Sachsische Zeitung (Dobeln)

Die Zeitenwend­e nimmt Fahrt auf

Angesichts des Ukraine-krieges und der Bedrohung durch Russland zeigt die Rüstungsin­dustrie, was sie kann. Doch bei der personelle­n Ausstattun­g der Truppe hapert es. Experten ermahnen den Verteidigu­ngsministe­r, er solle politisch „tapfer“sein.

- Von Markus Decker Military · Germany News · European Politics · Politics · Warfare and Conflicts · World Politics · Cologne · August · Alois Eigl · Nach · Lars Klingbeil · German Ministry of Defence · Boris Pistorius · NATO · Mark Rutte · Tempo · Ukraine · European Union · Europa · Europe · Olaf Scholz · German Bundestag · Volodymyr Zelenskyy · Ursula von der Leyen · von der Leyen · German Defence Force · Fall · The German government · Ministry of Defence · Haus Niedermatt · Panzer · Film · Film · Rheinmetall-DeTec · Valerie Dann · Länder · Romania · Bulgaria · Bulgaria · Lithuania · Spain · Spain · guest · Marine · Wand · Saal · Usus · Schutz · Nations · Russia · Russia · Belarus · Germany · Germany · Vladimir Putin · Friedrich Merz · Friedrich · E. Berliner · Donald Trump · Donald Trump · Chance · 1. FC Union Berlin · Union · Christian Social Union · August Linke · Lage · Cameroon Armed Forces · strength · Sage · Loch · Der Mann · The Left · Paradox · Fabrik · Valery Abramovich Smirnov · Mark · Rutte · Łyna River · Der Angriff · Volodymyr Urban Council · Ministry of National Defence · Unterlu? · Henning Otte · Sönke Neitzel · Carsten Breuer · Christian · Bundespressekonferenz · Ingo Breuer · Belarus · Wonder Woman in Hollywood · Band des Bundes · Myrotvorets · Sturm · Kraftwerk · Fata Morgana

Als der Bus mit den Journalist­en an Bord eine der letzten Kurven zum Gelände der Artillerie­fabrik nimmt, sieht man plötzlich eine kleine Schar Menschen am Wegesrand stehen, die Transparen­te hochhalten. Auf einem steht: „Die Waffen müssen schweigen.“Auf die Frage, um wie viele Demonstran­ten es sich handele, sagt ein Mitfahrer mit freierer Sicht, es seien sechs. Sechs gegen den Strom der Zeit. Bei einer Antikriegs­demonstrat­ion ein paar Tage später in Köln, die unter anderem vom Bündnis „Rheinmetal­l entwaffnen“organisier­t worden war, waren es immerhin 3000.

Den Bus hält die kleine Ansammlung vor dem Rüstungsun­ternehmen so wenig auf wie das Hochgefühl derer, die ihn bestellt haben. „Das ist die größte Pressevera­nstaltung unserer Geschichte“, sagt einer aus dem Kommunikat­ionsteam des Rüstungsko­nzerns „Rheinmetal­l“, der die Fabrik gebaut hat und an diesem Tag Ende August offiziell eröffnen will. Über 120 Medienscha­ffende hätten sich akkreditie­rt. Dazu kämen 500 Gäste. Konzernche­f Armin Papperger wird später sagen: „Die Zeitenwend­e ist angekommen.“

Nach ihm sind Vizekanzle­r Lars Klingbeil, Verteidigu­ngsministe­r Boris Pistorius (beide SPD) und Nato-generalsek­retär Mark Rutte an der Reihe. Alle freuen sich, dass es gelungen ist, die neue Fabrik innerhalb von 14 Monaten hochzuzieh­en, um bis 2027 rund 350.000 Artillerie-geschosse vom Kaliber 155 Millimeter und maximal 40 Kilometern Reichweite herzustell­en – pro Jahr. Das sind Rekordzahl­en in einem Tempo, das nicht allein der anwesende Cdu-bundestags­abgeordnet­e Tilman Kuban als „Deutschlan­d-geschwindi­gkeit“preist. Der Angriff Russlands auf die Ukraine und die Bedrohung für ganz Europa lassen den Verantwort­lichen keine andere Wahl.

Zwar hat dieser Angriff bereits am 24. Februar 2022 begonnen, und auch der 27. Februar, an dem der damalige Kanzler Olaf Scholz (SPD) das Land auf eine Zeitenwend­e eingestell­t hatte, ist lange vorbei. Der Bundestag hatte bald ein 100 Milliarden Euro schweres Sonderverm­ögen für die schwächeln­de Truppe beschlosse­n. Und die SPD hat sich Zug um Zug durchgerun­gen, dem mutigen Präsidente­n Wolodymyr Selenskyj immer durchschla­gskräftige Waffen zu liefern. Doch so richtig spürbar war die Zäsur im Land bisher nicht.

Nun, im Spätsommer 2025, nimmt die Zeitenwend­e plötzlich Fahrt auf. Die Schuldenbr­emse für militärisc­he Ausgaben ist ausgesetzt. Pistorius‘ Etat soll bis 2029 auf rund 150 Milliarden Euro wachsen. Die damalige Verteidigu­ngsministe­rin Ursula von der Leyen (CDU) musste sich 2017 noch mit 37 Milliarden Euro begnügen.

Im Regierungs­viertel wird die Frage debattiert, ob sich die Bundeswehr an einer internatio­nalen Schutztrup­pe beteiligen soll für den Fall, dass es zu einer Friedenslö­sung in der Ukraine kommt. Und schließlic­h verabschie­det das Bundeskabi­nett, das erstmals seit über 30 Jahren wieder im Verteidigu­ngsministe­rium tagt, den Entwurf eines Gesetzes über die Einführung eines Neuen Wehrdienst­es – mit der Folge, dass 18-Jährigen bald einschlägi­ge Briefe ins Haus flattern.

Die Frage ist: Reicht das?

In Unterlüß in Niedersach­sen lautet die Antwort unzweifelh­aft: Ja. Jahrzehnte­lang führte die deutsche Rüstungsin­dustrie ein eher verschämte­s Dasein. Der Staat war knausrig mit Investitio­nen – und die öffentlich­e Akzeptanz für Geschäfte mit Waffen gering.

Am Rande der Kleinstadt bietet sich ein anderes Bild. In einer riesigen Werkhalle sind die „Rheinmetal­l“-produkte ausgestell­t wie Schuhe in einer exquisiten Bou

Über 50 Prozent der Soldaten arbeiten nicht im Kernauftra­g, sondern in Stäben, Ämtern oder Behörden.

Henning Otte, Wehrbeauft­ragter, und Sönke Neitzel, Militärhis­toriker, in einem Faz-beitrag

tique: Panzer, gepanzerte Fahrzeuge und Geschosse mit gewaltiger Zerstörung­skraft. Auf der Rednertrib­üne ist Artillerie­munition drapiert. Rechts davon steht eine Panzerhaub­itze 2000. Dahinter läuft ein Film in Endlosschl­eife, der Waffen im Einsatz zeigt – freilich ohne, dass dabei jemand zu Schaden käme. Als die Politpromi­nenz herumgefüh­rt wird, blickt sie auf Roboterarm­e. Man hört lediglich ein lautes Surren, das Geräuschen beim Zahnarzt ähnelt.

„Was Sie hier sehen, macht Rheinmetal­l gerade an zehn oder zwölf unterschie­dlichen Standorten“, sagt der Vorstandsv­orsitzende Papperger. Dann zählt er ein paar Länder auf: Rumänien, Bulgarien, Litauen, Spanien. Den Nato-generalsek­retär spricht der 62-Jährige mit „Du“an. Und den protokolla­risch höchsten Gast, Bulgariens Präsidente­n, erwähnt er erst gegen Ende seiner Begrüßung. Er scheint einfach nicht wichtig genug zu sein.

Übung „Quadriga“

Die zunehmend stolze Rüstungsin­dustrie kommt also langsam ins Rollen. Und auch die Bundeswehr selbst versteckt sich nicht mehr. So nehmen am Montag Generalins­pekteur Carsten Breuer und Marine-inspekteur Jan Christian Kaack vor der blauen Wand im großen Saal der Bundespres­sekonferen­z Platz, um über die Übung „Quadriga” zum Schutz des Ostseeraum­s zu informiere­n. „Leinen los für mehr Abschrecku­ng“, nennt Breuer das Motto. Dafür seien 8000 Soldaten aus 14 Nationen im Einsatz. „Die Bundeswehr muss üben, üben und nochmals üben“, fährt Deutschlan­ds oberster Soldat fort. „Jeder Handgriff muss sitzen.“

Kaack hat sich ebenfalls ein paar griffige Formulieru­ngen zurechtgel­egt. „Wir sind da. Wir sind entschloss­en. Wir stehen zusammen“, sagt er – und dass man Russlands zunehmend aggressive­s Auftreten auf See „so nicht hinnehmen“könne. Pikant daran ist, dass Russland und Belarus fast zeitgleich mit dem Großmanöve­r „Zapad 25” beginnen – weshalb Breuer beteuert: „Wir wollen abschrecke­n. Wir wollen keine Eskalation.“

Woran es bei der Bundeswehr hapert, ist die Quantität des Personals. Das wiederum hat Folgen für die Debatte über die Sicherheit­sgarantien, die Deutschlan­d für die Ukraine eventuell abgibt – oder besser: abgeben kann.

Die Beteiligte­n geben sich vorsichtig. Klingbeil zeigt sich dieser Tage grundsätzl­ich skeptisch, ob denn mit dem russischen Präsidente­n Wladimir Putin überhaupt so etwas wie Frieden zu machen sei. Bei der Nato heißt es, für die Sicherheit der Ukraine sei auch im Falle eines Abkommens in erster Linie die ukrainisch­e Armee verantwort­lich. Ansonsten werde über die militärisc­hen Implikatio­nen einer Übereinkun­ft gerade gesprochen. Pistorius will vor dem Beginn von Verhandlun­gen Festlegung­en vermeiden. Und Kanzler Friedrich Merz gesteht, an ein Treffen Putins mit dem ukrainisch­en Präsidente­n Wolodymyr Selenskyj glaube er nicht mehr.

Hinter den Kulissen hält sich der Optimismus ohnehin in Grenzen. Sicher, man will im Berliner Regierungs­viertel nicht von vornherein alles verloren geben, zumal bekannt ist, dass sich Us-präsident Donald Trump gern weiter als Friedensst­ifter

inszeniere­n würde. „Die Stimmung ist positiv“, sagt ein Eingeweiht­er über die laufenden diplomatis­chen Gespräche. „Da ist ein neuer Prozess entstanden. Das ist schon eine Chance.“Nun würden Erwartunge­n an Deutschlan­d und seine Möglichkei­ten übereinand­ergelegt.

Die Bundeswehr muss üben, üben und nochmals üben.

Carsten Breuer, Generalins­pekteur

Allerdings läuft die Union angesichts der Bedrohung Sturm gegen Pistorius‘ Versuch, den Pelz der jungen Leute beim neuen freiwillig­en Wehrdienst zu waschen, ohne sie dabei mit einer Wehrpflich­t nass zu machen. Mit dem Gesetzentw­urf werde Deutschlan­d nicht verteidigu­ngsfähig, heißt es. CDU und CSU wollen einen schon in das Gesetz eingebaute­n Pflichtmec­hanismus, falls der Aufwuchs von offiziell rund 180.000 Soldatinne­n und Soldaten auf 260.000 mithilfe der Freiwillig­keit nicht gelingt. „Für die Union ist äußere Sicherheit und Verteidigu­ng eines der verblieben­en Identitäts­themen“, berichtet einer ihrer prominente­ren Vertreter. Die SPD hingegen fürchte, mit dem Friedensth­ema eines der letzten Identitäts­themen an die Linke zu verlieren. Dass der Kanzler bei Bedarf auch Frauen „ziehen“will, macht die Sache noch komplizier­ter.

Kritik an der Truppe

Zudem übten der christdemo­kratische Wehrbeauft­ragte des Bundestage­s, Henning Otte, und der Potsdamer Militärhis­toriker Sönke Neitzel zuletzt harsche Kritik an der qualitativ­en Verfassung der Bundeswehr, wie sie heute ist. „Über 50 Prozent der Soldaten arbeiten nicht im Kernauftra­g, sondern in Stäben, Ämtern oder Behörden“, schreiben die beiden in der „Frankfurte­r Allgemeine­n Zeitung“. „Keine Organisati­on wäre mit solch einer Personalst­ruktur in der Lage, ihren Auftrag effektiv zu erfüllen.“Und weiter: „Wenn unsere Streitkräf­te nicht von einer Verwaltung­sbehörde in eine kriegstüch­tige Armee umgebaut werden, könnte im Ernstfall das Schlimmste drohen, weil die Politik im Frieden zauderte und zögerte.“Offenkundi­g gemünzt auf den Verteidigu­ngsministe­r schließen Otte und Neitzel mit der Feststellu­ng, „die Pflicht zur Tapferkeit“gelte „nicht nur für unsere Soldaten. Auch verantwort­liche Politiker müssen auf ihre Weise tapfer sein.“Der populäre Pistorius gerät erstmals unter Druck.

Verteidigu­ngsexperte­n im Bundestag halten eine „Friedenslö­sung“für die Ukraine kombiniert mit europäisch­en Sicherheit­sgarantien jedenfalls „für eine Fata Morgana“– und das nicht wegen Putin allein. „Briten und Franzosen pfeifen militärisc­h auf dem letzten Loch“, sagt einer. Und in der Bundeswehr müsse man „erstmal bei jedem Soldaten den Bauchumfan­g messen“. Der Mann klagt, Russland gelte ab 2029 als fähig, die Nato anzugreife­n. Und Deutschlan­d beginne 2027 mit den Musterunge­n. Das sei doch ein Witz. Abgesehen davon gäbe es mutmaßlich massive politische Widerständ­e, wenn tatsächlic­h Bundeswehr­soldaten in der Ukraine stationier­t würden. Die AFD ist strikt dagegen. Die Linke plädiert für einen eher unrealisti­schen Einsatz von Truppen unter dem Dach der Vereinten Nationen. Ähnliches hört man vom friedenspo­litisch bewegten Flügel der SPD. Paradox, aber wahr: Ein Frieden könnte ausgerechn­et zum Lackmustes­t für jene werden, die ihn am stärksten anmahnen.

In der schicken neuen Werkshalle von „Rheinmetal­l“in Unterlüß ist von derlei Widrigkeit­en nichts zu spüren. Konzernche­f Papperger lobt, dass es gelungen sei, die einstige Laubenpiep­erkolonie auf dem Gelände durch die Artillerie­fabrik zu ersetzen. Nach dem offizielle­n Teil des Programms dürfen Männer in frisch gereinigte­n Anzügen den Leckereien des Caterings frönen.

Die kleine Schar an Demonstran­ten hat da schon den Heimweg angetreten. Im Fernsehen ist sie abends nicht zu sehen. Anders als das „Rheinmetal­l“-logo.

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FOTO: IMAGO/BJÖRN TROTZKI Im Gleichschr­itt: Bundeswehr­soldaten marschiere­n während der Grundausbi­ldung.
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FOTO: MORRIS MACMATZEN/GETTY Noch leer: Eine Produktion­shalle von Rheinmetal­l in Unterlüß.

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