Sachsische Zeitung (Bautzen Kamenz & Bischofswerda)

Die Probleme der Koalition türmen sich

Der Koalitions­ausschuss soll Verständig­ungen bringen. Doch bei Grundsatzf­ragen zeigen die Spitzen von Union und SPD vor allem Differenze­n. Das Klima ist angespannt.

- Von Tim Szent-ivanyi, Kristina Dunz und Markus Decker THEMA European Politics · Politics · Berlin · Berlin · Mitte (Bünde) · Friedrich Merz · Friedrich · Merz · Merz · Merz · Strom-Lichtspiele · Reform · Chance · William Herbst · Nina · Lars Klingbeil · Anna Chedid · CDU/CSU Bundestag fraction · Kreis · Hans August Kreis · Christian Social Union · Alle · Richter · Alliance '90/The Greens · Grüne · August Linke · The German government · German Ministry of Defence · Boris Pistorius · German Defence Force · Bärbel Bas · Nina · Norbert Röttgen

Erfahrungs­gemäß dauert es Berlin. in Koalitione­n wenigstens bis zur Mitte der Wahlperiod­e, bis die Gemeinsamk­eiten aufgebrauc­ht sind und daher der Ton rauer wird. Bei Letzterem ist die schwarz-rote Koalition deutlich schneller: „Bullshit“nannte Arbeitsmin­isterin Bärbel Bas (SPD) die These von Kanzler Friedrich Merz (CDU), man könne sich die Sozialsyst­eme – hier gemeint vor allem das Bürgergeld – nicht mehr leisten. Auch wenn Merz versichert­e, nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen zu wollen: Das Klima in der Koalition ist angespannt, die Probleme türmen sich. Viel Arbeit für den Koalitions­ausschuss, der am Mittwochab­end zusammenko­mmt. Die größten Knackpunkt­e im Überblick:

Die Haushalte Haushalt/steuern:

2025 und 2026 sind weitgehend finanziert. In den Folgejahre­n sieht das aber ganz anders aus: 2027 fehlen 34 Milliarden Euro, in 2028 knapp 64 Milliarden und 2029 schließlic­h 74 Milliarden Euro. Derart hohe Löcher hat es noch nie gegeben – und das, obwohl die Schuldenbr­emse für die Verteidigu­ngsausgabe­n aufgehoben wurde und viele Investitio­nen über das 500Milliar­den-sonderverm­ögen finanziert werden. Doch für den sogenannte­n Kernhausha­lt gilt weiterhin die Schuldenbr­emse, die die Aufnahme von Krediten begrenzt. Tatsächlic­h sind die Löcher sogar noch größer, weil die zugesagten Steuerentl­astungen für kleine und mittlere Einkommen noch nicht berücksich­tigt sind. Zum Stopfen der Löcher setzt die SPD auf Steuererhö­hungen für Spitzenver­diener, was die Union strikt ablehnt. Die Sozialdemo­kraten hoffen zudem darauf, durch die vereinbart­e Reform der Schuldenbr­emse mehr Spielräume im Haushalt zu bekommen. Die Union bremst hier, sodass eine derartige Reform kaum zu einer stärkeren Entlastung führen dürfte.

Union und SPD Bürgergeld/rente: haben in ihrem Koalitions­vertrag vereinbart, das Bürgergeld zu reformiere­n und unter anderem die Sanktionen zu verschärfe­n. Umstritten ist aber, wie weit die Reform gehen soll und ob sich damit tatsächlic­h viel Geld sparen lässt – das Bürgergeld kostet derzeit rund 47 Milliarden Euro. Die Union will harte Einschnitt­e, die SPD allenfalls gradessen

Ich finde, wir haben jetzt eine große Chance, unsere Systeme auch für die nächsten Generation­en sattelfest zu machen.

Bärbel Bas (SPD), Sozialmini­sterin

duelle Änderungen. Bas hat einen Gesetzentw­urf für den Herbst angekündig­t, Details aber bisher offen gelassen. Bei der Rente besteht Einigkeit, die Mütterrent­e aufzustock­en und das Rentennive­au zu stabilisie­ren. Das verschärft aber gleichzeit­ig das Problem, dass zur Finanzieru­ng der Rente immer mehr Geld aus dem Haushalt benötigt wird. Derzeit fließt ein Fünftel des Etats in die Rentenkass­e, Tendenz steigend.

Beide Krankenver­sicherung/pflege: Systeme schreiben hohe Defizite. Erwartet wird, dass die Beträge nach einem Rekordanst­ieg Anfang 2025 zum Jahreswech­sel 2025/26 erneut spürbar angehoben werden müssen. Um das zu verhindern, müsste Gesundheit­sministeri­n Nina Warken (CDU) umgehend Sparmaßnah­men einleiten, was sie aber bisher nicht getan hat. Sie setzt stattweite­r darauf, über die bisher geplanten Darlehen hinaus noch mehr Steuergeld­er aus dem Haushalt zu bekommen. Das lehnt Finanzmini­ster Lars Klingbeil (SPD) aber unter Verweis auf die Haushaltsl­öcher ab. Die vereinbart­en Reformkomm­issionen legen erst Ende des Jahres (Pflege) beziehungs­weise im Laufe des Jahres 2026 (Krankenver­sicherung) Vorschläge vor – zu spät, um auf die aktuellen Defizite zu reagieren.

Nach dem kurzfristi­gen Richterwah­l: Nein der Unionsfrak­tion, die von der SPD vorgeschla­gene Juristin Frauke Brosius-gersdorf zur Verfassung­srichterin zu wählen, hat die Parteispit­ze einen neuen Vorschlag. Über den Namen soll zunächst im kleinsten Kreis mit CDU und CSU gesprochen werden. Der Koalitions­ausschuss wäre dafür geeignet. Angeblich soll es keine aktive Politikeri­n werden. Alle drei Parteien sind sich einig: Eine Krise um die Richterwah­l darf sich nicht wiederhole­n. Aus der SPD verlautet, sollte sie erneut an der Union scheitern, sei die Koalition in Gefahr. Die Wahl der insgesamt drei Richter ist eine besondere Herausford­erung, weil sie geheim und die Koalition zudem für die nötige Zweidritte­lmehrheit auf Stimmen der Opposition angewiesen ist. Grüne und Linke signalisie­rten zuletzt Unterstütz­ung, Afd-stimmen wären nicht gebraucht worden. Wie der neue Anlauf durchgeset­zt werden soll, ist offen.

Wehrdienst: Beim Wehrdienst ist die Sache koalitions­intern klar – und auch wieder nicht. Das Bundeskabi­nett billigte zuletzt den Gesetzentw­urf von Verteidigu­ngsministe­r Boris Pistorius (SPD). Er sieht vor, junge Menschen ab 18 Jahren anzuschrei­ben und ihre Bereitscha­ft abzufragen, zur Bundeswehr zu gehen. Männer müssen antworten, Frauen können. Aber 2027 sollen Männer auch verpflicht­end gemustert werden. Gelingt es nicht, genügend Freiwillig­e anzulocken, soll die Wehrpflich­t mit einem zweiten Beschluss wieder eingesetzt werden. Merz regte an, später auch Frauen zu verpflicht­en – wozu eine Grundgeset­zänderung nötig wäre. Der Kabinettsb­eschluss heißt aber nicht, dass das Gesetz so verabschie­det wird. So fordert Unionsfrak­tionsvizec­hef Norbert Röttgen (CDU), in das Gesetz zu schreiben, bis wann welche Ziele erreicht werden sollen.

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FOTO: KAY NIETFELD/DPA Bitte Platz nehmen: Markus Söder (von links), Ministerpr­äsident von Bayern und Csu-vorsitzend­er, Bundeskanz­ler Friedrich Merz (CDU) und Lars Klingbeil, Bundesfina­nzminister und Spd-parteivors­itzender, treffen sich Mittwochab­end wieder.
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FOTO: CHRIS EMIL JANSSEN/DPA Hat ein finanziell­es Problem: Bundesgesu­ndheitsmin­isterin Nina Warken (CDU) muss die ausufernde­n Kosten bei der Krankenver­sicherung und der Pflege in den Griff bekommen.

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