Der Westen verschläft seinen Abstieg
Die Weltordnung kippt, doch viele scheinen es noch nicht bemerkt zu haben. Der Globale Süden tritt immer selbstbewusster auf und verschiebt die Machtachsen, während alte Allianzen bröckeln.
Von Can Merey
In großen Leuchtbuchstaben steht „Everything is going to be alright“auf dem Konferenzzentrum des Sheratonhotels in Doha. Doch ob der Westen darauf hoffen kann, dass am Ende wirklich alles gut wird – daran dürften viele Teilnehmer des Doha-forums Zweifel haben. Bei dem jährlichen diplomatischen Treffen in Katars Hauptstadt ließ sich am vergangenen Wochenende beobachten, wie sich die Machtzentren verschieben: weg vom bisher dominanten Westen, hin zum Globalen Süden – also zu jenen aufstrebenden Staaten in Asien, Afrika, dem Nahen Osten und Lateinamerika, die zunehmend selbstbewusst mehr Mitsprache in der Weltordnung fordern.
„Der Westen“ist nie eine geografische, sondern eine politische Gemeinschaft gewesen. Länder wie die USA, Kanada, die Eu-staaten oder Japan haben vor allem ein demokratisches Selbstverständnis, wirtschaftlicher Liberalismus und eine enge sicherheitspolitische Zusammenarbeit verbunden. Damit ist es spätestens mit der neuen Nationalen Sicherheitsstrategie der USA vorbei, in der Präsident Donald Trump das transatlantische Fundament infrage stellt – und deren überraschende Veröffentlichung ins Doha-forum platzt. Der Cdu-außenpolitiker Norbert Röttgen sagt am Rand der Konferenz entsetzt: „Erstmals seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs stehen die USA nicht mehr an der Seite der Europäer.“Anders als etwa die westlich geprägte Münchner Sicherheitskonferenz will das Doha-forum vor allem dem Globalen Süden eine Stimme geben. Dass Katar Gastgeber ist, ist kein Zufall: Das Golfemirat betätigt sich als Vermittler in zahlreichen internationalen Konflikten. Mehr als 6000 Teilnehmer aus über 150 Ländern haben sich in diesem Jahr versammelt – ein Rekord. Die Konferenz unter dem Motto „Gerechtigkeit in Aktion: Vom Versprechen zum Fortschritt“wirkt auf den Fluren und in den Sitzungssälen fast so bunt wie die jährliche Un-generalversammlung in New York – allerdings mit der Einschränkung, dass europäische Vertreter unterrepräsentiert sind.
Viele Politiker finden sich unter den mehr als 350 Rednern. Staatsund Regierungschefs sind nach Doha gereist, ebenso etliche Außenminister. Die meisten von ihnen kommen aus dem Globalen Süden, aber auch Us-prominenz ist präsent – etwa Präsidentensohn und -berater Donald Trump Jr. sowie die frühere Außenministerin Hillary Clinton. Als einziger deutscher Politiker spricht Unionsfraktionsvize Röttgen auf einem der Dutzenden Podien. „Deutschland und andere europäische Regierungen müssten viel stärker hier vertreten sein“, sagt Röttgen. „Das Doha-forum ist nicht nur ein Ort, an dem die Golfstaaten mit anderen Staaten sprechen, sondern ein globaler Treffpunkt für Dialog. Dass wir diese Chance nicht nutzen, zeigt, dass wir immer noch eine viel zu große Selbstgefälligkeit an den Tag legen, dass wir nicht sehen, wie sich die Welt von Europa wegbewegt.“Europa müsse sich ebenfalls bewegen, wenn es den Anschluss nicht verlieren wolle, fordert Röttgen. „Unsere Abwesenheit wird von unseren Wettbewerbern, aber auch von unseren Gegnern ausgenutzt, um uns anzugreifen, uns zu diffamieren und um eigene Schwächen zu überspielen.“
Niemand widerspricht China
Das Zentrum für China und Globalisierung (CCG) ist gleich mit sechs Experten beim Doha-forum vertreten. Die chinesische Denkfabrik ist eigenen Angaben zufolge unabhängig. Nach Einschätzung des in Berlin ansässigen Mercator-instituts für China-studien gehört es aber auch zu den Aufgaben des CCG, Pekings offizielle Narrative im Ausland zu verbreiten und zu fördern. Ccg-energieexperte Victor
Abgang von der Bühne – auch im übertragenen Sinn: Us-verteidigungsminister Pete Hegseth.
Die europäischen Anführer – sie sind die Feinde.
America First Policy Institute
Wir sind der Kontinent der Zukunft.
Unternehmer aus Marokko
Gao sitzt bei einer Veranstaltung über Entwicklung und Klimawandel mit Liberias Außenministerin Sara Beysolow Nyanti auf der Bühne. Er verweist auf die Kolonialgeschichte der Europäer und die Sklaverei in den USA. „China hat im Umgang mit Afrika keine solchen Leichen im Keller“, sagt Gao. „Wir behandeln alle Menschen in Afrika als Brüder und Schwestern. Und wenn Sie fragen, welches Land die Straßen, Autobahnen, Flughäfen oder Regierungsgebäude in Afrika gebaut hat: Kein einziges europäisches Land hat das getan. Die Amerikaner haben das nie getan. Es ist China.“Die Volksrepublik werde zudem sicherstellen, dass jedes afrikanische Land an der Revolution durch Künstliche Intelligenz teilhaben könne.
Niemand aus dem Westen sitzt auf dem Podium, niemand widerspricht. Röttgen meint später: „Jeder Europäer auf der Konferenz hätte sagen müssen: Glaubt nicht, dass die Chinesen das alles aus Selbstlosigkeit tun. Glaubt nicht, dass sie eure Arbeitnehmer beschäftigen. Sie bringen alles mit – eigene Geräte und eigene Arbeitnehmer –, und sie kaufen eure Unabhängigkeit. Das ist es, womit ihr bezahlt. Aus diesen Abhängigkeiten kommt man nicht mehr raus.“Die Europäer hätten hingegen kein Interesse, Abhängigkeiten zu schaffen. „Diese Position müssen wir klar vertreten. Wenn wir nicht da sind, überlassen wir China das Feld.“Wie rasant manche Staaten dieses Feld erobern, zeigt sich am Beispiel von Brics. Der Zusammenschluss wurde 2009 aus den großen Schwellen- und Regionalmächten Brasilien, Russland, Indien und China geformt, 2011 kam Südafrika dazu. Die Gruppe sieht sich als Stimme des Globalen Südens und will die Dominanz des Westens brechen.
Inzwischen haben die Brics-länder zusammen mehr wirtschaftliche Kraft als das G7-bündnis von sieben reichen Industriestaaten – zumindest wenn man die reale Kaufkraft
und Wirtschaftsleistung vergleicht. Und dieser Abstand wird laut Prognosen bis 2030 immer größer: Die Brics-gruppe wächst wirtschaftlich viel schneller als die G7. Inzwischen wird sie auch Brics+ genannt, weil die Zahl der Mitglieder auf elf gestiegen ist. Dutzende weitere Länder haben Interesse bekundet. In den Brics-staaten lebt rund die Hälfte der Weltbevölkerung, in den G7-ländern – zu denen unter anderem Deutschland und die USA zählen – leben nur etwa 10 Prozent. Die Gruppe der Sieben (G7) wird wegen ihrer Wirtschaftskraft, aber auch wegen gemeinsamer Werte und eines geschlossenen Auftretens oft als „Kern des Westens“angesehen – jedenfalls galt das bislang. Trump schießt die G7 und andere westliche Bündnisse wie die Nato derzeit sturmreif. Wie tief der Graben zwischen den einstigen transatlantischen Verbündeten inzwischen verläuft, zeigt sich auch in Doha.
Der Vizevorsitzende der Trumpnahen Denkfabrik America First Policy Institute, Fred Fleitz, sagt in aller
Öffentlichkeit, es stimme zwar nicht, dass Europa in der neuen Ussicherheitsstrategie als Feind betrachtet werde. „Aber die europäischen Anführer – sie sind die Feinde. Es sind Menschen, die den Men
Selbstbewusster Auftritt: Henry Huiyao Wang, Chef der chinesischen Denkfabrik CCG.
Leuchtschrift auf dem Konferenzzentrum in Doha: Ob für den Westen am Ende alles gut wird, ist nicht sicher. schen in Europa schaden, Menschen, die gegen die Interessen der Vereinigten Staaten arbeiten.“Auch beim Krieg in der Ukraine macht Fleitz keinen Hehl aus den Differenzen mit der EU. Trump „bewegt Selenskyj dazu einzusehen, dass die endgültige Lösung nicht fair sein wird. Sie wird nicht gerecht sein, aber sie wird das Töten stoppen – und hoffentlich können wir zu einer fairen Lösung kommen, wenn Putin die politische Bühne verlassen hat“. Der Westen verliert nicht nur an wirtschaftlichem und politischem Einfluss, sondern hat nach Überzeugung vieler Teilnehmer des Doha-forums auch jeden Anspruch auf moralische Überlegenheit verspielt – wenn er ihn überhaupt je hatte. Vertreter des Globalen Südens beklagen, dass besonders Staaten wie die USA und Deutschland unterschiedliche Maßstäbe an mögliche Kriegsverbrechen Russlands in der Ukraine und an solche Israels im Gazastreifen anlegten. „Das zeigt eindrücklich die Heuchelei und die Doppelmoral westlicher Mächte“, sagt ein afrikanischer Spitzendiplomat, der anonym bleiben möchte. „Die regelbasierte Ordnung muss für alle gleichermaßen gelten.“
Investitionen statt Hilfe
Südafrika hat vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag ein Verfahren gegen Israel wegen des Vorwurfs eines Völkermords an den Palästinensern angestrengt. Das kleine Gambia steht hinter einem Verfahren gegen Myanmar wegen mutmaßlichen Genozids an der Minderheit der Rohingya. Beide Fälle werden als Zeichen eines neuen Selbstbewusstseins interpretiert: Afrikanische Staaten nutzen internationale Gerichte offensiv, um globale Gerechtigkeit einzufordern – ohne dabei auf eine Zustimmung des Westens zu warten. „Afrika steht nicht am Rand, sondern spielt zunehmend eine entscheidende Rolle in der Weltpolitik“, erklärt der Diplomat. „Die Welt soll nicht länger über uns sprechen, sondern mit uns.“Zum neuen Selbstbewusstsein passt auch, was viele afrikanische Länder in Doha einfordern: keine Entwicklungshilfe mehr, sondern internationale Investitionen – und zwar zum gegenseitigen Nutzen. Der Vizepräsident des marokkanischen Unternehmerverbands CGEM, Mehdi Tazi, verweist in Doha auf die junge Bevölkerung, die Rohstoffvorkommen und das Potenzial bei Agrarproduktion und Energiegewinnung in Afrika. „Wir betteln nicht mehr“, ruft er unter Applaus. „Wir sind der Kontinent der Zukunft.“
Henry Huiyao Wang hält Afrika ebenfalls für aufstrebend. Der Präsident und Mitbegründer der chinesischen Denkfabrik CCG sieht aber vor allem eine Verschiebung der wirtschaftlichen Macht nach Asien. „Großbritannien führte im 19. Jahrhundert die Industrialisierung an – mit der Weiterentwicklung der Dampfkraft und der Erfindung der Lokomotive, die das Zeitalter der Eisenbahn begründete“, sagt er. „Im 20. Jahrhundert prägten die USA mit der Elektrifizierung, dem Computerzeitalter, digitalen Technologien und dem Internet die globale Entwicklung – Silicon Valley wurde zum Motor des amerikanischen Jahrhunderts.“Wang ist überzeugt, dass jetzt die Stunde Chinas geschlagen hat. „China ist der wichtigste Handelspartner für rund 150 Länder, und die Wirtschaft wächst weiterhin mit etwa 5 Prozent jährlich. In den kommenden zehn Jahren wird China eine führende Rolle beim weltweiten wirtschaftlichen Fortschritt übernehmen“, sagt er. Sein Land produziere heute schon etwa 70 Prozent der globalen grünen Technologien. „Das 21. Jahrhundert wird ein Jahrhundert der grünen Globalisierung und des grünen Übergangs – und China wird dieses Zeitalter anführen.“
Ob der Westen das erkannt habe? „Die USA beginnen das zu verstehen“, antwortet Wang. „Europa hingegen fällt zurück.“