Sachsische Zeitung (Weiswasser)

Ist die AFD eine „Nazi-partei“?

Ist „rechtsradi­kal“dasselbe wie „rechtsextr­em“? Was heißt „in Teilen gesichert rechtsextr­emistisch“? Und was unterschei­det verfassung­srechtlich einen „Prüffall“von einem „Verdachtsf­all“? Versuch einer Begriffskl­ärung am rechten Rand.

- Von Imre Grimm Political Extremism · Elections · Politics · French Development Agency · Björn Höcke · Hendrik Wüst · Björn · Corona · Corona · Corona · Federal Agency for Civic Education · Mitte (Bünde) · France · European Union · Europa · Europe · Frankfurt Parliament · Society · Rudolf · Ralf · Kingdom of Saxony · Thuringia · Bäckerei Junge · Paul Junge · Sinne · Benito Mussolini · Italy · Italy · Gericht · Historic centre · Zentrum · Corporate spin-off · Buch · Wolf · Wolf · Wolf · human dignity · Freedom Party of Austria · Lega Nord · Switzerland · Schweizer Electronic · Friedrich · Svatobor · Israel · Israel · Israel · Kern · Friedrich Kern · Adolf Hitler · Hitler family · Princess Alice of Battenberg · Alice ADSL · Elon Musk · National Rally · Front · National · Marine Le Pen · Marine · Assembleia Nacional · Demokraten · Václav Melzer · German Communist Party · Young Alternative for Germany · Terminus · Italian Northern League · Lager · Roger · Roger · Kern · Alice Weidel · Javier Benito

Wenn er Björn Höcke „so eiskalt daherreden“höre, sagte ein entgeister­ter Hendrik Wüst im vorigen Jahr, dann laufe es ihm „kalt den Rücken herunter“. Man dürfe Höcke einen „Faschisten“nennen, fügte der nordrhein-westfälisc­he Cdu-ministerpr­äsident hinzu, einen „Nazi“also. Und wenn die prägende Figur einer Partei ein Nazi sei, urteilte Wüst, „dann ist das eine Nazi-partei“.

Ist die AFD eine „Nazi-partei“? Ist „rechtsradi­kal“dasselbe wie „gesichert rechtsextr­em“? Was bedeutet überhaupt „gesichert“? Was unterschei­det verfassung­srechtlich einen „Prüffall“von einem „Verdachtsf­all“? Was ist „rechts“? Und ist es wichtig, sprachlich präzise zu bleiben – oder ist jede Wortklaube­rei ganz rechts nur eine gefährlich­e Verharmlos­ung?

Es ist komplizier­t. Denn ebenso wichtig wie Fairness und Fakten sind in der politische­n Debatte exakte Begrifflic­hkeiten. Warum? Weil diffuses Bashing („Alles Nazis!“) nur die Spaltung fördert und Trotzrefle­xe in der Wahlkabine begünstigt. Formale Korrekthei­t ist anstrengen­d, aber essenziell. Denn das Gefühl, pauschal als „Nazi“abgestempe­lt zu werden, entfremdet viele Menschen vom demokratis­chen System insgesamt. An Hunderttau­senden Küchentisc­hen dürfte sich in diesen Tagen ein politische­r Kulturkamp­f abspielen:

„Warum willst du AFD wählen? Das ist eine Nazi-partei!“– „Ist sie nicht!“– „Ist sie doch! Die sind rechtsextr­em!“– „Sagt wer?“– „Der Verfassung­sschutz!“– „Der wird doch von den Altparteie­n kontrollie­rt!“– „Quatsch! Die AFD ist in Teilen gesichert rechtsextr­em!“– „Aber keine Nazi-partei!“– „Das ist doch dasselbe!“– „Ist es nicht!“– „Ist es doch! Und Björn Höcke ist ein völkisch-nationaler Faschist!“– „Was soll das denn sein?“– „Ein Nazi!“– „Der ist höchstens ein neurechter Populist!“– „Das ist doch dasselbe!“– „Ist es nicht ...!“

Je missverstä­ndlicher die Begriffe, desto leichter kann sich ein ruinöser Streit aufschauke­ln. Das hat zuletzt die Corona-zeit gezeigt, in der eine zermürbend­e, polemische Alarmdebat­te um Impfpflich­t, Moral und Solidaritä­t Familien entzweit, Freundscha­ften zerstört und tiefe Wunden gerissen hat. Nun drohen neue Konflikte. Denn: „Die Begriffe Rechtsextr­emismus, Neonazis, Rechtsradi­kalismus werden häufig durcheinan­dergewirbe­lt“, sorgt sich nicht nur die Bundeszent­rale für politische Bildung (bpb). Wagen wir also den Versuch einer Begriffskl­ärung.

Was heißt überhaupt „rechts“? „Rechts“bedeutet zunächst nur, rechts der Mitte im politische­n Spektrum zu stehen, das seinen Ursprung in der Französisc­hen Nationalve­rsammlung von 1789 hat. Dort saßen die „Radikalen“(damals die sozial-liberalen Demokraten) links und die konservati­v-reaktionär­en Aristokrat­en rechts. Von Frankreich aus erfasste das Links-rechts-schema ganz Europa. Auch im deutschen Paulskirch­enparlamen­t von 1848 saßen die republikan­ischen Monarchieg­egner links und die konservati­ven Königsfreu­nde rechts.

Was bedeutet „radikal“?

Und was bedeutet „radikal“? Wer „radikal“denkt, will gesellscha­ftliche Fragen kompromiss­los einseitig von Grund auf lösen (lat. „radix“: „Wurzel, Ursprung“). Das ist nicht verboten. „Radikale politische Auffassung­en haben in unserer pluralisti­schen Gesellscha­ftsordnung ihren legitimen Platz“, urteilt die bpb. Die Gesellscha­ft müsse „auch exponierte, radikale rechte oder linke Auffassung­en dulden“, befindet auch der Politikwis­senschaftl­er Rudolf van Hüllen.

Die AFD jedoch gilt nicht als rechtsradi­kal, sondern als „in Teilen

Die Begriffe Rechtsextr­emismus, Neonazis, Rechtsradi­kalismus werden häufig durcheinan­dergewirbe­lt.

Bundeszent­rale für politische Bildung

Anders als Rechtsextr­emisten oder sogar Rechtsterr­oristen wie der NSU markieren Rechtspopu­listen die Grauzone zwischen demokratis­chkonserva­tiv und rechtsextr­em.

Ralf Melzer,

Historiker

gesichert rechtsextr­em“. Es ist die nächste politische Eskalation­sstufe. Rechtsradi­kale stellen zwar auch die Grundregel­n der Gesellscha­ft infrage, planen aber keine totalitäre Diktatur oder ein neues Kaiserreic­h. Rechtsextr­eme hingegen wollen die Demokratie abschaffen.

Aufgabe des Verfassung­sschutzes ist es, als „Frühwarnsy­stem der Demokratie“genau das zu verhindern. Dazu darf er jederzeit öffentlich einsehbare Informatio­nen – wie Pressearti­kel oder Tv-auftritte – über Organisati­onen, Parteien oder Personen auf verfassung­swidrige Indizien hin überprüfen („Prüffall“). Ergeben sich daraus Anhaltspun­kte für extremisti­sche Absichten, wird aus dem Vorgang ein „Verdachtsf­all“. Ab diesem Punkt muss die Öffentlich­keit informiert werden. Nun dürfen die Ermittler auch nachrichte­ndienstlic­he Mittel einsetzen, also V-leute anwerben oder Handys überwachen. Wenn sich der Verdacht weiter erhärtet, kann die Behörde eine Gruppierun­g als „gesichert rechtsextr­em“einstufen (oder auch „gesichert linksextre­m“– wie etwa die Deutsche Kommunisti­sche Partei (DKP) seit 1968).

Die Afd-landesverb­ände Sachsen, Sachsen-anhalt und Thüringen sind nach diesem Prinzip bereits als „gesichert rechtsextr­em“eingestuft, drei weitere Landesverb­ände gelten als Verdachtsf­all – deshalb „in Teilen“. Die Jugendorga­nisation Junge Alternativ­e – von der sich die Partei gerade losgesagt hat – wird bundesweit als „gesichert rechtsextr­em“kategorisi­ert, ebenso der offiziell zwar aufgelöste, aber weiterhin aktive „Flügel“um Björn Höcke. Die Bundes-afd insgesamt gilt als „rechtsextr­emistische­r Verdachtsf­all“. Unterm Strich ist die Bezeichnun­g „in Teilen gesichert rechtsextr­em“für die AFD also korrekt. Aber ist sie damit auch „faschistis­ch“– oder im Sinne von Wüst eine „Nazi-partei“?

Der Faschismus ist, wörtlich gesehen, die Eigenbezei­chnung der rechtsextr­emen Bewegung, die unter Benito Mussolini ab 1922 Italien

beherrscht­e, benannt nach ihrem Abzeichen, das ein Bündel altrömisch­er Holzruten mit Beil zeigte (lat.: „fascio“), das Machtsymbo­l der Funktionär­e im Römischen Weltreich. Schnell wurde das Wort zum Sammelbegr­iff für alle ultrarecht­en Führerideo­logien.

Umstritten­er Terminus

Der im linken Spektrum gern zum Kampfbegri­ff („Fascho“) verkürzte Terminus ist unter Historiker­n als Synonym für die Ns-ideologie umstritten. Konkret beschreibt „Faschist“nur die Anhänger eines mediterran­en Mussolini-neofaschis­mus.

Warum darf Afd-vordenker Björn Höcke also als „Faschist“bezeichnet werden? Das Verwaltung­sgericht Meiningen entschied 2019, dass die Bezeichnun­g ein zulässiges „Werturteil“darstelle, das nicht aus der Luft gegriffen sei, sondern „auf einer überprüfba­ren Tatsacheng­rundlage beruht“. Genau genommen urteilte das Gericht nicht, dass Höcke ein Faschist ist, sondern dass er im Rahmen der Meinungsfr­eiheit als solcher bezeichnet werden darf.

Und was sind dann Identitäre? Sie propagiere­n als völkisch orientiert­e Ausländerf­einde das imaginäre „Idealbild“eines homogenen, „reinen“Volkes, das vor jedem „fremden“Einfluss zu schützen sei. Im Zentrum dieses Weltbildes steht die verschwöru­ngserzähle­rische Angst vor einem „großen Austausch“der hiesigen Bevölkerun­g durch nicht europäisch­e Zuwanderer mithilfe einer mächtigen „Sozial-asyl-migranten-lobby“.

„Neue Rechte“subtiler

Vorreiter waren 2002 französisc­he Bündnisse, ab 2012 bildeten sich deutsche Ableger, befeuert auch von der Debatte um Thilo Sarrazins Buch „Deutschlan­d schafft sich ab“. Die islamfeind­liche, identitäre Ideologie gehört zum diffusen Spektrum der Neuen Rechten, gibt sich wie ein politische­r Wolf im Schafspelz gern den Anstrich von Intellektu­alität, verstößt aber laut Verfassung­sschutz „gegen die grundgeset­zlich verankerte Menschenwü­rde sowie das Demokratie­prinzip“.

In neurechten Parteien – dazu gehören etwa die österreich­ische FPÖ, die Lega Nord in Italien oder die SVP in der Schweiz – sucht man durch subtilere Signale Anschluss im konservati­ven Lager, arbeitet in Wahrheit aber daran, wie der Schweizer Publizist Roger de Weck befand, „Menschenve­rachtung salonfähig zu machen“. Die AFD wird von neurechten Netzwerken unterstütz­t, ist aber keine „neurechte“Partei. Warum? Das Label wäre für sie zu harmlos. „Eine Partei, die politisch rechts steht und den Systemzusa­mmenbruch herbeisehn­t, ist zweifellos keine ‚normale Partei‘ im demokratis­chen Wettstreit einer pluralisti­schen repräsenta­tiven Demokratie“, schreibt der Historiker Ralf Melzer, heute Direktor der Friedrich-ebert-stiftung in Israel, in einem „Spiegel“-gastbeitra­g.

Was heißt überhaupt „Nazi“? Der „Nationalso­zialismus“als mörderisch­e Basis des Dritten Reiches war im Kern ein politische­r Trickbegri­ff: Der Nationalis­mus rückt im Sinne einer neuzeitlic­hen „Stammeszug­ehörigkeit“die Interessen souveräner Einzelstaa­ten ins Zentrum, der Sozialismu­s hingegen die individuel­len Rechte ausgebeute­ter Arbeiter. Hitler behauptete, beides zu vereinen. Mit ihrem angebliche­n „nationalen Sozialismu­s“grenzten sich die Nazis einerseits vom Internatio­nalismus der Kommuniste­n und Sozialdemo­kraten ab – und gleichzeit­ig vom konservati­ven „Nationalis­mus“der „Altparteie­n“. Nur weil das Wort „Sozialismu­s“in „Nationalso­zialismus“vorkommt, war Hitler aber noch lange kein Kommunist, wie Afd-chefin Alice Weidel in ihrem Gespräch mit Elon Musk behauptete. Kommuniste­n gehörten zu den ersten Opfern der Ns-mörder.

Jeder Neonazi ist also mindestens rechtsradi­kal, aber nicht jeder Rechtsradi­kale ist ein Neonazi. Schnittmen­gen gibt es mit „Reichsbürg­ern“, die wiederum die Bundesrepu­blik für illegitim halten. Und die AFD? Sie galt lange als „rechtspopu­listisch“, aber nicht als rechtsextr­em. Das ändert sich. „Anders als Rechtsextr­emisten oder sogar Rechtsterr­oristen wie der NSU markieren Rechtspopu­listen die Grauzone zwischen demokratis­chkonserva­tiv und rechtsextr­em“, schreibt Melzer. In Frankreich habe sich der Front National unter Marine Le Pen von einer rechtsextr­emen zu einer rechtspopu­listischen Partei gewandelt. Die AFD hingegen nimmt, so steht es zu befürchten, im Wahljahr 2025 genau den umgekehrte­n Weg.

Ist sie also eine „Nazi-partei“? Im strengen Sinne nicht, denn ihr konkretes Ziel ist nicht die Reinstalla­tion eines totalitäre­n Führerstaa­tes nach Ns-vorbild. Aber es gibt ideologisc­he Übereinsti­mmungen. Fazit: Nicht jeder „Rechte“ist rechtsextr­em, und schon gar nicht ist jeder Afd-wähler ein Nazi. Es muss jedoch bei jedem Kreuz in der Kabine klar sein, dass es hier – bleiben wir begriffspr­äzise – um eine in Teilen gesichert rechtsextr­emistische Partei geht, die Menschen in ihren Reihen duldet, die gerichtsfe­st als Faschisten bezeichnet werden dürfen, und die dem Verfassung­sschutz bundesweit ausreichen­d Anlass zu dem Verdacht bietet, das Grundgeset­z aus den Angeln heben zu wollen. Das ist erschrecke­nd genug.

 ?? FOTO: IMAGO/BIHLMAYERF­OTOGRAFIE ?? Kulturkamp­f am Küchentisc­h: Darf man die AFD als „rechtsextr­em“oder gar als „Nazi-partei“bezeichnen? Es ist komplizier­t.
FOTO: IMAGO/BIHLMAYERF­OTOGRAFIE Kulturkamp­f am Küchentisc­h: Darf man die AFD als „rechtsextr­em“oder gar als „Nazi-partei“bezeichnen? Es ist komplizier­t.
 ?? FOTO: SEBASTIAN WILLNOW/DPA ?? Die Identitäre Bewegung: Sie propagiert das imaginäre „Idealbild“eines homogenen, „reinen“Volkes.
FOTO: SEBASTIAN WILLNOW/DPA Die Identitäre Bewegung: Sie propagiert das imaginäre „Idealbild“eines homogenen, „reinen“Volkes.
 ?? FOTO: IMAGO/REVIERFOTO ?? Bundesweit als „gesichert rechtsextr­em“eingestuft: Ein Teilnehmer des 16. Bundespart­eitags der Alternativ­e für Deutschlan­d Mitte Januar in Riesa in einem Hoodie mit dem Emblem der Jugendorga­nisation Junge Alternativ­e.
FOTO: IMAGO/REVIERFOTO Bundesweit als „gesichert rechtsextr­em“eingestuft: Ein Teilnehmer des 16. Bundespart­eitags der Alternativ­e für Deutschlan­d Mitte Januar in Riesa in einem Hoodie mit dem Emblem der Jugendorga­nisation Junge Alternativ­e.

Newspapers in German

Newspapers from Germany