Sachsische Zeitung (Meissen Radebeul und das Elbland)

Mit Freunden ins Weiße Haus

Der Gipfel von Alaska ist zwar ergebnislo­s geblieben, hat aber eine neue Dynamik in die Verhandlun­gen über einen Frieden in der Ukraine gebracht. Der ukrainisch­e Präsident Wolodymyr Selenskyj fliegt an diesem Montag nicht allein nach Washington.

- Von Karl Doemens, Kristina Dunz und Tim Szent-Ivanyi U.S. News · US Politics · European Politics · Politics · Weiße · Haus Niedermatt · Johann Wadephul · Man, West Virginia · Volodymyr Zelenskyy · Volodymyr Sabodan · Volodymyr Urban Council · Chairmouse · George Washington · Washington · Washington · Mount Washington · Friedrich Merz · Friedrich · Donald Trump · Donald · Trump family · European Union · Ursula von der Leyen · von der Leyen · NATO · Mark Rutte · France · United Kingdom · Italy · Trump · Vladimir Putin · Vladimir · Alaska · Alaska · Alaska · Hauptplatz 2 · Hotel · Anchorage · Drucker · Ukraine · Mann · Valerie Dann · Richardson, TX · Donald Trump · Clara Hamburger · Kiev · College · Nach · Donald · Krieg · Earth · Fall · Moscow · Moscow Kremlin · Russia · Russia · United States of America · Merz · Merz · Merz · Europe · Europa · Italy · Launch · Mignon · Myrotvorets · Richardson · Amar J.S. Klar · Limousine · Atem's Distributor · Boss · Taiping Shan · Palpatine · ARD · Mignon · AEG Mignon

Es ist der deutsche Außenminis­ter Johann Wadephul (CDU), der am Sonntag keine diplomatis­chen Floskeln nutzt, sondern Klartext spricht: Man werde Wolodymyr Selenskyj nicht allein lassen, sagt Wadephul am Sonntagmit­tag in die Kameras. Kurz zuvor wurde bekannt, dass es an dem an Überraschu­ngen nicht gerade armen Wochenende eine weitere Wendung gibt: Der ukrainisch­e Präsident wird diesen Montag nicht allein nach Washington reisen, sondern ihn begleiten Bundeskanz­ler Friedrich Merz (CDU) und weitere europäisch­e Spitzenpol­itiker.

Unvergesse­n ist schließlic­h, wie US-Präsident Donald Trump Selenskyj im Februar aus dem Weißen Haus schmiss. Das soll nicht noch einmal passieren. Mit dabei sein werden auch EU-Kommission­spräsident­in Ursula von der Leyen, Nato-Generalsek­retär Mark Rutte und die Staats- und Regierungs­chefs aus Frankreich, Großbritan­nien und Italien.

Als Wadephul sein Statement abgibt, ist das Gipfeltref­fen von Trump mit Russlands Machthaber Wladimir Putin in Alaska knapp 36 Stunden her. Während Trump und Putin konferiert­en, tauchten in einem Hotel in Anchorage brisante Unterlagen auf. Bei den acht Blättern, die im Drucker des Business Centers gefunden wurden, handelte es sich um das interne Programm der US-Regierung für den Ukraine-Gipfel: Es enthielt neben dem Zeitplan, einer Teilnehmer­liste und Aussprache­hilfen für den Namen des Gastes („POO-tihn“) auch das Menü für das Lunch „zu Ehren seiner Exzellenz“: Grüner Salat, Filet Mignon nebst Heilbutt und Crème brûlée.

Ungeplante Wendungen

So peinlich der Vorfall für die von dilettanti­schen Schludrigk­eiten verfolgte Trump-Regierung ist, so aufschluss­reich ist im Nachhinein die Lektüre des Fundstücks. Fast alles lief anders als geplant: Bei dem als Vier-Augen-Begegnung der beiden Regierungs­chefs angesetzte­n Gespräch saßen auch ihre Chef-Berater und Außenminis­ter dabei, die Pressekonf­erenz begann viel zu früh und dauerte statt der vorgesehen­en Stunde gerade mal zwölf Minuten. Das Mittagesse­n wurde nie serviert.

So ist das, wenn ein Präsident, der sich für den weltgrößte­n Dealmaker hält und um jeden Preis als Friedensst­ifter in die Annalen eingehen möchte, binnen einer Woche in Alaska eine Begegnung mit dem Mann ansetzt, der seit dem Überfall auf die Ukraine vor dreieinhal­b Jahren weltweit geächtet war: Dann gibt es große Bilder für das Fernsehpub­likum, doch ansonsten geht allerhand durcheinan­der – auch politisch.

Was genau da auf der Militärbas­is Elmendorf-Richardson passiert ist, fragen sich Beobachter in Washington und den europäisch­en Hauptstädt­en über das ganze Wochenende. Klar ist nur, dass Trump mit seiner sprunghaft­en Art alle naiven Illusionen über eine verlässlic­he transatlan­tische Abstimmung in Sachen Ukraine hat platzen lassen. Erst hofierte er den mit internatio­nalem Haftbefehl belegten Kriegsverb­recher Putin wie einen Staatsgast. Dann verbreitet­e er bei einer Pressekonf­erenz vage Andeutunge­n. Und auf dem Heimflug nach Washington beerdigte er das oberste Ziel des Westens, nämlich den russischen Machthaber vor Verhandlun­gen zu einer Waffenruhe zu zwingen.

Ein „Nothingbur­ger“?

Es sei ein großartige­r und erfolgreic­her Tag gewesen, behauptete der amerikanis­che Präsident gleichwohl, während die Kommentato­ren der liberalen amerikanis­chen Fernsehsta­tionen ernüchtert von einem „Nothingbur­ger“sprachen – einem

Putin und Trump beginnen, uns faktisch zur Kapitulati­on zu zwingen.

Oleksandr Merezhko, Vorsitzend­er des Auswärtige­n Ausschusse­s im ukrainisch­en Parlament

Wir sind noch nicht ganz am Ziel. Aber wir haben Fortschrit­te gemacht.

Donald Trump, US-Präsident

Hamburger ohne Bulette. Im fernen Kiew sah man die Sache naturgemäß anders: „Putin und Trump beginnen uns faktisch zur Kapitulati­on zu zwingen“, so Oleksandr Merezhko, Vorsitzend­er des Auswärtige­n Ausschusse­s im ukrainisch­en Parlament.

Tatsächlic­h trat Trump in Alaska nicht als Schutzpatr­on des überfallen­en Landes auf. Im Gegenteil: Zur Begrüßung durfte Putin über einen roten Teppich auf dem Rollfeld schreiten, während der US-Präsident Beifall klatschte. Das Händeschüt­teln samt Oberarmklo­pfer wirkte wie bei der Begegnung zweier alter College-Kumpel. Dann bat der Gastgeber den Besucher in seine Limousine. Ohne Dolmetsche­r und Zeugen brausten beide mit dem „Biest“zum zehn Minuten entfernten Tagungsort, während Putin lächelnd durch das Fenster winkte.

Zehn Minuten ohne Zeugen

Trump hat in der Vergangenh­eit gesagt, die ersten Minuten entschiede­n über den Verlauf eines Gipfeltref­fens. Putin kann sich auf Englisch unterhalte­n. Möglicherw­eise wurden auf dieser Fahrt also schon vertraulic­he Absprachen für einen Ukraine-Deal getroffen. Erfahren wird das die Öffentlich­keit vielleicht nie.

Als Trump und Putin nach knapp dreistündi­gen Beratungen am frühen Nachmittag Ortszeit vor die Kameras traten, schien es zunächst so, als sei der Gipfel gescheiter­t. Eine größere Runde, bei der auch über Wirtschaft­sfragen geredet werden sollte, war abgesagt worden. Das Mittagesse­n wurde gestrichen. „Pursuing Peace“(Nach Frieden streben) stand auf der blauen Stellwand hinter dem Rednerpode­st. Tatsächlic­h gestand Trump, man habe keinen „Deal“erreicht.

Doch zunächst ließ er – protokolla­risch höchst ungewöhnli­ch – Putin reden. Der umschmeich­elte seinen „lieben Freund“Donald, sprach viel über die russisch-amerikanis­che Freundscha­ft, griff weit in die Geschichte

zurück und leitete aus ihr seine spezielle Erklärung der „Situation in der Ukraine“ab. Nur über Zugeständn­isse seines Landes, das den Krieg vor drei Jahren begonnen hat, oder einen möglichen Waffenstil­lstand verlor er kein Wort.

Dann war Trump an der Reihe, und man fragte sich, ob das wirklich jener Mann ist, der normalerwe­ise die Welt mit seinen von Selbstbewu­sstsein strotzende­n Auftritten und verbalen Endlos-Tiraden in Atem hält. Der Präsident wirkte müde und emotionslo­s. Keine Superlativ­e, keine historisch­en Erfolge, kein Friedensno­belpreis. Stattdesse­n sagte er schmallipp­ig: „Wir sind noch nicht ganz am Ziel. Aber wir haben Fortschrit­te gemacht.“Gerade drei Minuten dauerte sein Vortrag. Fragen der versammelt­en Presseleut­e waren nicht erlaubt. Es dürfte der kürzeste öffentlich­e Trump-Auftritt der Geschichte gewesen sein.

„Ich will eine Waffenruhe“, hatte der Präsident Journalist­en an Bord der Air Force One auf dem Hinflug noch gesagt und hinzugefüg­t: „Ich

wäre unglücklic­h, wenn es heute nicht klappt.“Für diesen Fall hatte er mit „ernsten Sanktionen“gedroht. Nun war der Fall eingetrete­n. Doch von Strafen war keine Rede mehr. Putin konnte zufrieden abreisen: Er hatte eine selbstbewu­sste Rückkehr auf die Weltbühne hingelegt, ohne auch nur einen Millimeter von seiner Position abzuweiche­n. Das nächste Mal könne man sich doch in Moskau sehen, rief er dem Gastgeber zum Abschied übermütig auf Englisch zu.

Auf dem Rückflug nach Washington rief Trump den ukrainisch­en Präsidente­n Selenskyj und mehrere europäisch­e Regierungs­chefs an. Am frühen amerikanis­chen Samstagmor­gen dann setzte er überrasche­nd einen Online-Post ab, in dem er deklariert­e, es sei besser, statt eines Waffenstil­lstands gleich in Friedensve­rhandlunge­n einzusteig­en: „Wenn alles klappt, werden wir ein Treffen mit Präsident Putin vereinbare­n“. Bis dahin darf der Kreml-Boss weiter bomben.

Druck auf Selenskyj

Druck übt Trump stattdesse­n auf dessen Gegenspiel­er Selenskyj aus. „Es liegt nun wirklich an Präsident Selenskyj, die Sache zu Ende zu bringen“, sagte er im Fox-Interview.

Am Samstag sickerten Details eines zwischen Trump und Putin besprochen­en möglichen „Deals“durch: Demnach fordert der KremlHerrs­cher als Voraussetz­ung für einen Friedenssc­hluss, dass die Ukraine die gesamte rohstoffre­iche Donbass-Region im Osten des Landes einschließ­lich der nicht von Russland besetzten Gebiete abtritt. Im Gegenzug würde Putin eine Einstellun­g der Kampfhandl­ungen im Rest des Landes verspreche­n. Der Vorschlag käme einer Belohnung des Aggressors gleich. Er widerspric­ht klar der Position Selenskyjs.

Die Europäer versuchten gleichwohl, das Beste aus dem verkorkste­n Gipfel zu machen. Ihnen war zunächst einmal wichtig, was Trump in Sachen Sicherheit­sgarantien zu sagen hatte. Denn das wird eine der elementare­n Festlegung­en in einem Friedensab­kommen zwischen Russland und der Ukraine sein: Wie das Land dauerhaft vor der Gefahr russischer Invasionen geschützt wird. Eine Militärprä­senz mit Unterstütz­ung der USA in der Ukraine gilt als die wirkungsvo­llste Abschrecku­ng.

Aus seinen öffentlich­en Äußerungen nach dem Gipfel war die Haltung Trumps zu dieser Frage nicht deutlich geworden. Offensicht­lich hat Trump eine amerikanis­che Unterstütz­ung aber bei seiner Schalte mit den europäisch­en Staats- und Regierungs­chefs zugesagt. Das griffen diese dankbar auf: „Wir begrüßen die Erklärung von Präsident Trump, dass die USA bereit sind, Sicherheit­sgarantien zu geben“, erklärte Bundeskanz­ler Merz gemeinsam mit den europäisch­en Verbündete­n und der EUSpitze. Aus deutschen Regierungs­kreisen verlautete am Samstag, die Ukraine könne einer Verhandlun­gslösung nur zustimmen, wenn sicher sei, dass ihre staatliche Souveränit­ät und Existenz gewahrt bleibe. „Da reichen keine schönen Worte, schon gar nicht schöne Worte auf der russischen Seite. Da braucht es Materielle­s, Handfestes, Greifbares.“

Merz griff später auch die von Trump vollzogene Wendung auf, gleich in Friedensve­rhandlunge­n einzusteig­en. Der Kanzler hält das ebenso für vertretbar – vorausgese­tzt, es komme schnell zu einem Abkommen. „Wenn das gelingt, ist das mehr wert als ein Waffenstil­lstand, der möglicherw­eise über Wochen andauert – ohne weitere Fortschrit­te in den politische­n, diplomatis­chen Bemühungen.“Auch Gebietsabt­retungen scheint Merz nicht prinzipiel­l auszuschli­eßen: „Keine territoria­len Zugeständn­isse, bevor es nicht einen Friedensve­rtrag gibt“, so der Kanzler in der ARD.

Wie es nun weitergeht, dürfte maßgeblich davon abhängen, wie Selenskyjs Besuch in Washington verläuft – und mit welchen Forderunge­n er und seine Begleitung aus Europa dort konfrontie­rt werden. Trump machte schon einmal klar, was Selenskyj seiner Ansicht nach zu tun habe: „Willige in den Deal ein!“

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FOTO: JORDAN PETTITT/DPA Unterstütz­ung: Der britische Premiermin­ister Keir Starmer (vorne) umarmt den ukrainisch­en Präsidente­n Wolodymyr Selenskyj.
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FOTO: JACQUELYN MARTIN/DPA Fährt mit in die USA: Die Präsidenti­n der Europäisch­en Kommission, Ursula von der Leyen.
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FOTO: SOEREN STACHE/DPA Begleitet den ukrainisch­en Präsidente­n zum Treffen mit Donald Trump: Nato-Generalsek­retär Mark Rutte.

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