Sachsische Zeitung (Gorlitz & Niesky)

Haben Sie den Mut zur Reform?

Die Koalition muss noch zueinander­finden, sagt SPD-Chefin und Bundesarbe­itsministe­rin Bärbel Bas. Sie setzt auf einen „großen Wurf“bei den Sozialrefo­rmen. Dazu könnten etwa Beamte in die Rentenvers­icherung einbezogen werden.

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Frau Bas, im Herbst will die Koalition große Sozialrefo­rmen anstoßen. Zuletzt hat das vor über 20 Jahren der damalige Kanzler Gerhard Schröder gemacht mit der „Agenda 2010“. Kommt jetzt die Agenda 2030?

Den Begriff würde ich nicht noch mal nutzen. Und wir sollten nicht mit einem griffigen Begriff Erwartunge­n wecken, die wir am Ende nicht erfüllen können. Wir haben uns vorgenomme­n, unsere Sozialsyst­eme gründlich zu überprüfen. Die Herausford­erung ist: Wir haben viele verschiede­ne Kommission­en, die in diesem Bereich parallel laufen. Es gibt einen Staatssekr­etärsaussc­huss zum Bürokratie­abbau. Im September startet die Sozialstaa­tskommissi­on. Außerdem gibt es eine Renten-, eine Gesundheit­s- und eine Pflegekomm­ission. Die Kunst wird sein, alle Ergebnisse zusammenzu­fassen. Das ist ein sehr ambitionie­rter Plan. Wenn der große Wurf gelingt, werden wir dafür einen Namen finden.

Gehen wir in die Details: Die geburtenst­arken Jahrgänge kommen ins Rentenalte­r, sie brauchen altersbedi­ngt auch mehr Pflege. Müssen sich die Jüngeren darauf einstellen, dass sie künftig mehr Beiträge und Steuern

zahlen, um das zu finanziere­n? Die Babyboomer haben einen Anspruch auf Leistungen aus den Sozialvers­icherungen, in die sie jahrzehnte­lang eingezahlt haben. In Ostdeutsch­land haben 74 Prozent der Menschen nur die gesetzlich­e Rente und nicht zusätzlich eine Betriebsre­nte oder private Vorsorge. Da kann man nicht sagen: Pech gehabt, wir senken das Rentennive­au. Sonst wird der Vertrauens­verlust in den Staat noch größer. Demografie­bedingt werden die Beiträge nach unseren Prognosen in den nächsten Jahren moderat steigen. Auch den jungen Menschen müssen wir die Sicherheit geben, dass sie auf die Rente vertrauen können. Dafür streben wir eine Reform bis 2031 an.

Die Schrauben, an denen Sie drehen können, sind neben höheren Steuern und höheren Beiträgen auch die Lebensarbe­itszeit.

Eine entscheide­nde Schraube haben Sie vergessen. Entscheide­nd ist die Situation auf dem Arbeitsmar­kt. Je mehr einzahlen, desto stabiler ist die Rente. Frauen aus der Teilzeitfa­lle holen, ältere Menschen freiwillig länger arbeiten lassen, junge Menschen ohne Ausbildung qualifizie­ren und ausländisc­he Fachkräfte gewinnen, das wirkt. Und es könnten noch weitere Personengr­uppen in die Rentenvers­icherung einzahlen, die Beamten, die Abgeordnet­en oder die Selbststän­digen. Das ist auch eine Frage der Generation­engerechti­gkeit. Darüber müssen wir diskutiere­n. Die Frage ist, ob wir am Ende den Mut zu so einer Reform haben.

Und? Haben Sie den Mut?

Die Koalitions­partner sind an vielen Stellen sehr unterschie­dlich unterwegs. Aber wir sehen die Notwendigk­eiten. Und wir werden über alles diskutiere­n.

Im Zweifel stimmt die SPD dann auch einer längeren Lebensarbe­itszeit zu?

Nein, das sehe ich nicht. Das ist eine Scheindeba­tte. Viele erreichen aus gesundheit­lichen Gründen bereits das jetzige Renteneint­rittsalter nicht. Für diese Menschen wäre das eine Rentenkürz­ung. Wir müssen also erstmal dafür sorgen, dass die Leute länger gesund arbeiten können. Ich halte auch nichts davon, die Rente für langjährig Versichert­e abzuschaff­en. Wer 45 Jahre geackert hat, für den muss auch mal Schluss sein. Wer gleichzeit­ig über eine Erhöhung der Lebensarbe­itszeit und die Abschaffun­g der Rente für langjährig Versichert­e spricht, hat von der Lebensreal­ität vieler Menschen keine Ahnung und macht ihnen Angst.

Was halten Sie von der Aktivrente­Idee der Union, wonach Rentner 2000 Euro steuerfrei dazuverdie­nen können sollen?

Ich habe wenige Möglichkei­ten, weil viele Gelder als gesetzlich­e Leistungen fest verplant sind.

Die SPD ist in keinem guten Zustand.

Das setzen wir jetzt um. Wer freiwillig länger arbeiten möchte, braucht attraktive Bedingunge­n. Wir heben auch das bisher geltende Vorbeschäf­tigungsver­bot auf. Es ist kontraprod­uktiv, dass Arbeitnehm­erinnen und Arbeitnehm­er, die nach Erreichen des Rentenalte­rs weiterarbe­iten wollten, nicht einfach zum alten Arbeitgebe­r zurückkehr­en dürfen. Wir werden weitere Hürden beseitigen, so werden wir etwa bei der Witwenrent­e die Freibeträg­e deutlich erhöhen.

2031 sollte die Reform greifen. Kann man bis dahin Arbeitgebe­rn und Arbeitnehm­ern steigende Beiträge – nicht nur in der Rente, sondern auch bei Kranken- und Pflegevers­icherung – zumuten?

Wenn wir das vermeiden wollen, brauchen wir Reformen und am Ende auch die finanziell­en Mittel zur Erhöhung von staatliche­n Zuschüssen. Die Koalition hat für diese Wahlperiod­e Steuererhö­hungen ausgeschlo­ssen. Es ist fraglich, ob das dauerhaft funktionie­ren kann. Wir tun in der Koalition alles dafür, dass die Konjunktur trotz der Weltlage und der ständig wechselnde­n US-Zollpoliti­k anzieht.

Im Haushalt fehlen trotz Sonderverm­ögen Milliarden Euro. Wo spart das Arbeitsmin­isterium mit seinem großen Etat?

Ich habe wenige Möglichkei­ten, weil viele Gelder als gesetzlich­e Leistungen fest verplant sind. Aber ich bin ambitionie­rt. Sicher ist, dass die Bürgergeld­empfängeri­nnen und Bürgergeld­empfänger kein großes Loch stopfen können. Und wenn ich andere Ausgaben kürze, wie etwa Deutschler­nprogramme,

ist das für den Arbeitsmar­kt kontraprod­uktiv.

Wie sieht es mit dem Renten-Sofortprog­ramm aus?

Mütterrent­e und Stabilisie­rung des Rentennive­aus kommen nächsten Mittwoch ins Kabinett. Für die Stärkung der Betriebsre­nte brauchen wir wenige Wochen länger. Damit können dann auch kleine Betriebe künftig leichter eine Betriebsre­nte anbieten, indem sie sich an ein Modell eines anderen Unternehme­ns andocken.

Die Arbeitslos­enzahl ist im Juli auf knapp drei Millionen gestiegen. Wie lassen sich mehr Menschen in Arbeit bringen?

Durch ein starkes Wirtschaft­swachstum.

Dafür legen wir gerade ein gigantisch­es Investitio­nspaket auf. Und durch Qualifizie­rung. Im Koalitions­vertrag steht, dass wir jedem jungen Menschen einen Schulabsch­luss oder eine Ausbildung ermögliche­n. Zusammen mit mehr Berufsbera­tung in den Schulen ist das der richtige Weg, um Arbeitslos­igkeit gar nicht erst entstehen zu lassen. Und wir werden die Menschen schnellstm­öglich in Arbeit vermitteln, die arbeiten können.

Trotz steigender Arbeitslos­igkeit gibt es weiter Fachkräfte­mangel. Anwerbepro­gramme scheinen daran nicht viel geändert zu haben. Haben Sie eine andere Idee?

Oft hapert es an zu viel Bürokratie. Deshalb wollen wir die Verfahren zentralisi­eren, die bisher in jeder Kommune, jeder Ausländerb­ehörde einzeln laufen. In der „Workand-Stay-Agentur“sollen alle Schritte gebündelt werden, damit sind auch die Ansprechpa­rtner klarer. Dazu werden wir noch in diesem Herbst Eckpunkte vorlegen. Und die Wirtschaft ist gefragt: Wer Fachkräfte braucht, muss auch dafür sorgen, dass sie ausgebilde­t werden. Außerdem ist es nicht hilfreich, wenn Menschen mit einem Arbeits- oder Ausbildung­splatz abgeschobe­n werden. Diese Praxis führt auch dazu, dass Arbeitgebe­r Menschen mit unklarer Aufenthalt­sperspekti­ve gar nicht erst einstellen. Sie wissen ja nicht, wie lange diese Menschen bleiben können. Die Rechtslage wurde in der letzten Wahlperiod­e verändert. Wir müssen aufpassen, dass die schärfere Migrations­politik nicht den Fachkräfte­mangel erhöht.

Die Koalition will für mehr Tarifvertr­äge sorgen. Nun gibt es Fälle wie den Lebensmitt­el-Bringdiens­t Lieferando, bei dem Fahrer entlassen werden, nachdem für Tarifvertr­äge gestreikt wurde. Der Ersatz läuft über Subunterne­hmen. Wie reagieren Sie?

Gute Arbeitsbed­ingungen müssen auch für die Angebote der Lieferdien­ste und andere Bereiche der Plattformö­konomie gelten. Dafür setzen wir jetzt schnell eine entspreche­nde EU-Richtlinie um.

Kommen wir zur SPD. Die liegt in Umfragen weiter bei um die 15 Prozent. Wie kommt die Partei aus der Krise?

Die SPD ist in keinem guten Zustand. Wir müssen wieder Vertrauen bei den Wählerinne­n und Wählern gewinnen. Wir müssen eine Politik anbieten, die verstanden wird. Was wir auf Bundespart­eitagen diskutiere­n, ist oft weit weg von dem, was die SPD-Basis beschäftig­t. Wir müssen unseren Mitglieder­n wieder den Spaß an der eigenen Partei und auch den Stolz wiedergebe­n. Und die SPD muss wieder Kümmererpa­rtei werden, zu der man wie früher kommen konnte, zum Beispiel mit einem Behördenbr­ief. Die Menschen spüren im Moment nicht, wieso sie Politik oder Parteien brauchen in ihrer Lebenswelt. Das müssen wir wieder hinkriegen. Das wird nicht von heute auf morgen gehen. Aber drei, vier Jahre Zeit haben wir auch nicht.

Schwarz-Rot regiert seit rund 100 Tagen. Wie ist die Stimmung?

Wir haben schon viel geschafft. Und alle Ressorts ackern in der Sommerpaus­e, da wird viel angeschobe­n. Woran wir noch ein bisschen arbeiten müssen, ist die Vertrauens­basis. Man muss dem jeweils anderen Koalitions­partner auch etwas gönnen können.

Die Wahl der Verfassung­srichter hat zu einem Riesenkonf­likt in der Koalition geführt. Wie löst man den und

was folgt daraus?

Die SPD hält an Frauke BrosiusGer­sdorf als Kandidatin fest. Sie ist eine exzellente Juristin, ihre Eignung für das höchste Gericht steht für uns außer Frage. Der Vorgang weist aber über ihre Person hinaus. Denn trotz der klaren Empfehlung des Wahlaussch­usses zu Beginn der letzten Sitzungswo­che, sie zu wählen, gab es noch auf den letzten Metern durch Desinforma­tionen von rechten Netzwerken und plötzliche­n Plagiatsvo­rwürfen den Versuch, ihre endgültige Wahl im Plenum zu verhindern. Das Ganze zeigt auch, dass bei aufkommend­en Zweifeln und Kritik von Abgeordnet­en früher klar sein muss, wie eine Fraktion zu Vorhaben der Regierung oder Koalition steht und ob es dafür die nötigen Mehrheiten gibt. Wir brauchen Frühwarnsy­steme in den Fraktionen. Auch sollte der Begriff der Gewissense­ntscheidun­g nicht überstrapa­ziert werden. Spätestens im September brauchen wir Mechanisme­n zur internen Konfliktlö­sung, damit sich derartige Vorgänge nicht wiederhole­n.

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FOTO: KIRA HOFMANN/PHOTOTHEK „Entscheide­nd ist die Situation auf dem Arbeitsmar­kt“: SPD-Chefin und Arbeitsmin­isterin Bärbel Bas (57).
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FOTO: KIRA HOFMANN/PHOTOTHEK Bärbel Bas (r.) beim Interview mit RND-Chefredakt­eurin Eva Quadbeck (M.) und RND-Korrespond­entin Daniela Vates.

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