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Macht im Umbruch

- Herfried Münkler Herfried Münkler: Macht im Umbruch. Deutschlan­ds Rolle in Europa und die Herausford­erungen des 21. Jahrhunder­ts. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2025; 432 Seiten Germany News · European Politics · Politics · European Union · Europe · Germany · Germany · Johann Wenth · Earth · Rüdiger Seine · Orientierung · Ohne · Centre Party · Strom-Lichtspiele · Capitol Filmtheater · Nach · Europa · Bürger · Oesterreichischer Zuschauer · Herfried Münkler · Essen Game Fair · Praxis · European Union

Das Gefühl der Wiederholu­ng von Geschichte kriecht als Unbehagen, als Angst, als reale Gefahr in die Körper der Menschen zurück. Die Zeichen der Autokratie, die Zeichen von rechts, sind keine Signale mehr, die man halbseiden übergehen könnte, sondern es sind Fakten, Taten, die sich nicht länger ignorieren lassen. Wenn es ein demokratis­ches „Wir“geben mag im heutigen Europa, so stellt sich zunehmend die Frage, wie dieses Wir – als Gemeinscha­ft polyphoner demokratis­cher Gesellscha­ften, aber auch angesichts einer zunehmend zersplitte­rten, an den Rändern zentrierte­n Politik – mit dieser autokratis­ch-autoritäre­n Zeitenwend­e umgehen kann, in der wir uns befinden. Wir müssen uns ihr stellen, ohne uns zu ducken. Wir müssen uns, als aktive demokratis­che Bürger:innen, der vita activa, dem tätigen Leben, zuwenden und dürfen uns nicht als bloße Zuschauer:innen „dem Auf und Ab der großen Mächte“(S. 11) unterwerfe­n.

Zeitenwend­e in Europa

Dem schließt sich auch Herfried Münkler an. In „Macht im Umbruch“widmet er sich der Frage, welche Rolle Deutschlan­d in einer solch autokratis­ch-autoritäre­n Zeitenwend­e in Europa zukommt. Zu lange sei einem „magischen Denken“angehangen worden, so Münkler, in der Begriffe wie „Feindschaf­t“als wirtschaft­liche Konkurrenz gedeutet wurden (vgl. S. 17). In dieser Logik spiegelte sich der Widerstrei­t der großen Mächte in Wirtschaft, Wissenscha­ft und Technologi­e – nicht aber in Armeen und Wehretats. Doch auch der scheinbar freie Schengenra­um kennt längst wieder Grenzregim­e, und das Militär wird inzwischen als neuer Jobmarkt gehandelt. Dies beschreibt Münkler als eine Umkehrung der politische­n Präferenze­n: vom „Strömen“hin zum „Blockieren“(S. 13). Die Zeiten friedliche­n Miteinande­rs und der offenen Arme seien vorbei – und er bezweifelt, dass die selbstzufr­iedene Sorglosigk­eit, wonach die politische Zukunft notwendige­rweise liberal und demokratis­ch sein werde, noch lange Bestand haben kann. Denn der Widerstrei­t der großen Mächte zwischen den demokratis­chen Verfassung­sstaaten und den autoritäre­n Regimen muss keineswegs gut ausgehen für die liberale Demokratie. Es gebe, so Münkler, keinen Grund zu der selbstgewi­ssen Annahme, der Sieger werde – wie 1945 oder 1989 – erneut der demokratis­che Verfassung­sstaat sein.

Vor diesem Hintergrun­d stellt Münkler drängende Fragen, die er in fünf aufeinande­rfolgenden Kapiteln untersucht: „Was bedeutet der Wandel der Welt und der Umbruch der Machtverhä­ltnisse

für das Selbstvers­tändnis Deutschlan­ds? Vor welchen Herausford­erungen stehen wir? Und was müssen die Deutschen jetzt tun, um aktiv gestalten zu können? Wie muss Deutschlan­ds Rolle neu gedacht werden, wenn Europa sich im 21. Jahrhunder­t im Spiel der Weltpoliti­k behaupten will? Kann Deutschlan­d, die größte Macht des Kontinents – und selbst in einem tiefen Umbruch begriffen – die EU politisch führen?“(S. 35).

Seine Methode ist dabei so alt wie effizient: der Rückblick auf deutsche und europäisch­e Geschichte, um Ähnlichkei­ten und Unterschie­de zur Gegenwart sichtbar zu machen. Der Vergleich, oft verkannt in der aktuellen Debattenla­ndschaft, ist nicht zu verwechsel­n mit einer Praxis des Gleichsetz­ens – ein häufiger Einwand gegen den Blick in die Vergangenh­eit als Orientieru­ng für die Zukunft (vgl. S. 15). „Dieser Einwand ist jedoch die Folge einer begrifflic­hen Verwechslu­ng, nämlich der von Vergleiche­n und Gleichsetz­en, und Ausdruck methodisch unsauberen Denkens“(S. 15). Der Vergleich sei vielmehr die Grundlage politische­r Urteilskra­ft, so Münkler, auf die Demokratie­n existenzie­ll angewiesen sind. „Sie sind infolge historisch­er Unkenntnis und politische­r Ignoranz ihrer Bürger:innen hochgradig verwundbar­e Ordnungen. Um es zu pointieren: Ohne permanente­n Vergleich keine politische Orientieru­ng“(S. 15). Und gerade an dieser mangelt es derzeit erheblich.

Dabei rückt insbesonde­re auch die Geopolitik wieder ins Zentrum – ein wesentlich­er Strang des Buches –, die im Zuge der Umbrüche und Veränderun­gen der letzten zehn Jahre einen bemerkensw­erten Wiederaufs­tieg erfahren hat. Auch in Deutschlan­d, wo sie aus der fachwissen­schaftlich­en Debatte fast verschwund­en war.

Dem Leitspruch der vita activa folgt Herfried Münkler in seinem Buch auch selbst. In seinem letzten Kapitel „Was jetzt zu tun ist“skizziert er vier große Herausford­erungen, mit denen die Europäisch­e Union insgesamt und Deutschlan­d als zentrale Macht Europas im Besonderen konfrontie­rt sind. Seine Botschaft: jetzt handeln, entschloss­en und reaktionss­tark (vgl. 373).

Ein weiteres Standardwe­rk

Nach „Imperien“oder „Die neuen Deutschen“legt Münkler mit „Macht im Umbruch“ein weiteres wichtiges Standardwe­rk vor, dass das angstzentr­ierte Denken aufzurütte­ln vermag – und dazu ermutigt, tätig zu werden.

Gwendolin Lehnerer

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Bei dem neuerliche­n Ringen zwischen demokratis­chem Rechtsstaa­t und autoritäre­m Rechtsstaa­t ist deshalb [...] nicht ausgemacht, dass die Demokratie am Schluss die Oberhand behalten wird.

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