Sachsische Zeitung (Riesa & Grossenhain)

„Alte Gewissheit­en hinterfrag­en“

Nd Christoph Heusgen, der ehemalige Un-botschafte­r Deutschlan­ds, warnt angesichts der Lage im Gazastreif­en vor einer Entwicklun­g Israels zu einem Apartheids­taat. Ein Gastbeitra­g.

- Von Christoph Heusgen Military · Antisemitism · Middle East News · Politics · Warfare and Conflicts · World Politics · Religion · Helmut Dieser · Israel · Israel · Israel · Palestinian National Authority · Palestinian Authority · The German government · United States of America · France · United Kingdom · Berlin · Berlin · Joseph Stalin · Mahmoud Abbas · Ehud Olmert · Benjamin Netanyahu · Rüdiger Seine · Pennsylvania · Hamas · Qatar · Oktober · Joe Biden · Tote · West Bank · Alle · John · Germany · Germany · Unilever NV · Bruch · Bruch · Jerusalem · Judaism · Israel Bascón · Stalin family · Yitzhak Rabin · Gaza City · Gaza · Christoph Heusgen · Daniel Barenboim · Daniel · John Kerry

Das Völkerrech­t bestimmt die Voraussetz­ungen für die Anerkennun­g eines Staates: Dieser muss über ein Staatsvolk verfügen, über Staatsgebi­et und Staatsgewa­lt, also über die Fähigkeit, auch tatsächlic­h zu regieren. Es gibt die „Palästinen­ser“, ihr Staatsgebi­et ist völkerrech­tlich in den Grenzen von 1967 klar umrissen, aber sie verfügen in Wirklichke­it nur über einen kleinen Teil dieses Gebietes, der Großteil ist von Israel besetzt. Und Staatsgewa­lt übt die Palästinen­sische Autonomieb­ehörde nur sehr eingeschrä­nkt aus. Also ist die bisherige Haltung der Bundesregi­erung eigentlich richtig, die eine Anerkennun­g auf das Ende eines Friedenspr­ozesses verschiebt.

Eigentlich? 147 von 194 Staaten sind zu einem anderen Schluss gekommen. Auch Frankreich und Großbritan­nien wollen Palästina anerkennen. Als ich die von mir bisher geteilte deutsche Rechtsauff­assung mit Yoram Ben-zeev, israelisch­er Botschafte­r in Berlin von 2007 bis 2011, diskutiert­e, bekam ich eine überrasche­nde Antwort: Ja, meine Rechtsauff­assung sei korrekt, aber es gehe jetzt auch um historisch­e und moralische Argumente. Als Juden den Anspruch erhoben, einen eigenen Staat zu gründen, seien die Voraussetz­ungen auch nicht gegeben gewesen. Stalin hätte sogar die Existenz eines jüdischen Volkes geleugnet. Dennoch sei die Staatsgrün­dung erfolgt.

Netanjahus Fehlkalkul­ation

Bis heute gibt es viele Palästinen­ser, die die Gründung des Staates Israel nicht akzeptiere­n. Präsident Mahmoud Abbas und die PLO aber haben Israel anerkannt, stehen hinter der Zwei-staaten-lösung. Anders als seine Vorgänger Ehud Olmert und Jitzchak Rabin lehnt Israels Regierungs­chef Benjamin Netanjahu einen Palästinen­serstaat vehement ab. Seine Abneigung gegen die Palästinen­sische Autonomieb­ehörde (PA) ging so weit, dass er die Terrororga­nisation Hamas in Gaza akzeptiert­e und durch Katar finanziere­n ließ.

Die tragischen Folgen dieser Fehlkalkul­ation haben wir erlebt: den brutalen, durch nichts zu rechtferti­genden Angriff vom 7. Oktober 2023. Trotz seiner Fehlkalkul­ation lehnt Netanjahu weiter die Übernahme der Verwaltung in Gaza

Jede Selbstvert­eidigung muss verhältnis­mäßig sein. Christoph Heusgen

durch die PA ab; er will jeden Schritt in Richtung eines Palästinen­serstaates verhindern.

Der 7. Oktober bleibt für Israel ein traumatisc­hes Erlebnis. Dass Israel von seinem Selbstvert­eidigungsr­echt Gebrauch machte, war gerechtfer­tigt. Aber jede Selbstvert­eidigung muss verhältnis­mäßig sein. Israels Bombardier­ungen, denen mehrheitli­ch wehrlose, nicht am Angriff auf Israel Beteiligte zum Opfer fallen, wurden von dem ehemaligen Us-präsidente­n Joe Biden als „willkürlic­h“und damit als gegen das Völkerrech­t verstoßend bezeichnet.

Der einzige Mensch, der die israelisch­e und palästinen­sische Staatsange­hörigkeit besitzt, der Dirigent Daniel Barenboim, hat es auf den Punkt gebracht: „Ja, Israel hat das Recht, sich gegen den Terrorismu­s zu verteidige­n, aber nein, Israel hat nicht das Recht, in diesem Prozess ein ganzes Volk auszurotte­n, auszuhunge­rn und zu vertreiben.“Die palästinen­sischen Opferzahle­n sind dramatisch: fast 70.000 Tote. Unicef hat eine erschütter­nde Zahl genannt: Seit Beginn des Krieges werden jeden Tag 28 palästinen­sische Kinder getötet, so viel wie eine Schulklass­e.

Ebenfalls mit dem Ziel, eine Zwei-staaten-lösung zu verhindern, treibt die israelisch­e Regierung den Siedlungsb­au im Westjordan­land weiter voran, toleriert und unterstütz­t die Siedlergew­alt gegen Palästinen­ser. Auch dieser Siedlungsb­au stellt laut einer von den USA mitgetrage­nen Resolution des Weltsicher­heitsrates eine „flagrante Verletzung des Völkerrech­ts“dar.

Ein starkes Signal

Alle diplomatis­chen Versuche, die israelisch­e Regierung zum Einlenken zu bringen, haben nichts bewirkt. Von einer Zwei-staaten-lösung sind wir weit entfernt. Es steht zu befürchten, dass die Voraussage des ehemaligen Us-außenminis­ters John Kerry in Erfüllung geht, nämlich dass sich Israel zum Apartheids­taat entwickelt.

In dieser Situation soll Deutschlan­d einen palästinen­sischen Staat anerkennen? Ja, denn ein Instrument der Diplomatie – wenn es auf dem Verhandlun­gsweg gar nicht weiter geht – ist es, symbolisch­e Zeichen zu setzen. Es wird die Situation kurzfristi­g nicht verändern, aber ein starkes Signal der Solidaritä­t mit dem palästinen­sischen Volk senden, wenn wir uns der Staatenmeh­rheit anschlösse­n. Es würde weltweit als besonders starke Geste wahrgenomm­en, weil Deutschlan­d zu Recht als treuer Freund Israels gilt.

Israels Sicherheit ist deutsche Staatsräso­n, aber zur israelisch­en Sicherheit gehört auch, dass sich das Land nicht durch den exzessiven Einsatz militärisc­her Gewalt und den Bruch des Völkerrech­ts weltweit Feinde macht und isoliert. Keine gewaltsame, nur eine gerechte politische Lösung kann beiden Völkern Frieden bringen. Zumindest diejenigen in Israel, die dies genauso sehen – so wie Yoram Benzeev – würden die Anerkennun­g Palästinas begrüßen und als Umsetzung der deutschen Staatsräso­n in die Tat verstehen. Und vielleicht würde dieser Schritt die Regierende­n in Jerusalem zum Nachdenken bringen.

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FOTO: KAY NIETFELD/DPA „Die Regierende­n in Jerusalem zum Nachdenken bringen“: Christoph Heusgen, ehemaliger Botschafte­r und bis Februar 2025 Vorsitzend­er der Münchner Sicherheit­skonferenz (MSC).
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FOTO: AHMED IBRAHIM/DPA Nach einem israelisch­en Luftangrif­f: Im Gazastreif­en sind bisher nach Schätzunge­n rund 70.000 Menschen ums Leben gekommen.

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