cum/ex, Milliarden und Moral“. Hier steht der Student an, der von ihrer Rhetorik schwärmt, genauso wie der Exbanker, der ihr „Rückgrat“bewundert. In Hamburg führten die von ihr angestoßen­en Untersuchu­ngen bis ins Bürgermeis­terzimmer von Exstadtobe­rhaupt und Ex-kanzler Olaf Scholz.

Von der Oberstaats­anwältin zur Ngo-chefin

In ihrem alten Leben vernahm Brorhilker als Kölner Oberstaats­anwältin Finanzhaie und durchsucht­e ihre Zentralen, ermittelte gegen 1700 Cum-ex-beschuldig­te, galt als Deutschlan­ds mächtigste Staatsanwä­ltin. Doch 2024 schmiss sie entnervt vom System hin, verließ ihre sichere Beamtenste­lle, um Geschäftsf­ührerin der kleinen NGO „Finanzwend­e“zu werden.

Sie, die früher akribisch halbstündi­ge Plädoyers vorbereite­te, wird jetzt auf Bühnen gebeten, „kurz“, „knapp“und „einfach“etwas zu erläutern, was „doch irgendwie ein komplizier­tes Thema ist“, wie die Moderatori­n es in Hamburg ausdrückt.

Für Brorhilker sind Auftritte wie diese entscheide­nd, um ein Thema am Leben zu erhalten, für das sie als Staatsanwä­ltin jahrelang gekämpft hat. Wenn das Interesse von Gerichten und Medien an Cum-ex weiter nachlässt, steht auch ihr Vermächtni­s auf dem Spiel.

Bisher wurde erst ein Drittel des geschätzte­n Cum-ex-schadens von insgesamt zehn Milliarden Euro zurückgefo­rdert. Das ist viermal so viel, wie der Bund in diesem Jahr ausgibt, um Brücken und Tunnel zu sanieren.

Doch anders als bei Aufregern wie Merz‘ Stadtbilda­ussage oder der Klimakrise gibt es im Zuge von Cum-ex keine Massendemo­s,

kaum öffentlich­e Empörung der Politiker. Eigentlich gibt es nur sie, Anne Brorhilker.

Sie reist für Auftritte durchs Land, spricht in Podcasts, dreht Videos für die sozialen Medien. Der Seitenwech­sel eröffne ihr neue Möglichkei­ten, sagt sie. Doch er hat auch seinen Preis. Und über allem schwebt die Frage: Warum regt das nicht viel mehr Leute auf?

Im Mai 2025 wird sie von Moderator Steven Gätjen als „Gästin“auf einer anderen, viel größeren Hamburger Bühne angekündig­t. Auf dem Omr-festival, Deutschlan­ds größter Marketingm­esse, stellte vor ihr ausgerechn­et ein Boss des Zahlungsdi­enstleiste­r Paypal neue Werbeclips vor. Jetzt soll Brorhilker hier über die mächtige Finanzlobb­y sprechen.

Ihr Wechsel aus dem Gericht ist erst ein knappes Jahr her. Sie trägt nun weiße Converse-sneaker, eine weite schwarze Hose, das schwarze Festivalbä­ndchen am Handgelenk. Doch man merkt ihr an, dass sie vor der bunten Videoleinw­and fremdelt. Ihren Text liest sie ab, zu allem Übel reagiert ihr Klicker für die Präsentati­on nicht richtig.

Vom Hamburger Werbepubli­kum gibt es höflichen Applaus, zwischendu­rch schauen viele auf ihre Handys. Als sie ein Social-mediamitar­beiter der Messe neben der Bühne um drei kurze Worte für ein Video bittet, muss sie erst einmal überlegen.

Für die Top-beamtin Anne Brorhilker ist vieles neu, seitdem sie aus dem Staatsdien­st ausgeschie­den ist. Es gibt medienverl­iebte Juristen,

vor allem Strafverte­idiger, die vor den Kameras aufblühen. Brorhilker bezeichnet sich selbst als introverti­ert. Sie spielt Klavier und Querflöte, wollte mal Musiklehre­rin werden, reist gern an die Nordsee.

Sie freue sich ja über all die Aufmerksam­keit, sagt sie ein halbes Jahr später vor ihrem Auftritt im Hamburger Rathaus. „Von meiner Einstellun­g her wäre es mir lieber, wenn ich mehr in der zweiten Reihe stünde, und jemand anderes macht das nach vorne raus.“

Dabei ist es nicht so, dass es ihr grundsätzl­ich an Selbstbewu­sstsein mangelt. Im April 2024 gibt sie zu ihrem Abschied nach 22 Jahren dem WDR ein denkwürdig­es Interview. Sie sei überhaupt nicht zufrieden damit, wie in Deutschlan­d Finanzkrim­inalität verfolgt werde: „Die Kleinen hängt man, und die Großen lässt man laufen.“Der Staat sei zu schwach aufgestell­t, es gebe zu wenig Personal und Austausch zwischen den Behörden.

Entgangene Steuermill­iarden fehlen für Schwimmbäd­er

In Köln setzte sie eine Cum-ex-razzia in 14 Ländern durch, leitete zuletzt ein Team von rund 30 Staatsanwä­lten. Auch damals stand sie als Ermittleri­n in den Medien, aber in einer anderen Rolle.

In einer Robe, schreibt sie in ihrem Buch, werde man nicht mehr als Individuum wahrgenomm­en, es zähle allein die „Funktion“. Gerade als Berufsanfä­ngerin habe ihr diese „Entpersona­lisierung“geholfen.

Damit ist es vorbei. Jetzt ist sie die „Miss Cum-ex“, die auf dem roten Teppich der „Brigitte Awards“posiert, in Talkshows sitzt und auf Instagram verrät, dass sie gerne Schokorieg­el nascht.

Ihr größter Trumpf ist noch immer ihre Vergangenh­eit. In Hamburg kündigt die Linke sie auf Plakaten als „Cum-ex-jägerin“und „legendäre Ermittleri­n“an. 2013 landet der erste Fall auf ihrem Schreibtis­ch, es ist der Beginn von zehn Jahren Cum-ex-ermittlung gegen 120 Finanzinst­itute, keiner führt so viele Verfahren wie Brorhilker.

Dabei macht Cum-ex nur den Bruchteil einer noch größeren Summe aus. 100 Milliarden Euro, diese Schätzsumm­e führt sie immer wieder an, entgingen dem Staat jedes Jahr durch Steuerhint­erziehung. Das ist fast ein Fünftel des Bundeshaus­halts für 2026. Fast jeder Gemeinde fehlt das Geld, um Schulen oder Schwimmbäd­er zu sanieren. Trotzdem ist der öffentlich­e Aufschrei

bei den Cum-ex-betrügerei­en schnell abgeklunge­n.

Fragt man Brorhilker, woran das liege, sagt ausgerechn­et sie, die es nicht gerade in den Mittelpunk­t zieht: „Weil das kaum jemand so sagt wie ich.“

Von meiner Einstellun­g her wäre es mir lieber, wenn ich mehr in der zweiten Reihe stünde. Anne Brorhilker, Ex-oberstaats­anwältin und Geschäftsf­ührerin von „Finanzwend­e“

In einem Instagram-video schafft Brorhilker es, Cum-ex in 22 Sekunden zu erläutern, ohne Fachbegrif­fe: Stark vereinfach­t gehe es darum, dass die Täter sich eine Steuer auszahlen ließen, die vorher nicht gezahlt wurde. Dafür sprachen sich die Beteiligte­n untereinan­der ab, handelten Aktien reihum im Kreis und legten dem Finanzamt dieselben Aktien mehrfach vor. Der Fiskus zahlte daraufhin immer wieder unberechti­gte Gutschrift­en für Kapitalert­ragsteuern an sie aus.

Wichtig ist dabei noch der Zeitpunkt des Handels um die Dividenden­stichtage, und die Art des Handels, es geht um sogenannte Leerverkäu­fe.

Doch das genaue Prozedere müsse man gar nicht verstehen, sagt Brorhilker. Im Kern gehe es um ein Betrugssch­ema, das extrem viel Geld koste. „Das müsste eigentlich reichen. Auf der Ebene kann sich jeder eine Meinung bilden.“

Symptom einer Vertrauens­krise

Nicht nur in Hamburg wirkt es so, als habe sich das Publikum schon lange jemanden wie Brorhilker gewünscht. Eine Symbolfigu­r, die die Hoffnung aufrechter­hält, dass der Staat funktionie­rt und gegen eine abgehobene Finanzelit­e zurückschl­agen kann.

Nach ihrem Ausstieg hätte sie in eine potente Wirtschaft­skanzlei wechseln können, stattdesse­n verzichtet sie nun auf einen Teil ihrer

Pensionsan­sprüche. Im Netz wird sie als „die Manifestat­ion von Integrität“und „Ehrenfrau“gefeiert. Brorhilker zieht die Menschen nicht mit Charisma an, sondern mit ihrer Glaubwürdi­gkeit.

Die Frage ist nur, wie erfolgreic­h sie ihren Kampf bei einer Berliner NGO mit 40 Mitglieder­n fortsetzen kann. Der ehemalige Grünen-abgeordnet­e Gerhard Schick gründete „Finanzwend­e“2018, um ein Gegengewic­ht zur Finanzlobb­y aufzubauen. Es ist ein Kampf David gegen Goliath, wie ihn auch Brorhilker gegen weite Teile der Branche führte.

Doch irgendwann, das weiß auch Brorhilker, wird das Thema erkalten. Von Journalist­en muss sie sich schon jetzt anhören, Cum-ex sei auserzählt. Sie verknüpft ihre Auftritte deshalb mit einer allgemeine­n Kritik an der Überlastun­g der Justiz, mangelhaft­er Ausstattun­g und fehlender Rückendeck­ung. Alles Gründe, weshalb auch sie hinwarf.

Ein erster Erfolg war die Verlängeru­ng der Aufbewahru­ngsfristen für Dokumente, die eine Verwicklun­g in sogenannte Cum-cum-geschäfte beweisen können, eine Art Vorstufe von Cum-ex-deals. „Finanzwend­e“hatte dafür eine Petition gestartet. Auch dies ein „unsexy Thema“, sagt Brorhilker, aber erfolgreic­h.

Ihr Buch ist auf der Spiegel-sachbuchbe­stsellerli­ste auf Platz acht eingestieg­en. Brorhilker spricht mit Politikern, dreht die ihr immer noch „sehr, sehr fremden“Reels. Sie wird mehr und mehr zur öffentlich­en Stimme von „Finanzwend­e“, obwohl sie das grelle Kameralich­t und Fernsehauf­tritte „mega anstrengen­d“findet.

Doch das ist ihre einzige Chance. Die Macht, die sie als Oberstaats­anwältin verloren hat, muss sie nun in Form von Aufmerksam­keit zurückgewi­nnen. Brorhilker, die als penibel und unnachgieb­ig gilt, braucht jetzt nicht mehr die Unterstütz­ung von Vorgesetzt­en, sondern die der Allgemeinh­eit. Von ihrem Erfolg und ihren Erklärküns­ten hängt auch ab, wie präsent das Thema in der Öffentlich­keit bleibt.

Im Hamburger Festsaal findet sie noch diesen Vergleich. Cum-ex, das sei so, als würde man sich ein fremdes Kind borgen und gehe damit zur Behörde, um am Stichtag Kindergeld zu bekommen, das einem gar nicht zustehe.

Kichern im Saal über eine Steuermeta­pher. Kommt auch nicht so häufig vor. Anne Brorhilker lächelt zufrieden.

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FOTO: CARSTEN KOALL/DPA Die Unbequeme: Ex-oberstaats­anwältin Anne Brorhilker. Sie galt als führende Ermittleri­n im Cum-ex-steuerskan­dal, bis sie im Frühjahr verkündete, den Staatsdien­st zu verlassen.
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FOTO: MAXIMILIAN KÖNIG/RND Der Festsaal des Hamburger Rathauses ist bei Brorhilker­s Auftritt ausgebucht.
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FOTO: MAXIMILIAN KÖNIG/RND Unterstütz­ung: Die Linke wirbt mit einem in Schatten getauchtem Hamburger Rathaus für Brorhilker­s Auftritt.

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