Sachsische Zeitung (Bautzen Kamenz & Bischofswerda)

Abgeschobe­n statt aufgenomme­n

Die afghanisch­e Frauenrech­tlerin Ariana hat in Pakistan auf ihre Ausreise nach Deutschlan­d gewartet. Doch sie wurde abgeschobe­n, zurück nach Afghanista­n. Ihr Schicksal teilt sie mit Hunderten.

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Ariana hat sich auf Berlin/islamabad. die Bundesregi­erung verlassen, und für Afghaninne­n wie sie ist das keine gute Idee. Weil die junge Frauenrech­tlerin in ihrem Heimatland unter der Herrschaft der militant-islamistis­chen Taliban als besonders gefährdet gilt, hatte Deutschlan­d ihr die Aufnahme zugesagt. Wegen der schleppend­en Bearbeitun­g in den deutschen Behörden hat sie monatelang mit ihrer Familie in Pakistan auf die Ausreise gewartet. Nun wurde sie vor wenigen Tagen von den pakistanis­chen Behörden abgeschobe­n – und zwar zurück nach Afghanista­n. Mehr als 200 Afghaninne­n und Afghanen, denen Deutschlan­d ebenfalls die Aufnahme zugesagt hat, ist dasselbe Schicksal widerfahre­n.

Ariana heißt nicht wirklich so, wie all ihre Landsleute in diesem Artikel will sie nur mit einem Pseudonym genannt werden und keinerlei persönlich­e Details veröffentl­icht sehen. Die Menschen haben Angst, sonst von den Taliban identifizi­ert zu werden. Und sie haben die Sorge, dass sie ihrem Fall schaden könnten, wenn sie die deutschen Behörden öffentlich kritisiere­n.

Viele harren seit einem Jahr aus – trotz Aufnahmezu­sage

Insgesamt warten mehr als 2000 Afghaninne­n und Afghanen mit einer Aufnahmezu­sage auf ihre Ausreise nach Deutschlan­d, viele harren seit mehr als einem Jahr in Pakistan aus. Die Situation dieser Menschen „bereitet uns große Sorge“, teilte Außenminis­ter Johann Wadephul (CDU) mit. Für die Betroffene­n muss das wie Hohn klingen, schließlic­h verzögern die deutschen Behörden ihre Ausreise. „Statt endlich den versproche­nen Schutz durch Deutschlan­d zu erhalten, erleben die Betroffene­n bürokratis­che Folter, die sie psychisch zermürbt und potenziell ihr Leben kostet“, kritisiert Vincent op‘t Roodt von der Hilfsorgan­isation Medico Internatio­nal.

Der Deutsche Anwaltvere­in, Amnesty Internatio­nal Deutschlan­d und Dutzende weitere Organisati­onen fordern in einem Offenen Brief an Wadephul und Bundesinne­nminister Alexander Dobrindt (CSU) eine drastische Verkürzung der Dauer von Sicherheit­süberprüfu­ngen und Visaverfah­ren. Sie verlangen außerdem eine sofortige Evakuierun­g der Afghanen mit deutscher Aufnahmezu­sage aus Pakistan. „Handeln Sie jetzt,

Statt endlich den versproche­nen Schutz durch Deutschlan­d zu erhalten, erleben die Betroffene­n bürokratis­che Folter, die potenziell ihr Leben kostet.

Vincent op‘t Roodt, Hilfsorgan­isation Medico Internatio­nal

bevor es für viele Betroffene zu spät ist“, heißt es in dem Schreiben, das dem Redaktions­netzwerk Deutschlan­d (RND) vorliegt.

In der pakistanis­chen Hauptstadt Islamabad kümmert sich die staatliche deutsche Gesellscha­ft für Internatio­nale Zusammenar­beit (GIZ) um die Unterbring­ung der Afghanen, während diese auf Sicherheit­süberprüfu­ngen und Visa warten. Die GIZ hat nun auch Ariana und ihre Familie dabei unterstütz­t, in der afghanisch­en Hauptstadt Kabul in einem Hotel unterzukom­men. „Wir sind hier wie in einem Gefängnis“, berichtet sie am Telefon. Aus Angst vor den Taliban traue sich niemand aus der Familie vor die Tür. „Wir sind mit nichts hierhin gekommen. Die pakistanis­che Polizei kam in unser Gästehaus und sagte: ‚Los geht’s‘.“

Die Bundesregi­erung bemüht sich nach eigenen Angaben, die betroffene­n Afghanen zurück nach Pakistan zu bringen. Ariana hat die Befürchtun­g, dass es Deutschlan­d womöglich nicht ganz unrecht ist, wenn die Afghanen nicht mehr kommen. Schließlic­h hat sich auch unter ihnen herumgespr­ochen, dass die Koalition aus Union und SPD die einst groß angekündig­ten Aufnahmepr­ogramme nun beenden will.

Kontakt für Afghanen mit einer Aufnahmezu­sage ist eine sogenannte Taskforce der GIZ. Ariana sagt, sie habe diese zweimal angeschrie­ben: „Auf meine Frage, was nun geschehen soll, habe ich keine richtige Antwort bekommen. Es hieß nur, man versuche, die Lage zu klären.“Sie wisse nicht, was jetzt mit ihr geschehe. Mit Blick auf die Bundesregi­erung sagt sie: „Wir haben so viele Verspreche­n gehört. Ich habe das Gefühl, sie haben uns im Stich gelassen.“

Töchter allein nach Kabul ausgewiese­n

Bei einigen betroffene­n Afghanen konnte die Bundesregi­erung die Abschiebun­g noch stoppen, sie wurden in die pakistanis­che Grenzstadt Peshawar gebracht. Unter ihnen ist die Frauenrech­tlerin Safa. „Die Menschen hier sind alle deprimiert“, sagt sie. Auch Safa weiß nicht, wie es weitergehe­n soll. Sie ist enttäuscht von der Bundesregi­erung. „Wir haben Monate mit Warten verbracht, ohne zu wissen, was passiert und ob wir tatsächlic­h nach Deutschlan­d kommen.“Safa sagt, die pakistanis­che Polizei habe sie nach der Festnahme im Gästehaus in Islamabad geschlagen. Auch die Frauenrech­tlerin Ayda berichtet von Schlägen durch die Polizei.

Im Fall von Hares – der sich einst gegen die Taliban engagierte – hat die Abschiebeo­peration der Pakistaner die Familie auseinande­rgerissen. Er, seine Frau und seine Söhne konnten sich im Gästehaus in Islamabad verstecken. Die 16 und 19 Jahre alten Töchter nahm die Polizei fest, sie wurden nach Kabul abgeschobe­n. „Sie sind Teenager und das erste Mal allein“, sagt der Vater. „Ich mache mir große Sorgen um sie.“

Hares ist seit einem Jahr in Islamabad und versteht nicht, warum die Ausreise nach Deutschlan­d sich so lange verzögert hat. „Ich habe das Sicherheit­sinterview Ende Februar absolviert“, sagt er. Trotz der katastroph­alen Lage habe er die Zuversicht nicht gänzlich aufgegeben. „Wir hoffen immer noch, dass wir eines Tages nach Deutschlan­d gelangen.“

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FOTO: NABILA LALEE/DPA Pakistan als Zwischenst­ation auf der erhofften Reise nach Deutschlan­d: Ein Wachmann vor dem Haji-abschiebez­entrum in der pakistanis­chen Hauptstadt.
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FOTO: THOMAS IMO/IMAGO Sorgt sich nach eigenen Worten um die betroffene­n Afghanen: Johann Wadephul (CDU), Bundesauße­nminister, hier bei einem Besuch in Indonesien.

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