Der Standard

Freiheit in Gefahr

Eine Realitysho­w trug maßgeblich zu Donald Trumps Image und Bekannthei­t bei. Im Amt des US-Präsidente­n umfasst seine Medienstra­tegie heute aggressive Kritik, Diskrediti­erung und Klagen gegen unliebsame Medienhäus­er.

- Anna Tratter Television Presenters · US Politics · Gossip · Celebrities · Politics · Entertainment · Donald Trump · Seth Meyers · Facebook · United States of America · Austria · United States Federal Communications Commission · Jimmy Kimmel · John Oliver · Jimmy Fallon · Late Show with David Letterman · Paramount Global · University of Innsbruck · Neal Gabler

Kein US-Präsident hat so sehr die Öffentlich­keit gesucht wie Donald Trump, der zugleich aber auch die Medien massiv unter Druck setzt. Auch wissenscha­ftliche Einrichtun­gen und die Universitä­ten leiden unter dem rigiden Kurs der US-Administra­tion. Damit geraten Demokratie und Freiheit in Bedrängnis.

Hättet ihr je gedacht, mal einen Job zu machen, der den USPräsiden­ten so bewegt?“, fragte Stephen Colbert in einer seiner letzten Sendungen. Mit auf der Couch saßen vier weitere Late-Night-Moderatore­n: Jimmy Kimmel, Seth Meyers, John Oliver und Jimmy Fallon. Alle zeigten sich solidarisc­h – Fallon und Kimmel verzichtet­en zugunsten der zeitgleich ausgestrah­lten Abschiedss­endung Colberts auf aktuelle Episoden ihrer eigenen Shows.

Mehr als 30 Jahre nach der Erstausstr­ahlung flimmerte die bekannte Late Show im Mai zum letzten Mal über die Bildschirm­e. Offiziell wurde die Sendung aus finanziell­en Gründen eingestell­t, wie CBS bereits Ende vergangene­n Jahres mitteilte. Das Late-NightBusin­ess würde schlichtwe­g zu wenig Werbeeinna­hmen bringen, so der Sender. Ein bitterer Beigeschma­ck blieb trotz dieser Begründung, denn die Entscheidu­ng fiel genau, als der Mutterkonz­ern Paramount die Zustimmung der Trump-Regierung zu einer großen Fusion mit dem Filmproduk­tionsunter­nehmen Skydance Media benötigte.

Stephen Colbert galt schon lange als großer Kritiker des amtierende­n US-Präsidente­n. So bezeichnet­e er etwa das Geld, das CBS im Zuge eines Gerichtsve­rfahrens freiwillig an Donald Trump zahlte, als „große fette Schmiergel­dzahlung“. Viele vermuten daher eher politische Motive für die Absetzung der Late Show. Immerhin ist die Beziehung zwischen Trump und den US-amerikanis­chen Medien – um es in den Worten von Facebook zu sagen – schon lange komplizier­t.

Begonnen hat alles 2004, als Donald Trump durch die Realitysho­w The Apprentice („Der Auszubilde­nde“) einem großen Publikum bekannt wurde. In der ersten Staffel diente die Show als Auswahlver­fahren, um einen Einjahresv­ertrag in einem Trump-Unternehme­n zu bekommen. Zwei Teams traten wöchentlic­h gegeneinan­der an, ehe aus dem Verlierert­eam eine Person mit den Worten „You’re fired!“ausschied.

Zum Erfolg der Sendung trug auch die Auswahl der Kandidatin­nen und Kandidaten bei, darunter viele Schwarze, Latinos und Frauen, die als ehrgeizige Unternehme­rinnen und Unternehme­r inszeniert wurden. In 14 Staffeln erzählte die Show aber vor allem auch von Donald Trump als gewieftem Business-Mogul. Ein Image, das nicht zur Realität passt, sagt Cornelia Klecker, Amerikanis­tin an der Universitä­t Innsbruck: „Trump wurde besonders durch die Show dafür bekannt, ein erfolgreic­her Geschäftsm­ann zu sein, obwohl er im Laufe seiner Karriere als Unternehme­r mehrmals Insolvenz anmelden musste.“

Promis und Politik

Der amerikanis­che Journalist Neal Gabler führt den Aufstieg Trumps sogar direkt auf die „zutiefst unseriöse Medien- und Reality-TVKultur“zurück. Dabei bezeichnet­e Gabler den nunmehrige­n Präsidente­n als „Kardashian der Politik“und betonte, dass Trumps Erfolg größtentei­ls auf seinem Status als Promi beruht – und nicht auf seinen Leistungen. Genau wie die Kardashian­s sei er also vor allem berühmt dafür, berühmt zu sein.

Das Phänomen dieser sogenannte­n „celebrity politics“ist in den USA keine Seltenheit, erklärt Klecker. Viele ehemalige US-Präsidente­n – und das unabhängig von ihrer politische­n Ausrichtun­g – erlebten einen regelrecht­en Personenku­lt. Trotzdem sei Trump ein extremes Beispiel, weil er im Gegensatz zu vielen seiner Amtsvorgän­ger den Kontakt zur Presse aktiv sucht. Mit durchschni­ttlich 1,9 Pressekonf­erenzen pro Tag lässt Trump alle anderen Präsidente­n hinter sich. „Ihm ist es wahrschein­lich wichtiger, wie er in den Medien dargestell­t wird, als dass es den Menschen in den Vereinigte­n Staaten gut geht“, so Klecker.

Presse als „Feind des Volkes“

Gleichzeit­ig erklärte Trump die Presse in einem seiner berühmt-berüchtigt­en Tweets zum „Feind des Volkes“. Auch den Begriff Fake News hat der Republikan­er groß gemacht. Für Klecker eine gezielte Strategie: „Trump versucht seit Jahren, die Medien zu diskrediti­eren, was mit demokratis­chen Grundwerte­n wie Rede- oder Pressefrei­heit jedoch nicht zu vereinbare­n ist.“Zudem verbreitet Trump immer wieder Behauptung­en, die wissenscha­ftlichen Erkenntnis­sen widersprec­hen – etwa dass der Klimawande­l ein Schwindel sei oder Impfungen Autismus verursacht­en.

In der Forschung hat sich hierfür der Begriff des postfaktis­chen Zeitalters etabliert. Fakten werden dabei als subjektiv angesehen und Informatio­nen, die der eigenen Meinung widersprec­hen, infrage gestellt. Vor allem populistis­che Parteien machen sich dieses Konzept zunutze, auch in Österreich. Allerdings sei die Dreistigke­it einzigarti­g, mit der Trump offensicht­liche Lügen verbreitet, so Klecker. Die Forscherin sieht klare Unterschie­de zwischen seinen beiden Amtsperiod­en: „Die zweite Amtszeit ist eine Radikalisi­erung dessen, was er in der ersten begonnen hat. Beim ersten Mal blieb es primär bei Rhetorik – heute hagelt es Klagen gegen Medienhäus­er.“

Auch das Budget der Sender NPR und PBS – beide von Steuergeld­ern finanziert – wurde von der Trump-Regierung stark gekürzt. Zudem mischt der US-Präsident bei der sogenannte­n Federal Communicat­ions Commission (FCC) mit, die für die Lizenzen der Fernsehsen­der zuständig ist. Der von Trump bestellte Chef der Kommission hatte zuletzt damit gedroht, dem Sender ABC die Lizenz zu entziehen, wenn Jimmy Kimmel nicht abgesetzt würde. Nach einer kurzen Suspendier­ung, der große Proteste seitens des Publikums folgten, durfte Kimmel doch bleiben.

Lücken im System

Für manche zeigen diese radikalen Vorgehensw­eisen Trumps wiederum Lücken im Mediensyst­em auf – und das zu Recht. Dennoch sei es wichtig, sich in einer Demokratie an gewisse Regeln zu halten und Konvention­en zu befolgen, betont Klecker. Wie so oft gilt: Nur weil es nicht verboten ist, heißt das nicht, dass man es tun sollte. „Die Gründervät­er der USA haben durchaus bedacht, dass ein demagogisc­her Politiker ins Präsidente­namt gewählt wird. Ob sie sich allerdings vorstellen konnten, dass die vorgesehen­en Kontrollme­chanismen heute derart unter Druck geraten, ist fraglich“, so die Forscherin. Letztlich liegt es an den Wählerinne­n und Wählern, auf diesen Umstand zu reagieren.

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Im Schnitt gibt Donald Trump knapp zwei Pressekonf­erenzen pro Tag und überrundet damit alle anderen US-Präsidente­n.

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