Sachsische Zeitung (Bautzen Kamenz & Bischofswerda)
Kulturkampf gegen die Veggie-wurst
Sojamilch? Darf schon länger nicht mehr so heißen – Jetzt gehen die Konservativen im Eu-parlament gegen die nächsten Veggie-produkte vor: Schnitzel, Wurst und Burger sollen nur so genannt werden dürfen, wenn Fleisch drinsteckt.
In den Kühltheken der Supermärkte sind sie längst Standard: Schnitzel und Burgerpatties aus Soja, Würstchen aus Tofu, pflanzliche Nuggets und Aufschnitte. Millionen Verbraucherinnen und Verbraucher greifen zu – aus gesundheitlichen Gründen, aus Neugier oder weil sie einfach weniger Fleisch essen wollen.
Doch während der Markt wächst, will die große konservative Evp-fraktion im Europäischen Parlament, zu der auch CDU und CSU gehören, die Uhr zurückdrehen. Ihr Plan: ein Verbot von Begriffen wie „Veggie-schnitzel“und „Tofuwurst“. Bereits am nächsten Mittwoch findet die Abstimmung im Parlament in Straßburg statt.
Angetrieben wird die Initiative von der französischen Abgeordneten Céline Imart. Sie fordert, traditionelle Begriffe wie „Schnitzel“, „Frikadelle“oder „Burger“künftig ausschließlich für Produkte tierischen Ursprungs vorzubehalten. „Ein Steak ist aus Fleisch gemacht – Punkt“, sagt Imart. „Die ausschließliche Verwendung dieser Bezeichnungen für echtes Fleisch sorgt für eine ehrliche Etikettierung, schützt die Landwirte und bewahrt die kulinarischen Traditionen Europas.“In der Praxis dürften sämtliche Bezeichnungen, die es derzeit für Fleisch gibt, verboten sein – von der veganen Weißwurst bis zur pflanzlichen Salami.
Ganz neu ist die Idee nicht. Seit Jahren schon schwelt der Konflikt über die Bedeutungshoheit im Supermarktregal, der mal mehr, mal weniger hitzig ausgetragen wird. In Deutschland kochte die Debatte erstmals 2016 hoch, als der damalige Agrarminister Christian Schmidt (CSU) Begriffe wie „vegetarisches Schnitzel“verbieten wollte. Ein solches Verbot kam allerdings nicht zustande.
Auch in anderen europäischen Ländern wird darüber eifrig diskutiert. Die französische Regierung hatte bereits per Dekret ein solches Verbot eingeführt. Dort durften pflanzliche Produkte selbst dann nicht mehr als „Schnitzel“bezeichnet werden, wenn sie den klaren Hinweis „pflanzlich“oder „aus Soja“trugen.
Doch der Europäische Gerichtshof kassierte das Verbot im Frühling: Es sei nicht mit europäischem Recht vereinbar. Jetzt greifen die Konservativen das Thema erneut auf und versuchen, auf Eu-ebene neue Fakten zu schaffen. Der aktuelle Entwurf listet explizit Begriffe wie Steak, Schnitzel, Wurst, Burger und Hamburger auf. Auch Bezeichnungen wie „Eigelb“und „Eiweiß“sollen demnach künftig nur noch für tierische Produkte erlaubt sein.
„Sojamilch“oder „Sojadrink“?
Mit ihrem Vorhaben sind sie allerdings nicht allein: Auch die Eukommission will bestimmte Bezeichnungen ändern. Allerdings beziehen sich die 29 Begriffe des Kommissionsvorschlags auf unstrittige Begriffe, die in der Regel gar nicht für Fleischersatzprodukte genutzt werden. Es geht um Bezeichnungen wie „Rindfleisch“, „Lammfleisch“, „T-bone-steak“oder auch „Ente“. Die geplante Verschärfung der Konservativen im Eu-parlament geht nun weit darüber hinaus.
Ein ähnliches Szenario hat Europa schon einmal erlebt. Pflanzliche Milchalternativen dürfen schon seit einigen Jahren nicht mehr als Milch bezeichnet werden. Aus „Sojamilch“wurde „Sojadrink“, aus „Hafermilch“ein „Haferdrink“. Nun geht es um eine Änderung im selben Gesetz. Die offizielle Begründung lautete schon damals: Verbraucherinnen und Verbraucher sollten nicht in die Irre geführt werden, die Milch komme schließlich von der Kuh.
Die Wirtschaftspsychologin Katharina Gangl vom Konsumforschungsinstitut NIM in Nürnberg kann damit allerdings wenig anfan
Jeder Mensch weiß, dass man Hackschnitzel und Sonnenmilch nicht verzehren kann. Katharina Gangl, Wirtschaftspsychologin
Die Diskussion um ein Bezeichnungsverbot für Fleischersatzprodukte ist ein künstlich erzeugter Kulturkampf.
Martin Häusling, Grünen-abgeordneter im Eu-parlament
gen. „Jeder Mensch weiß, dass man Hackschnitzel und Sonnenmilch nicht verzehren kann“, sagt sie dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). „Diese Bezeichnungen sind nicht irreführend“, meint sie.
Konsumenten hätten einfach neue Bedürfnisse, sagt Gangl – sei es, weil sie heute weniger hart arbeiteten und weniger Kalorien bräuchten als früher, oder weil sie den Fleischkonsum aus anderen Gründen reduzieren wollten. „Wer das nicht ernst nimmt, hilft auch den Unternehmen nicht.“
Denn die haben sich längst darauf eingestellt, dass die Lust auf Fleisch schwindet und Verbraucher nach Alternativen suchen. Prominentes Beispiel ist die Rügenwalder Mühle, die – einst gestartet als Wursthersteller – mittlerweile mehr Umsatz mit Ersatzprodukten macht. „2021 haben wir erstmals mehr vegane und vegetarische Alternativen verkauft als Fleischprodukte, heute liegt das Verhältnis bei etwa 70 zu 30“, sagt eine Sprecherin des in Bad Zwischenahn (Niedersachsen) ansässigen Unternehmens.
Dessen Produkte landen als Würstchen, Aufschnitt und Steak in den Regalen der Supermärkte – angemerkt mit den jeweiligen Zusatzinfos „vegan“oder „vegetarisch“. Ein Problem sieht das Unternehmen darin nicht. „Schnitzel und Burger beschreiben eine Zubereitungsart – nicht das Ausgangsprodukt“, argumentiert das Unternehmen. Ein Verbot würde für Verwirrung sorgen, Kaufentscheidungen erschweren und gerade Einsteiger abschrecken.
Die Rügenwalder Mühle ist nicht die einzige Firma, die auf den wachsenden Markt mit Ersatzprodukten setzt. Allein in Deutschland ist die Produktion von vegetarischen oder veganen Fleischalternativen im vergangenen Jahr erneut angestiegen, meldet das Statistische Bundesamt. Wurden 2023 noch 121.600 Tonnen produziert, waren es 2024 bereits 126.500 Tonnen – ein Plus von immerhin 4 Prozent.
Das Plus war allerdings schon deutlich stärker. Im Jahr davor hatte der Zuwachs noch bei 16,6 Prozent gelegen. Der Markt der Ersatzprodukte wächst also zwar weiter, doch er wächst langsamer als noch vor ein paar Jahren, als das Geschäft regelrecht boomte. Das dürfte auch damit zu tun haben, dass der Fleischkonsum – der seit Jahrzehnten zwar insgesamt zurückgeht – im vergangenen Jahr wieder ein wenig gestiegen ist. 53,2 Kilogramm isst jeder Deutsche durchschnittlich im Jahr. Dieser Wert von 2024 liegt etwas über dem von 2023, als es 52,9 Kilo waren. Zehn Jahre zuvor waren es allerdings noch 61,6 Kilo Fleisch, die pro Jahr auf dem Teller landeten.
Die Deutschen essen tendenziell weniger Fleisch
Unterm Strich bleibt aber der übergeordnete Trend – und der geht hin zu weniger Fleisch. Zwar leben die wenigsten Menschen in Deutschland und der EU komplett vegetarisch, von vegan ganz zu schweigen. Doch dass der Fleischkonsum sinkt, führen viele darauf zurück, dass immer mehr Menschen einfach weniger Fleisch essen. Gründe
dafür gibt es einige: Während die einen das tun, um keine Tiere zu essen, heben andere den Umweltund Klimaschutz hervor. Wieder andere wollen einfach gesünder leben oder sparen bei Lebensmitteln am ehesten bei Fleisch und Wurst.
Deshalb nehmen Fleischersatzprodukte auch deutlich mehr Ladenfläche ein. Wer vor 15 Jahren durch einen Supermarkt ging, musste danach noch lange suchen. An ihrem Sortiment wollen die Händler nun auch nicht rütteln. In einem offenen Brief haben sich die deutschen Discountergrößen Aldi und Lidl mit der Fastfoodkette Burger King, der Rügenwalder Mühle und anderen großen Playern der Lebensmittelbranche zusammengetan, um nun gegen das drohende Verbot zu trommeln.
Aldi, Lidl. und Co. warnen vor einem Verbot
Käme es dazu, wäre von dem drohenden wirtschaftlichen Schaden besonders Deutschland betroffen, argumentieren die Konzerne – sie sind zusammen der mit Abstand größte Markt für pflanzliche Alternativprodukte in Europa. Mehr noch: Die Unterzeichner warnen, der Antrag der Konservativen laufe dem Ziel „einer resilienten und vielseitig aufgestellten Lebensmittelversorgung mit starken landwirtschaftlichen Betrieben entgegen“.
Scharf fällt auch die Kritik aus dem Parlament selbst aus. Vor allem aus den anderen politischen Lagern gibt es Gegenwind. „Die Diskussion um ein Bezeichnungsverbot für Fleischersatzprodukte ist ein künstlich erzeugter Kulturkampf, der an den Problemen der Landwirte völlig vorbeigeht“, sagt der Eu-abgeordnete Martin Häusling (Grüne) dem RND. „Solange für Verbraucherinnen und Verbraucher klar erkennbar ist, was sie kaufen, braucht es keine Verbote.“Wie schon bei dem Kampf um die Milchbezeichnung eröffneten die Konservativen wieder einmal eine Scheindebatte und stilisierten sie zum Kulturkampf. Eigentlich sei das Ziel des Gesetzgebungsvorschlags gewesen, die Stellung der Landwirte in der Lebensmittelkette zu stärken. Doch mit solcher „Symbolpolitik“sei ihnen nicht geholfen. Einen direkten Nutzen für die Landwirte sieht er nicht.
Für die Eu-abgeordnete Maria Noichl (SPD) ist vor allem wichtig, dass Kennzeichnungen eindeutig, klar, verständlich und transparent sind. Das sieht sie bei den pflanzlichen Fleischersatzprodukten als erfüllt an. „Bezeichnungen wie Burger, Wurst oder Schnitzel nur für Produkte aus Fleisch zuzulassen, lehnen wir ab“, sagt sie. Derartige Bezeichnungen seien sogar hilfreich, weil sie den Verbrauchern vermittelten, wie ein Produkt verwendet wird und welche Konsistenz und welchen Geschmack es hat. Viel wichtiger sei es, Herkunft, Haltungsform und Tierwohl bei Fleisch klar zu kennzeichnen.
Die neuen Pläne aus Brüssel dürften vor allem Hersteller pflanzlicher Produkte belasten: Sie müssten neue Verpackungen und neue, oftmals sperrige Namen entwickeln, die Konsumenten erst lernen müssten. Die Französin Imart rechtfertigt das Vorhaben: „Wir sollten die Bezeichnung Burger für Fleisch beibehalten, vegetarische Produkte verdienen ihren eigenen Namen.“
Eu-parlament entscheidet
Die Folge: Statt „Veggie-schnitzel“könnte auf manchen Packungen also künftig „panierte Sojascheibe“stehen, statt „Tofu-würstchen“lautet die Bezeichnung womöglich bald „pflanzlicher Bratstick“. Ob große Burgerketten oder Supermärkte in ganz Europa: Sie alle müssten sämtliche Etiketten und Werbematerialien ändern.
Wenn es am Mittwoch eine Mehrheit im Eu-parlament für ein Verbot von Fleischbezeichnungen für Veggy-produkte gibt, müssen anschließend noch die Mitgliedstaaten zustimmen.