Sachsische Zeitung (Freital Dippoldiswalde & Osterzgebirge)

Deutsche hadern mit Verteidigu­ng

Die meisten Bürgerinne­n und Bürger glauben, dass die Kriegsgefa­hr wächst. Sie glauben auch, dass die Militäraus­gaben steigen sollten und die Wehrpflich­t zur Not wieder eingesetzt werden muss. Aber die Bereitscha­ft, selbst in den Krieg zu ziehen, ist gerin

- Von Markus Decker Germany News · German Ministry of Defence · Boris Pistorius · Cameroon Armed Forces · German Ministry of Finance · Lars Klingbeil · German Defence Force · Johann Wenth · Ukraine · Donald · Donald · European Union · Europe · Europa · Germany · Germany · Poland · Polen · Poland · Romania · Lithuania · NATO · Lage · Christian Social Union · Alternative for Germany · Fall · West · Internatsional · United States of America · 1. FC Union Berlin · Union · Union · Krieg · Krieg · Bürger · Lars · Forsa Institute · negation · Gallup, NM

Auf wenigen Feldern der deutschen Innenpolit­ik haben sich in den letzten Jahren so radikale Veränderun­gen ergeben wie auf dem der Verteidigu­ng. Die neuesten Entscheidu­ngen beweisen das nachdrückl­ich.

Verteidigu­ngsministe­r Boris Pistorius (SPD) präsentier­te soeben einen Gesetzentw­urf zum neuen Wehrdienst. Er sieht vor, perspektiv­isch alle 18- bis 25-jährigen Frauen und Männer anzuschrei­ben. Sie sollen Auskunft zu ihrer Eignung und Bereitscha­ft geben, in den Dienst der Streitkräf­te zu treten. Männer müssen antworten, Frauen nicht. Zudem soll die Musterung für junge Männer ab 2028 wieder verpflicht­end sein. Gelingt es nicht, den wachsenden Bedarf der Truppe durch Freiwillig­e zu decken, soll die 2011 ausgesetzt­e Wehrpflich­t wieder eingesetzt werden.

Nicht weniger radikal ist der Haushaltse­ntwurf von Bundesfina­nzminister Lars Klingbeil (SPD) für das kommende Jahr. Er beinhaltet Verteidigu­ngsausgabe­n von rund 82,7 Milliarden Euro – plus 25,5 Milliarden Euro aus dem Sonderverm­ögen für die Bundeswehr aus dem Jahr 2022. 2014 lag der Etat noch bei 32,4 Milliarden Euro. Ein ehemaliger Zivildiens­tleistende­r verantwort­et also ein Rekord-Militärbud­get.

Unsicherhe­it in Europa

Die Ursachen für den Wandel sind bekannt: Russlands Angriff auf die Ukraine und die erneute Wahl Donald Trumps zum US-Präsidente­n samt der damit verbundene­n Unsicherhe­it in Europa.

Dass sich auch die Meinung der Bevölkerun­g zu Verteidigu­ngsfragen wandelt, zeigt eine repräsenta­tive Umfrage, die das Redaktions­Netzwerk Deutschlan­d (RND) beim Meinungsfo­rschungsin­stitut Forsa in Auftrag gegeben hat und deren Ergebnisse unter 1002 Befragten vom 28. und 29. Juli jetzt vorliegen.

Zwar halten es lediglich 27 Prozent der Bundesbürg­erinnen und Bundesbürg­er für sehr oder eher wahrschein­lich, dass Deutschlan­d in den nächsten fünf Jahren militärisc­h angegriffe­n wird. Allerdings glauben 59 Prozent der Befragten, dass Deutschlan­d in den nächsten fünf Jahren im Rahmen seiner Beistandsp­flicht einem anderen NatoMitgli­ed militärisc­h zu Hilfe kommen muss, weil dieses angegriffe­n wurde. Experten rechnen damit, dass das vor allem im Baltikum, in Polen oder in Rumänien geschehen könnte. In Litauen ist die Bundeswehr deshalb damit beschäftig­t, eine ständige Brigade von 5000 Soldatinne­n und Soldaten zu errichten.

Offenkundi­g ist ferner, dass die Deutschen an der Verteidigu­ngsfähigke­it ihres Landes gewisse Zwei

fel hegen. So halten 41 Prozent der von Forsa im Auftrag des RND befragten Frauen und Männer die Bundeswehr eher für eine der schlechter ausgerüste­ten Nato-Armeen. Etwa die Hälfte der Befragten, nämlich 46 Prozent, sieht sie im Mittelfeld.

Verteidige­n wollen wenige

Umso spannender ist die Frage, was die Deutschen zur Verbesseru­ng der Lage für nötig erachten. Die Antwort scheint zunächst eindeutig: 67 Prozent der Befragten finden es prinzipiel­l richtig, dass Deutschlan­d seine Ausgaben für die Bundeswehr und die Verteidigu­ng bis zum Jahr 2032 verdoppeln will, 30 Prozent finden es falsch. Dabei gibt es deutliche Unterschie­de zwischen den Anhängern der verschiede­nen Parteien. Die Anhänger von CDU und CSU stehen nahezu geschlosse­n hinter der geplanten Verdoppelu­ng. Nahezu geschlosse­n bedeutet: 92 Prozent. 75 Prozent der SPD- und 76 Prozent der Grünen-Anhänger sehen das genauso. Unter den Anhängern der Linken sind dagegen 59 Prozent gegen diesen Anstieg des Etats, unter AfD-Anhängern sind es 52 Prozent.

Widersprüc­hlich ist jedoch, was die Deutschen über eine Wiedereins­etzung der Wehrpflich­t sagen – und ihre Bereitscha­ft, selbst zur Verteidigu­ng beizutrage­n. Hier ergibt sich eine Diskrepanz. Zwar sprechen sich rund 60 Prozent der Befragten dafür aus, einen verpflicht­enden Wehrdienst einzuführe­n, wenn es nicht gelingen sollte, in den nächsten Jahren genug junge Menschen auf freiwillig­er Basis zu gewinnen. Dagegen sind 37 Prozent. Freilich findet sich in der Altersgrup­pe derer, die ein solcher Schritt am ehesten betreffen würde, die größte Zahl an Kritikern. So halten 61 Prozent der 18- bis 29-Jährigen von einer

Wiedereins­etzung der Wehrpflich­t nichts; in den nachfolgen­den Altersgrup­pen ist dieser Prozentsat­z jeweils nur ungefähr halb so hoch.

Überwiegen­d ablehnend reagieren Menschen auf das Ansinnen, Deutschlan­d im Falle eines Angriffs auch selbst mit der Waffe zu verteidige­n. Denn 59 Prozent wären dazu „wahrschein­lich nicht“oder „auf keinen Fall“bereit. Dabei ist die Ablehnung unter Frauen mit 72 Prozent deutlich größer als unter Männern mit 46 Prozent. Auch überwiegt das Nein zu einer solchen Beteiligun­g in der Altersgrup­pe der über 60-Jährigen mit 68 Prozent sichtbar, das in der Altersgrup­pe der 18- bis 29-Jährigen mit 56 Prozent.

Schließlic­h birgt die Umfrage eine kleine Überraschu­ng mit Blick auf das Ost-West-Verhältnis. Denn einerseits ist bekannt, dass die Ostdeutsch­en einer Unterstütz­ung der Ukraine im Kampf gegen den russischen Angriff oft ablehnend gegenübers­tehen. Anderersei­ts sind die Ostdeutsch­en Forsa zufolge geringfügi­g häufiger für die Wiedereins­etzung der Wehrpflich­t als die Westdeutsc­hen. Auch sind sie persönlich geringfügi­g verteidigu­ngsbereite­r als diese. Von einem spezifisch ostdeutsch­en Anti-Militarism­us kann man jedenfalls nicht sprechen.

Die Gefahr wächst

Internatio­nal ist die persönlich­e Verteidigu­ngsbereits­chaft der Deutschen ebenfalls eher unterentwi­ckelt. Laut Forsa-Umfrage für das RND lag die Bereitscha­ft hierzuland­e bei 16 Prozent. Einer internatio­nalen Gallup-Umfrage aus dem vergangene­n Jahr zufolge sind unterdesse­n 41 Prozent der US-Amerikaner kampfberei­t, 34 Prozent der Kanadier und 32 der Befragten in der Europäisch­en Union. Deutlich höher ist hierzuland­e dafür die Bereitscha­ft der Gesamtbevö­lkerung, im Falle eines militärisc­hen Angriffs auf Deutschlan­d an Maßnahmen zum Zivilschut­z teilzunehm­en. Dazu wären 55 Prozent „auf jeden Fall“und 33 Prozent „wahrschein­lich“willens.

Wollte man einen Strich unter diese Zahlen und eine entspreche­nde Bilanz ziehen, dann fiele diese ungefähr so aus: Die Deutschen sind mehrheitli­ch der Ansicht, dass die Gefahr für das eigene Land, in einen Krieg verwickelt zu werden, wächst. Ebenso sind sie mehrheitli­ch der Meinung, dass Deutschlan­d mehr Geld in die eigene Verteidigu­ng stecken sollte. Wenn es um einen persönlich­en Beitrag zu dieser Verteidigu­ng geht – der bekanntlic­h auch darin bestehen kann, verletzt oder getötet zu werden –, sind die Bürgerinne­n und Bürger indes deutlich zurückhalt­ender. Für die Politik dürfte es in den nächsten Jahren nicht zuletzt darum gehen, diese Kluft zu überbrücke­n. Denn gerade die Bereitscha­ft zu einem persönlich­en Beitrag ist dringliche­r als je zuvor.

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FOTO: IMAGO/FLORIAN GAERTNER/PHOTOTHEK Eine Armee im Wandel: Soldaten der Bundeswehr, aufgenomme­n bei einer Bundeswehr­übung in Barth.
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FOTO: M. POPOW/DPA Setzt auf den neuen Wehrdienst: Verteidigu­ngsministe­r Boris Pistorius bei einem feierliche­n Gelöbnis für Rekruten.

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