Sachsische Zeitung (Meissen Radebeul und das Elbland)
In den Fängen von Trumps Truppen
Die US-Einwanderungspolizei ICE geht immer härter gegen Migranten vor. In Maryland hat sie einen Pastor aus Honduras verschleppt. Doch nun begehrt die Gemeinde dagegen auf.
Eigentlich soll um 10.30 Uhr der Gottesdienst beginnen. So jedenfalls steht es auf der Tür der Iglesia Nazarena Jesus Te Ama. Durch die gläserne Scheibe blickt man auf eine Tafel mit einem Gebet auf Spanisch und einem handgeschriebenen „Bienvenidos“(Willkommen!). Die Mitglieder der Gemeinde im USBundesstaat Maryland stammen überwiegend aus Lateinamerika. Sonntags feiert Pastor Daniel Fuentes Espinal seit zehn Jahren mit ihnen die Messe. Meist nimmt er das Mikrofon irgendwann in die Hand und läuft hinter dem weißen Pult auf und ab. Die Predigten des 54-Jährigen sind leidenschaftlich – und können bis zu einer Stunde dauern.
Doch heute ist die Kirche im Norden der Kleinstadt Easton verschlossen. Der Pfarrer kann nicht kommen. Er sitzt knapp 2000 Kilometer entfernt in einem Abschiebegefängnis in Louisiana.
Der Horrortrip des 2001 aus Honduras eingewanderten Gottesmannes, der in seiner neuen Heimat nahe der amerikanischen Ostküste im Zweitjob als Tischler arbeitet, begann am Montag der vergangenen Woche. Da hatte Fuentes nach Schilderungen seiner Angehörigen auf dem Weg vom Baumarkt zu einem Kunden bei McDonald’s gehalten, um sich mit einem Breakfast Burrito zu stärken, als er einen weißen Chevy-Kleintransporter bemerkte, der ihm folgte. An einer Kreuzung wurde er von Männern in Zivil gestoppt – und festgenommen.
Visum vor 24 Jahren abgelaufen
Fuentes wurde zunächst zum regionalen Büro der Einwanderungspolizei ICE in Salisbury gebracht und registriert. Dann musste er, so die Angehörigen, zusammen mit sechs anderen Männern aus Lateinamerika mehrere Nächte in einer Zelle in Baltimore auf dem Betonboden schlafen, bevor er in das entlegene Winn Correctional Center im Südstaat Louisiana gefahren wurde. Besuche dort sind praktisch unmöglich: Die nächste Ortschaft liegt 20 Kilometer entfernt, der Weg führt über Schotterpisten, und im GPS ist das Gefängnis nicht verzeichnet. Inzwischen hat die ICE die Verhaftung des Pfarrers bestätigt. Der Vorwurf: Fuentes‘ Touristenvisum ist vor 24 Jahren abgelaufen.
Kathryn Adams kann ihre Empörung kaum zügeln, wenn sie über die Ereignisse der letzten Tage spricht. Die Pfarrerin der UnitarierGemeinde im Nachbarort Chestertown ist in ihrer Amtstracht zu einer Demonstration nach Easton gekommen. „Es ist schockierend, dass ein Mensch, der so lange in diesem Land gelebt hat, von unserer Regierung verschleppt werden kann“, sagt sie. „Menschenrechte sind Menschenrechte. Und außerdem ist die Kirche traditionell ein Ort der Zuflucht.“Bei der Präsidentschaftswahl im November haben die meisten Menschen in der Region für Donald Trump gestimmt. Adams ist empört: „Ich finde es unfassbar, dass wir es als Land so weit haben kommen lassen.“
Der Pfarrerin geht es nicht nur um den Kollegen. In den USA spielen sich täglich tausendfach solche und teils schlimmere Szenen ab. Mindestens 3000 Festnahmen von „illegalen Fremden“müsse es pro Tag geben, hat Stephen Miller, der ultrarechte Architekt von Trumps AntiMigrationspolitik, als Ziel vorgegeben. Der Präsident selbst hat „das größte Abschiebungsprogramm in der Geschichte der Vereinigten Staaten“angekündigt. Seither tauchen überall in den USA schwer bewaffnete, meist vermummte Männer ohne Namensschilder auf. Mit zunehmender Härte schnappen sie sich Menschen mit dunklerer Hautfarbe in Fleischfabriken und auf Farmen, vor Baumärkten und selbst vor Gerichtsgebäuden.
Und das ist erst der Anfang: Mit dem Steuer- und Abgabengesetz hat der Kongress soeben zusätzliche
Wir glauben an Gott. Und wir hoffen, dass alles gut wird. Daniela Fuentes,
Tochter des festgesetzten Pfarrers Daniel Fuentes Espinal
Ich werfe die Schlimmsten der Schlimmsten aus dem Land. Kristi Noem, US-Heimatschutzministerin
75 Milliarden Dollar für die Einwanderungspolizei ICE bewilligt: Schnell sollen 10.000 weitere Häscher eingestellt werden.
Zwölf Millionen ohne Papiere
Mehr als zwölf Millionen Menschen in den USA haben keine Papiere. Die meisten arbeiten unauffällig in Jobs, die kein US-Amerikaner machen möchte, und zahlen Steuern. Trotzdem verunglimpft Trump sie pauschal als „Mörder“, „Vergewaltiger“oder „Terroristen“. Sie werfe „die Schlimmsten der Schlimmsten“aus dem Land, brüstet sich Heimatschutzministerin Kristi Noem. Tatsächlich haben ICE und Grenzschutz zusammen nach Expertenschätzungen seit Jahresanfang rund 300.000 Migranten festgenommen. Doch der Anteil derjenigen mit einer kriminellen Vorgeschichte sinkt. Inzwischen haben 60 Prozent der Aufgegriffenen keinerlei Vorstrafen – so wie Pastor Fuentes.
„Die Einwanderungspolizei gibt es schon lange“, sagt Matthew Peters, der seit 13 Jahren das Chesapeake Multicultural Resource Center in der Innenstadt von Easton leitet. Mit Sprachkursen, Wohnungshilfen und Rechtsberatungen ist die aus Spendengeldern finanzierte Einrichtung die erste Anlaufstelle für Migranten in der Region. „Aber früher hatten wir hier jedes Jahr eine Handvoll Festnahmen. In den letzten Monaten hat das eine ganz andere Qualität erreicht. Und immer öfter trifft es Leute, die schon mehr als zehn Jahre hier leben.“So sehr er das Interesse an Pastor Fuentes begrüßt, so wichtig ist dem ehemaligen Entwicklungshelfer, den Blick auf viele ähnliche Fälle von Migranten zu lenken, die weniger öffentliche Unterstützung erfahren.
Die zehn Mitarbeiter des multikulturellen Zentrums haben ihre Arbeit nach dem Regierungswechsel in Washington komplett umgestellt: „Unter der Biden-Regierung wurden wir regelrecht überrannt von Einwanderern, die endlich einen festen Aufenthaltsstatus bekommen
wollten“, berichtet Peters. Nun plötzlich drohen massenhafte Deportationen: „Wir mussten von Offensive auf Defensive schalten.“Peters hat einen Anwalt eingestellt, einen Notfallfonds zur Unterstützung von Inhaftierten eingerichtet und seine Mitarbeiter auf unangenehme Gespräche mit der migrantischen Klientel vorbereitet: „Wir müssen mit den Familien einen Plan für den Fall des Falles erarbeiten.“
Peters weiß: „Es ist ein furchtbarer Gedanke. Niemand möchte darüber sprechen. Aber es ist die Realität.“Also insistiert er bei Beratungsgesprächen: „Was passiert mit den Kindern, falls ihr abgeschoben werdet? Sollen die mit nach Haiti oder sonst wohin gehen? Und wenn nicht: Wer soll sich um sie kümmern? Wer hat eine Vollmacht, um an das Geld auf dem Konto zu kommen und das Auto zu verkaufen?“Solche Fragen zu stellen, sei der unangenehmste Teil seines Jobs, gesteht Peters: „Aber man muss auf das Schlimmste vorbereitet sein.“
In der Migrantengemeinde ist die Gefahr omnipräsent. „Nur äußerlich versuchen viele möglichst normal von Tag zu Tag zu leben“, berichtet Victoria Gomez Lozano. Die Mutter einer erwachsenen Tochter ist vor 18 Jahren aus Mexiko in die USA gekommen, besitzt inzwischen die amerikanische Staatsangehörigkeit und arbeitet im Chesapeake
Muticultural Resource Center. Doch anders als sie haben nicht alle ihre Bekannten einen gesicherten Aufenthaltsstatus. Sie berichtet von einer Familie, die nur noch einmal in der Woche einkaufen fährt, um die Gefahr einer Begegnung mit den ICE-Häschern zu verringern. „Viele gehen jetzt seltener aus. Da ist immer diese Angst“, sagt Gomez. Nach einer Pause setzt sie hinzu: „Das ist kein Leben.“
Derweil beginnt der Fall von Pastor Fuentes Wellen zu schlagen. Die lokalen Medien haben darüber berichtet. Die Gemeinde ist in Aufruhr. Zwei prominente demokratische Kongressmitglieder haben sich zu Wort gemeldet. „Anstelle von Gewaltverbrechern wurde ein beliebter Pfarrer verhaftet, der seit 25 Jahren hier lebt“, schrieb Senator Chris Coons bei „X“: „Das ist chaotisch, das ist unmenschlich und es ist nicht christlich. Es ist sicher nicht das, wofür die Amerikaner gestimmt haben.“Auch sein Kollege Chris Van Hollen, der sich schon für die Rückholung des irrtümlich in einen salvadorianischen Gefängnis-Gulag abgeschobenen Migranten Kilmar Abrego Garcia eingesetzt hatte, ist alarmiert: „Sie schnappen sich jeden, den sie kriegen können und terrorisieren unsere Gemeinden.“
Protest beeindruckt wenig
Dass der Protest die Trump-Regierung beeindruckt, ist unwahrscheinlich. Deshalb versuchen private Unterstützer, Fuentes gegen die Zahlung einer Kaution zumindest aus dem üblen Abschiebegefängnis in Louisiana herauszubekommen. Angesichts seiner Fürsprecher und der Verwurzelung des Predigers in Easton sehen Experten dafür gewisse Chancen. Ein Anwalt ist beauftragt. Bei einer OnlineSpendenaktion kamen innerhalb weniger Tage rund 40.000 Dollar zusammen. Mehr als 400 Bürger überwiesen Geld. Oft waren es zweistellige Beträge weit unter 100 Dollar.
Doch mit einer vorübergehenden Freilassung wäre das Drama keineswegs vorbei. Im Gegenteil: Dann würde der eigentliche Kampf erst beginnen. Es käme nämlich höchstwahrscheinlich zu einem Prozess in Maryland, der angesichts des enormen Rückstaus bei den Gerichten mehrere Jahre dauern und viel Geld kosten kann. An dessen Ende könnte im allerbesten Fall irgendeine Form von Bleiberecht stehen – im schlimmsten Fall aber auch die endgültige Ausweisung des Honduraners.
Das alles zehrt an den Nerven der Familie. Fuentes ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder, von denen zwei in den USA geboren wurden. Seine Frau, berichten lokale Medien, habe aus Sorge um ihren Mann, der unter Bluthochdruck leidet und anfangs in der Haft keine Medikamente erhielt, seit Tagen nicht geschlafen.
„Es ist herzzerreißend. Es ist niederschmetternd“, sagt eine junge Frau, die am Freitagabend inmitten einer Demonstration an der Ausfallstraße von Easton steht. Rund 300 Menschen sind gekommen. Auf Plakaten fordern sie die Freilassung des Pfarrers und protestieren gegen den Terror der ICE-Häscher. Im Feierabendverkehr brausen die Autos vorbei. Viele Fahrer hupen unterstützend.
Fast alle Teilnehmer des Protestes sind Weiße. Nur die junge Frau und ein paar Freunde um sie herum haben erkennbar hispanische Wurzeln. Irgendwann hält die Frau vorsichtig ein Plakat hoch. Es zeigt Fotos von Pastor Fuentes und seiner Familie. Darauf steht: „Lasst meinen Vater frei!“
Die Demonstrantin heißt Daniela Fuentes und ist das mittlere Kind des Inhaftierten. Die 19-Jährige möchte lieber nicht fotografiert werden. Aber über ihren Vater redet sie voller Bewunderung und Anteilnahme. Wie es dem Rest der Familie gehe, fragt man schließlich vorsichtig. „Wir halten zusammen“, antwortet die Pfarrerstochter tapfer: „Wir glauben an Gott. Und wir hoffen, dass alles gut wird.“