Freiheit in Gefahr
Eine Realityshow trug maßgeblich zu Donald Trumps Image und Bekanntheit bei. Im Amt des US-Präsidenten umfasst seine Medienstrategie heute aggressive Kritik, Diskreditierung und Klagen gegen unliebsame Medienhäuser.
Kein US-Präsident hat so sehr die Öffentlichkeit gesucht wie Donald Trump, der zugleich aber auch die Medien massiv unter Druck setzt. Auch wissenschaftliche Einrichtungen und die Universitäten leiden unter dem rigiden Kurs der US-Administration. Damit geraten Demokratie und Freiheit in Bedrängnis.
Hättet ihr je gedacht, mal einen Job zu machen, der den USPräsidenten so bewegt?“, fragte Stephen Colbert in einer seiner letzten Sendungen. Mit auf der Couch saßen vier weitere Late-Night-Moderatoren: Jimmy Kimmel, Seth Meyers, John Oliver und Jimmy Fallon. Alle zeigten sich solidarisch – Fallon und Kimmel verzichteten zugunsten der zeitgleich ausgestrahlten Abschiedssendung Colberts auf aktuelle Episoden ihrer eigenen Shows.
Mehr als 30 Jahre nach der Erstausstrahlung flimmerte die bekannte Late Show im Mai zum letzten Mal über die Bildschirme. Offiziell wurde die Sendung aus finanziellen Gründen eingestellt, wie CBS bereits Ende vergangenen Jahres mitteilte. Das Late-NightBusiness würde schlichtweg zu wenig Werbeeinnahmen bringen, so der Sender. Ein bitterer Beigeschmack blieb trotz dieser Begründung, denn die Entscheidung fiel genau, als der Mutterkonzern Paramount die Zustimmung der Trump-Regierung zu einer großen Fusion mit dem Filmproduktionsunternehmen Skydance Media benötigte.
Stephen Colbert galt schon lange als großer Kritiker des amtierenden US-Präsidenten. So bezeichnete er etwa das Geld, das CBS im Zuge eines Gerichtsverfahrens freiwillig an Donald Trump zahlte, als „große fette Schmiergeldzahlung“. Viele vermuten daher eher politische Motive für die Absetzung der Late Show. Immerhin ist die Beziehung zwischen Trump und den US-amerikanischen Medien – um es in den Worten von Facebook zu sagen – schon lange kompliziert.
Begonnen hat alles 2004, als Donald Trump durch die Realityshow The Apprentice („Der Auszubildende“) einem großen Publikum bekannt wurde. In der ersten Staffel diente die Show als Auswahlverfahren, um einen Einjahresvertrag in einem Trump-Unternehmen zu bekommen. Zwei Teams traten wöchentlich gegeneinander an, ehe aus dem Verliererteam eine Person mit den Worten „You’re fired!“ausschied.
Zum Erfolg der Sendung trug auch die Auswahl der Kandidatinnen und Kandidaten bei, darunter viele Schwarze, Latinos und Frauen, die als ehrgeizige Unternehmerinnen und Unternehmer inszeniert wurden. In 14 Staffeln erzählte die Show aber vor allem auch von Donald Trump als gewieftem Business-Mogul. Ein Image, das nicht zur Realität passt, sagt Cornelia Klecker, Amerikanistin an der Universität Innsbruck: „Trump wurde besonders durch die Show dafür bekannt, ein erfolgreicher Geschäftsmann zu sein, obwohl er im Laufe seiner Karriere als Unternehmer mehrmals Insolvenz anmelden musste.“
Promis und Politik
Der amerikanische Journalist Neal Gabler führt den Aufstieg Trumps sogar direkt auf die „zutiefst unseriöse Medien- und Reality-TVKultur“zurück. Dabei bezeichnete Gabler den nunmehrigen Präsidenten als „Kardashian der Politik“und betonte, dass Trumps Erfolg größtenteils auf seinem Status als Promi beruht – und nicht auf seinen Leistungen. Genau wie die Kardashians sei er also vor allem berühmt dafür, berühmt zu sein.
Das Phänomen dieser sogenannten „celebrity politics“ist in den USA keine Seltenheit, erklärt Klecker. Viele ehemalige US-Präsidenten – und das unabhängig von ihrer politischen Ausrichtung – erlebten einen regelrechten Personenkult. Trotzdem sei Trump ein extremes Beispiel, weil er im Gegensatz zu vielen seiner Amtsvorgänger den Kontakt zur Presse aktiv sucht. Mit durchschnittlich 1,9 Pressekonferenzen pro Tag lässt Trump alle anderen Präsidenten hinter sich. „Ihm ist es wahrscheinlich wichtiger, wie er in den Medien dargestellt wird, als dass es den Menschen in den Vereinigten Staaten gut geht“, so Klecker.
Presse als „Feind des Volkes“
Gleichzeitig erklärte Trump die Presse in einem seiner berühmt-berüchtigten Tweets zum „Feind des Volkes“. Auch den Begriff Fake News hat der Republikaner groß gemacht. Für Klecker eine gezielte Strategie: „Trump versucht seit Jahren, die Medien zu diskreditieren, was mit demokratischen Grundwerten wie Rede- oder Pressefreiheit jedoch nicht zu vereinbaren ist.“Zudem verbreitet Trump immer wieder Behauptungen, die wissenschaftlichen Erkenntnissen widersprechen – etwa dass der Klimawandel ein Schwindel sei oder Impfungen Autismus verursachten.
In der Forschung hat sich hierfür der Begriff des postfaktischen Zeitalters etabliert. Fakten werden dabei als subjektiv angesehen und Informationen, die der eigenen Meinung widersprechen, infrage gestellt. Vor allem populistische Parteien machen sich dieses Konzept zunutze, auch in Österreich. Allerdings sei die Dreistigkeit einzigartig, mit der Trump offensichtliche Lügen verbreitet, so Klecker. Die Forscherin sieht klare Unterschiede zwischen seinen beiden Amtsperioden: „Die zweite Amtszeit ist eine Radikalisierung dessen, was er in der ersten begonnen hat. Beim ersten Mal blieb es primär bei Rhetorik – heute hagelt es Klagen gegen Medienhäuser.“
Auch das Budget der Sender NPR und PBS – beide von Steuergeldern finanziert – wurde von der Trump-Regierung stark gekürzt. Zudem mischt der US-Präsident bei der sogenannten Federal Communications Commission (FCC) mit, die für die Lizenzen der Fernsehsender zuständig ist. Der von Trump bestellte Chef der Kommission hatte zuletzt damit gedroht, dem Sender ABC die Lizenz zu entziehen, wenn Jimmy Kimmel nicht abgesetzt würde. Nach einer kurzen Suspendierung, der große Proteste seitens des Publikums folgten, durfte Kimmel doch bleiben.
Lücken im System
Für manche zeigen diese radikalen Vorgehensweisen Trumps wiederum Lücken im Mediensystem auf – und das zu Recht. Dennoch sei es wichtig, sich in einer Demokratie an gewisse Regeln zu halten und Konventionen zu befolgen, betont Klecker. Wie so oft gilt: Nur weil es nicht verboten ist, heißt das nicht, dass man es tun sollte. „Die Gründerväter der USA haben durchaus bedacht, dass ein demagogischer Politiker ins Präsidentenamt gewählt wird. Ob sie sich allerdings vorstellen konnten, dass die vorgesehenen Kontrollmechanismen heute derart unter Druck geraten, ist fraglich“, so die Forscherin. Letztlich liegt es an den Wählerinnen und Wählern, auf diesen Umstand zu reagieren.