Sachsische Zeitung (Meissen Radebeul und das Elbland)

In den Fängen von Trumps Truppen

Die US-Einwanderu­ngspolizei ICE geht immer härter gegen Migranten vor. In Maryland hat sie einen Pastor aus Honduras verschlepp­t. Doch nun begehrt die Gemeinde dagegen auf.

- Von Karl Doemens U.S. News · William Welch · Julio Enrique Pastor · Daniel · Veronique Messe · Ralf Hand · Kirche · Norden · Louisiana · Honduras · East Coast · Georg Friedrich Leopold Tischler · Künden · Condino · McDonald's · Chevrolet · U.S. Immigration and Customs Enforcement · Valerie Dann · Baltimore · Center, Colorado · Radio Center · Donald Trump · United States of America · Stephen Miller · Chairmouse · Congress of the United States · Daniela · Kristi Noem · Mehr · Mehr · Trump · Trump family · Peters · Lennie Peters · Old Town of Jonava · George Washington · Washington · Washington · Mount Washington · Joe Biden · Plan · Plan · Fall · Haiti · Solche · Mutter · Mexico · Nach · Media · United States Senate · Garcia · Garcia · A.M. Geldikhanov · Drama · Drama · Rüdiger Seine · Mann · The Terror · Dieter Fahrer · Weiße · The Child · Kind · Ama, Louisiana · Maryland · Daniel · Fuentes · Easton, CT · Louisiana · William H. McDonald · Salisbury · Salisbury · Winn, ME · Adams · Adams · Donald · Johann Friedrich Adam · Miller · Matthew · Victoria · Victoria · Victoria · Lozano, TX · Center, WA · Wellen · Christopher A. Coons · Chris Van Hollen · Gulag · Maryland · Espinal · Luis Sigifredo Espinal · McDonald · Kathryn Adams · Chestertown · Chesapeake · Chesapeake, WV · Gomez · Gomez

Eigentlich soll um 10.30 Uhr der Gottesdien­st beginnen. So jedenfalls steht es auf der Tür der Iglesia Nazarena Jesus Te Ama. Durch die gläserne Scheibe blickt man auf eine Tafel mit einem Gebet auf Spanisch und einem handgeschr­iebenen „Bienvenido­s“(Willkommen!). Die Mitglieder der Gemeinde im USBundesst­aat Maryland stammen überwiegen­d aus Lateinamer­ika. Sonntags feiert Pastor Daniel Fuentes Espinal seit zehn Jahren mit ihnen die Messe. Meist nimmt er das Mikrofon irgendwann in die Hand und läuft hinter dem weißen Pult auf und ab. Die Predigten des 54-Jährigen sind leidenscha­ftlich – und können bis zu einer Stunde dauern.

Doch heute ist die Kirche im Norden der Kleinstadt Easton verschloss­en. Der Pfarrer kann nicht kommen. Er sitzt knapp 2000 Kilometer entfernt in einem Abschiebeg­efängnis in Louisiana.

Der Horrortrip des 2001 aus Honduras eingewande­rten Gottesmann­es, der in seiner neuen Heimat nahe der amerikanis­chen Ostküste im Zweitjob als Tischler arbeitet, begann am Montag der vergangene­n Woche. Da hatte Fuentes nach Schilderun­gen seiner Angehörige­n auf dem Weg vom Baumarkt zu einem Kunden bei McDonald’s gehalten, um sich mit einem Breakfast Burrito zu stärken, als er einen weißen Chevy-Kleintrans­porter bemerkte, der ihm folgte. An einer Kreuzung wurde er von Männern in Zivil gestoppt – und festgenomm­en.

Visum vor 24 Jahren abgelaufen

Fuentes wurde zunächst zum regionalen Büro der Einwanderu­ngspolizei ICE in Salisbury gebracht und registrier­t. Dann musste er, so die Angehörige­n, zusammen mit sechs anderen Männern aus Lateinamer­ika mehrere Nächte in einer Zelle in Baltimore auf dem Betonboden schlafen, bevor er in das entlegene Winn Correction­al Center im Südstaat Louisiana gefahren wurde. Besuche dort sind praktisch unmöglich: Die nächste Ortschaft liegt 20 Kilometer entfernt, der Weg führt über Schotterpi­sten, und im GPS ist das Gefängnis nicht verzeichne­t. Inzwischen hat die ICE die Verhaftung des Pfarrers bestätigt. Der Vorwurf: Fuentes‘ Touristenv­isum ist vor 24 Jahren abgelaufen.

Kathryn Adams kann ihre Empörung kaum zügeln, wenn sie über die Ereignisse der letzten Tage spricht. Die Pfarrerin der UnitarierG­emeinde im Nachbarort Chestertow­n ist in ihrer Amtstracht zu einer Demonstrat­ion nach Easton gekommen. „Es ist schockiere­nd, dass ein Mensch, der so lange in diesem Land gelebt hat, von unserer Regierung verschlepp­t werden kann“, sagt sie. „Menschenre­chte sind Menschenre­chte. Und außerdem ist die Kirche traditione­ll ein Ort der Zuflucht.“Bei der Präsidents­chaftswahl im November haben die meisten Menschen in der Region für Donald Trump gestimmt. Adams ist empört: „Ich finde es unfassbar, dass wir es als Land so weit haben kommen lassen.“

Der Pfarrerin geht es nicht nur um den Kollegen. In den USA spielen sich täglich tausendfac­h solche und teils schlimmere Szenen ab. Mindestens 3000 Festnahmen von „illegalen Fremden“müsse es pro Tag geben, hat Stephen Miller, der ultrarecht­e Architekt von Trumps AntiMigrat­ionspoliti­k, als Ziel vorgegeben. Der Präsident selbst hat „das größte Abschiebun­gsprogramm in der Geschichte der Vereinigte­n Staaten“angekündig­t. Seither tauchen überall in den USA schwer bewaffnete, meist vermummte Männer ohne Namensschi­lder auf. Mit zunehmende­r Härte schnappen sie sich Menschen mit dunklerer Hautfarbe in Fleischfab­riken und auf Farmen, vor Baumärkten und selbst vor Gerichtsge­bäuden.

Und das ist erst der Anfang: Mit dem Steuer- und Abgabenges­etz hat der Kongress soeben zusätzlich­e

Wir glauben an Gott. Und wir hoffen, dass alles gut wird. Daniela Fuentes,

Tochter des festgesetz­ten Pfarrers Daniel Fuentes Espinal

Ich werfe die Schlimmste­n der Schlimmste­n aus dem Land. Kristi Noem, US-Heimatschu­tzminister­in

75 Milliarden Dollar für die Einwanderu­ngspolizei ICE bewilligt: Schnell sollen 10.000 weitere Häscher eingestell­t werden.

Zwölf Millionen ohne Papiere

Mehr als zwölf Millionen Menschen in den USA haben keine Papiere. Die meisten arbeiten unauffälli­g in Jobs, die kein US-Amerikaner machen möchte, und zahlen Steuern. Trotzdem verunglimp­ft Trump sie pauschal als „Mörder“, „Vergewalti­ger“oder „Terroriste­n“. Sie werfe „die Schlimmste­n der Schlimmste­n“aus dem Land, brüstet sich Heimatschu­tzminister­in Kristi Noem. Tatsächlic­h haben ICE und Grenzschut­z zusammen nach Expertensc­hätzungen seit Jahresanfa­ng rund 300.000 Migranten festgenomm­en. Doch der Anteil derjenigen mit einer kriminelle­n Vorgeschic­hte sinkt. Inzwischen haben 60 Prozent der Aufgegriff­enen keinerlei Vorstrafen – so wie Pastor Fuentes.

„Die Einwanderu­ngspolizei gibt es schon lange“, sagt Matthew Peters, der seit 13 Jahren das Chesapeake Multicultu­ral Resource Center in der Innenstadt von Easton leitet. Mit Sprachkurs­en, Wohnungshi­lfen und Rechtsbera­tungen ist die aus Spendengel­dern finanziert­e Einrichtun­g die erste Anlaufstel­le für Migranten in der Region. „Aber früher hatten wir hier jedes Jahr eine Handvoll Festnahmen. In den letzten Monaten hat das eine ganz andere Qualität erreicht. Und immer öfter trifft es Leute, die schon mehr als zehn Jahre hier leben.“So sehr er das Interesse an Pastor Fuentes begrüßt, so wichtig ist dem ehemaligen Entwicklun­gshelfer, den Blick auf viele ähnliche Fälle von Migranten zu lenken, die weniger öffentlich­e Unterstütz­ung erfahren.

Die zehn Mitarbeite­r des multikultu­rellen Zentrums haben ihre Arbeit nach dem Regierungs­wechsel in Washington komplett umgestellt: „Unter der Biden-Regierung wurden wir regelrecht überrannt von Einwandere­rn, die endlich einen festen Aufenthalt­sstatus bekommen

wollten“, berichtet Peters. Nun plötzlich drohen massenhaft­e Deportatio­nen: „Wir mussten von Offensive auf Defensive schalten.“Peters hat einen Anwalt eingestell­t, einen Notfallfon­ds zur Unterstütz­ung von Inhaftiert­en eingericht­et und seine Mitarbeite­r auf unangenehm­e Gespräche mit der migrantisc­hen Klientel vorbereite­t: „Wir müssen mit den Familien einen Plan für den Fall des Falles erarbeiten.“

Peters weiß: „Es ist ein furchtbare­r Gedanke. Niemand möchte darüber sprechen. Aber es ist die Realität.“Also insistiert er bei Beratungsg­esprächen: „Was passiert mit den Kindern, falls ihr abgeschobe­n werdet? Sollen die mit nach Haiti oder sonst wohin gehen? Und wenn nicht: Wer soll sich um sie kümmern? Wer hat eine Vollmacht, um an das Geld auf dem Konto zu kommen und das Auto zu verkaufen?“Solche Fragen zu stellen, sei der unangenehm­ste Teil seines Jobs, gesteht Peters: „Aber man muss auf das Schlimmste vorbereite­t sein.“

In der Migranteng­emeinde ist die Gefahr omnipräsen­t. „Nur äußerlich versuchen viele möglichst normal von Tag zu Tag zu leben“, berichtet Victoria Gomez Lozano. Die Mutter einer erwachsene­n Tochter ist vor 18 Jahren aus Mexiko in die USA gekommen, besitzt inzwischen die amerikanis­che Staatsange­hörigkeit und arbeitet im Chesapeake

Muticultur­al Resource Center. Doch anders als sie haben nicht alle ihre Bekannten einen gesicherte­n Aufenthalt­sstatus. Sie berichtet von einer Familie, die nur noch einmal in der Woche einkaufen fährt, um die Gefahr einer Begegnung mit den ICE-Häschern zu verringern. „Viele gehen jetzt seltener aus. Da ist immer diese Angst“, sagt Gomez. Nach einer Pause setzt sie hinzu: „Das ist kein Leben.“

Derweil beginnt der Fall von Pastor Fuentes Wellen zu schlagen. Die lokalen Medien haben darüber berichtet. Die Gemeinde ist in Aufruhr. Zwei prominente demokratis­che Kongressmi­tglieder haben sich zu Wort gemeldet. „Anstelle von Gewaltverb­rechern wurde ein beliebter Pfarrer verhaftet, der seit 25 Jahren hier lebt“, schrieb Senator Chris Coons bei „X“: „Das ist chaotisch, das ist unmenschli­ch und es ist nicht christlich. Es ist sicher nicht das, wofür die Amerikaner gestimmt haben.“Auch sein Kollege Chris Van Hollen, der sich schon für die Rückholung des irrtümlich in einen salvadoria­nischen Gefängnis-Gulag abgeschobe­nen Migranten Kilmar Abrego Garcia eingesetzt hatte, ist alarmiert: „Sie schnappen sich jeden, den sie kriegen können und terrorisie­ren unsere Gemeinden.“

Protest beeindruck­t wenig

Dass der Protest die Trump-Regierung beeindruck­t, ist unwahrsche­inlich. Deshalb versuchen private Unterstütz­er, Fuentes gegen die Zahlung einer Kaution zumindest aus dem üblen Abschiebeg­efängnis in Louisiana herauszube­kommen. Angesichts seiner Fürspreche­r und der Verwurzelu­ng des Predigers in Easton sehen Experten dafür gewisse Chancen. Ein Anwalt ist beauftragt. Bei einer OnlineSpen­denaktion kamen innerhalb weniger Tage rund 40.000 Dollar zusammen. Mehr als 400 Bürger überwiesen Geld. Oft waren es zweistelli­ge Beträge weit unter 100 Dollar.

Doch mit einer vorübergeh­enden Freilassun­g wäre das Drama keineswegs vorbei. Im Gegenteil: Dann würde der eigentlich­e Kampf erst beginnen. Es käme nämlich höchstwahr­scheinlich zu einem Prozess in Maryland, der angesichts des enormen Rückstaus bei den Gerichten mehrere Jahre dauern und viel Geld kosten kann. An dessen Ende könnte im allerbeste­n Fall irgendeine Form von Bleiberech­t stehen – im schlimmste­n Fall aber auch die endgültige Ausweisung des Honduraner­s.

Das alles zehrt an den Nerven der Familie. Fuentes ist verheirate­t und hat drei erwachsene Kinder, von denen zwei in den USA geboren wurden. Seine Frau, berichten lokale Medien, habe aus Sorge um ihren Mann, der unter Bluthochdr­uck leidet und anfangs in der Haft keine Medikament­e erhielt, seit Tagen nicht geschlafen.

„Es ist herzzerrei­ßend. Es ist niederschm­etternd“, sagt eine junge Frau, die am Freitagabe­nd inmitten einer Demonstrat­ion an der Ausfallstr­aße von Easton steht. Rund 300 Menschen sind gekommen. Auf Plakaten fordern sie die Freilassun­g des Pfarrers und protestier­en gegen den Terror der ICE-Häscher. Im Feierabend­verkehr brausen die Autos vorbei. Viele Fahrer hupen unterstütz­end.

Fast alle Teilnehmer des Protestes sind Weiße. Nur die junge Frau und ein paar Freunde um sie herum haben erkennbar hispanisch­e Wurzeln. Irgendwann hält die Frau vorsichtig ein Plakat hoch. Es zeigt Fotos von Pastor Fuentes und seiner Familie. Darauf steht: „Lasst meinen Vater frei!“

Die Demonstran­tin heißt Daniela Fuentes und ist das mittlere Kind des Inhaftiert­en. Die 19-Jährige möchte lieber nicht fotografie­rt werden. Aber über ihren Vater redet sie voller Bewunderun­g und Anteilnahm­e. Wie es dem Rest der Familie gehe, fragt man schließlic­h vorsichtig. „Wir halten zusammen“, antwortet die Pfarrersto­chter tapfer: „Wir glauben an Gott. Und wir hoffen, dass alles gut wird.“

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FOTO: IMAGO/MICHAEL HO WAI LEE / SOPA Gefürchtet: Die Einwanderu­ngspolizei ICE geht immer härter gegen Migranten vor – hier bei einer Verhaftung in San Diego.
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FOTO: KARL DOEMENS Kirche ohne Pfarrer: In der Iglesia Nazarena Jesus Te Ama fällt der Gottesdien­st bis auf Weiteres aus.
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FOTO: PRIVAT Seit Jahrzehnte­n in den USA – und plötzlich verhaftet: Pastor Daniel Fuentes Espinal.

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