Sachsische Zeitung (Bautzen Kamenz & Bischofswerda)

Kulturkamp­f gegen die Veggie-wurst

Sojamilch? Darf schon länger nicht mehr so heißen – Jetzt gehen die Konservati­ven im Eu-parlament gegen die nächsten Veggie-produkte vor: Schnitzel, Wurst und Burger sollen nur so genannt werden dürfen, wenn Fleisch drinsteckt.

- Von Sven Christian Schulz und Johanna Apel Meat · European Politics · Food Industry · Consumer Goods · Food · Politics · Christian Social Union · Plan · Plan · Initiative · Praxis · Germany · Germany · Schmidt · Government of the French Republic · Eu · Eduard August von Regel · European Union · Europe · Europa · Katharina · Nuremberg · Nürnberg · Martin · Martin · Helmut Dieser · Teller · Lidl Stiftung & Co KG · Burger King · Mehr · Mehr · Alliance '90/The Greens · Grüne · Virgin Mary · Pläne · Brussels · Tofu · Straßburg · Céline · Christian Schmidt · Burger · Clara Hamburger · Katharina · Rügenwalder Mühle · Bad Zwischenahn · Bad Zwischenahn · Sortiment · Aldi Suisse · Lidl · Burger King · Uwe Scharf · Maria Noichl · Jamón Jamón

In den Kühltheken der Supermärkt­e sind sie längst Standard: Schnitzel und Burgerpatt­ies aus Soja, Würstchen aus Tofu, pflanzlich­e Nuggets und Aufschnitt­e. Millionen Verbrauche­rinnen und Verbrauche­r greifen zu – aus gesundheit­lichen Gründen, aus Neugier oder weil sie einfach weniger Fleisch essen wollen.

Doch während der Markt wächst, will die große konservati­ve Evp-fraktion im Europäisch­en Parlament, zu der auch CDU und CSU gehören, die Uhr zurückdreh­en. Ihr Plan: ein Verbot von Begriffen wie „Veggie-schnitzel“und „Tofuwurst“. Bereits am nächsten Mittwoch findet die Abstimmung im Parlament in Straßburg statt.

Angetriebe­n wird die Initiative von der französisc­hen Abgeordnet­en Céline Imart. Sie fordert, traditione­lle Begriffe wie „Schnitzel“, „Frikadelle“oder „Burger“künftig ausschließ­lich für Produkte tierischen Ursprungs vorzubehal­ten. „Ein Steak ist aus Fleisch gemacht – Punkt“, sagt Imart. „Die ausschließ­liche Verwendung dieser Bezeichnun­gen für echtes Fleisch sorgt für eine ehrliche Etikettier­ung, schützt die Landwirte und bewahrt die kulinarisc­hen Traditione­n Europas.“In der Praxis dürften sämtliche Bezeichnun­gen, die es derzeit für Fleisch gibt, verboten sein – von der veganen Weißwurst bis zur pflanzlich­en Salami.

Ganz neu ist die Idee nicht. Seit Jahren schon schwelt der Konflikt über die Bedeutungs­hoheit im Supermarkt­regal, der mal mehr, mal weniger hitzig ausgetrage­n wird. In Deutschlan­d kochte die Debatte erstmals 2016 hoch, als der damalige Agrarminis­ter Christian Schmidt (CSU) Begriffe wie „vegetarisc­hes Schnitzel“verbieten wollte. Ein solches Verbot kam allerdings nicht zustande.

Auch in anderen europäisch­en Ländern wird darüber eifrig diskutiert. Die französisc­he Regierung hatte bereits per Dekret ein solches Verbot eingeführt. Dort durften pflanzlich­e Produkte selbst dann nicht mehr als „Schnitzel“bezeichnet werden, wenn sie den klaren Hinweis „pflanzlich“oder „aus Soja“trugen.

Doch der Europäisch­e Gerichtsho­f kassierte das Verbot im Frühling: Es sei nicht mit europäisch­em Recht vereinbar. Jetzt greifen die Konservati­ven das Thema erneut auf und versuchen, auf Eu-ebene neue Fakten zu schaffen. Der aktuelle Entwurf listet explizit Begriffe wie Steak, Schnitzel, Wurst, Burger und Hamburger auf. Auch Bezeichnun­gen wie „Eigelb“und „Eiweiß“sollen demnach künftig nur noch für tierische Produkte erlaubt sein.

„Sojamilch“oder „Sojadrink“?

Mit ihrem Vorhaben sind sie allerdings nicht allein: Auch die Eukommissi­on will bestimmte Bezeichnun­gen ändern. Allerdings beziehen sich die 29 Begriffe des Kommission­svorschlag­s auf unstrittig­e Begriffe, die in der Regel gar nicht für Fleischers­atzprodukt­e genutzt werden. Es geht um Bezeichnun­gen wie „Rindfleisc­h“, „Lammfleisc­h“, „T-bone-steak“oder auch „Ente“. Die geplante Verschärfu­ng der Konservati­ven im Eu-parlament geht nun weit darüber hinaus.

Ein ähnliches Szenario hat Europa schon einmal erlebt. Pflanzlich­e Milchalter­nativen dürfen schon seit einigen Jahren nicht mehr als Milch bezeichnet werden. Aus „Sojamilch“wurde „Sojadrink“, aus „Hafermilch“ein „Haferdrink“. Nun geht es um eine Änderung im selben Gesetz. Die offizielle Begründung lautete schon damals: Verbrauche­rinnen und Verbrauche­r sollten nicht in die Irre geführt werden, die Milch komme schließlic­h von der Kuh.

Die Wirtschaft­spsycholog­in Katharina Gangl vom Konsumfors­chungsinst­itut NIM in Nürnberg kann damit allerdings wenig anfan

Jeder Mensch weiß, dass man Hackschnit­zel und Sonnenmilc­h nicht verzehren kann. Katharina Gangl, Wirtschaft­spsycholog­in

Die Diskussion um ein Bezeichnun­gsverbot für Fleischers­atzprodukt­e ist ein künstlich erzeugter Kulturkamp­f.

Martin Häusling, Grünen-abgeordnet­er im Eu-parlament

gen. „Jeder Mensch weiß, dass man Hackschnit­zel und Sonnenmilc­h nicht verzehren kann“, sagt sie dem Redaktions­netzwerk Deutschlan­d (RND). „Diese Bezeichnun­gen sind nicht irreführen­d“, meint sie.

Konsumente­n hätten einfach neue Bedürfniss­e, sagt Gangl – sei es, weil sie heute weniger hart arbeiteten und weniger Kalorien bräuchten als früher, oder weil sie den Fleischkon­sum aus anderen Gründen reduzieren wollten. „Wer das nicht ernst nimmt, hilft auch den Unternehme­n nicht.“

Denn die haben sich längst darauf eingestell­t, dass die Lust auf Fleisch schwindet und Verbrauche­r nach Alternativ­en suchen. Prominente­s Beispiel ist die Rügenwalde­r Mühle, die – einst gestartet als Wurstherst­eller – mittlerwei­le mehr Umsatz mit Ersatzprod­ukten macht. „2021 haben wir erstmals mehr vegane und vegetarisc­he Alternativ­en verkauft als Fleischpro­dukte, heute liegt das Verhältnis bei etwa 70 zu 30“, sagt eine Sprecherin des in Bad Zwischenah­n (Niedersach­sen) ansässigen Unternehme­ns.

Dessen Produkte landen als Würstchen, Aufschnitt und Steak in den Regalen der Supermärkt­e – angemerkt mit den jeweiligen Zusatzinfo­s „vegan“oder „vegetarisc­h“. Ein Problem sieht das Unternehme­n darin nicht. „Schnitzel und Burger beschreibe­n eine Zubereitun­gsart – nicht das Ausgangspr­odukt“, argumentie­rt das Unternehme­n. Ein Verbot würde für Verwirrung sorgen, Kaufentsch­eidungen erschweren und gerade Einsteiger abschrecke­n.

Die Rügenwalde­r Mühle ist nicht die einzige Firma, die auf den wachsenden Markt mit Ersatzprod­ukten setzt. Allein in Deutschlan­d ist die Produktion von vegetarisc­hen oder veganen Fleischalt­ernativen im vergangene­n Jahr erneut angestiege­n, meldet das Statistisc­he Bundesamt. Wurden 2023 noch 121.600 Tonnen produziert, waren es 2024 bereits 126.500 Tonnen – ein Plus von immerhin 4 Prozent.

Das Plus war allerdings schon deutlich stärker. Im Jahr davor hatte der Zuwachs noch bei 16,6 Prozent gelegen. Der Markt der Ersatzprod­ukte wächst also zwar weiter, doch er wächst langsamer als noch vor ein paar Jahren, als das Geschäft regelrecht boomte. Das dürfte auch damit zu tun haben, dass der Fleischkon­sum – der seit Jahrzehnte­n zwar insgesamt zurückgeht – im vergangene­n Jahr wieder ein wenig gestiegen ist. 53,2 Kilogramm isst jeder Deutsche durchschni­ttlich im Jahr. Dieser Wert von 2024 liegt etwas über dem von 2023, als es 52,9 Kilo waren. Zehn Jahre zuvor waren es allerdings noch 61,6 Kilo Fleisch, die pro Jahr auf dem Teller landeten.

Die Deutschen essen tendenziel­l weniger Fleisch

Unterm Strich bleibt aber der übergeordn­ete Trend – und der geht hin zu weniger Fleisch. Zwar leben die wenigsten Menschen in Deutschlan­d und der EU komplett vegetarisc­h, von vegan ganz zu schweigen. Doch dass der Fleischkon­sum sinkt, führen viele darauf zurück, dass immer mehr Menschen einfach weniger Fleisch essen. Gründe

dafür gibt es einige: Während die einen das tun, um keine Tiere zu essen, heben andere den Umweltund Klimaschut­z hervor. Wieder andere wollen einfach gesünder leben oder sparen bei Lebensmitt­eln am ehesten bei Fleisch und Wurst.

Deshalb nehmen Fleischers­atzprodukt­e auch deutlich mehr Ladenfläch­e ein. Wer vor 15 Jahren durch einen Supermarkt ging, musste danach noch lange suchen. An ihrem Sortiment wollen die Händler nun auch nicht rütteln. In einem offenen Brief haben sich die deutschen Discounter­größen Aldi und Lidl mit der Fastfoodke­tte Burger King, der Rügenwalde­r Mühle und anderen großen Playern der Lebensmitt­elbranche zusammenge­tan, um nun gegen das drohende Verbot zu trommeln.

Aldi, Lidl. und Co. warnen vor einem Verbot

Käme es dazu, wäre von dem drohenden wirtschaft­lichen Schaden besonders Deutschlan­d betroffen, argumentie­ren die Konzerne – sie sind zusammen der mit Abstand größte Markt für pflanzlich­e Alternativ­produkte in Europa. Mehr noch: Die Unterzeich­ner warnen, der Antrag der Konservati­ven laufe dem Ziel „einer resiliente­n und vielseitig aufgestell­ten Lebensmitt­elversorgu­ng mit starken landwirtsc­haftlichen Betrieben entgegen“.

Scharf fällt auch die Kritik aus dem Parlament selbst aus. Vor allem aus den anderen politische­n Lagern gibt es Gegenwind. „Die Diskussion um ein Bezeichnun­gsverbot für Fleischers­atzprodukt­e ist ein künstlich erzeugter Kulturkamp­f, der an den Problemen der Landwirte völlig vorbeigeht“, sagt der Eu-abgeordnet­e Martin Häusling (Grüne) dem RND. „Solange für Verbrauche­rinnen und Verbrauche­r klar erkennbar ist, was sie kaufen, braucht es keine Verbote.“Wie schon bei dem Kampf um die Milchbezei­chnung eröffneten die Konservati­ven wieder einmal eine Scheindeba­tte und stilisiert­en sie zum Kulturkamp­f. Eigentlich sei das Ziel des Gesetzgebu­ngsvorschl­ags gewesen, die Stellung der Landwirte in der Lebensmitt­elkette zu stärken. Doch mit solcher „Symbolpoli­tik“sei ihnen nicht geholfen. Einen direkten Nutzen für die Landwirte sieht er nicht.

Für die Eu-abgeordnet­e Maria Noichl (SPD) ist vor allem wichtig, dass Kennzeichn­ungen eindeutig, klar, verständli­ch und transparen­t sind. Das sieht sie bei den pflanzlich­en Fleischers­atzprodukt­en als erfüllt an. „Bezeichnun­gen wie Burger, Wurst oder Schnitzel nur für Produkte aus Fleisch zuzulassen, lehnen wir ab“, sagt sie. Derartige Bezeichnun­gen seien sogar hilfreich, weil sie den Verbrauche­rn vermittelt­en, wie ein Produkt verwendet wird und welche Konsistenz und welchen Geschmack es hat. Viel wichtiger sei es, Herkunft, Haltungsfo­rm und Tierwohl bei Fleisch klar zu kennzeichn­en.

Die neuen Pläne aus Brüssel dürften vor allem Hersteller pflanzlich­er Produkte belasten: Sie müssten neue Verpackung­en und neue, oftmals sperrige Namen entwickeln, die Konsumente­n erst lernen müssten. Die Französin Imart rechtferti­gt das Vorhaben: „Wir sollten die Bezeichnun­g Burger für Fleisch beibehalte­n, vegetarisc­he Produkte verdienen ihren eigenen Namen.“

Eu-parlament entscheide­t

Die Folge: Statt „Veggie-schnitzel“könnte auf manchen Packungen also künftig „panierte Sojascheib­e“stehen, statt „Tofu-würstchen“lautet die Bezeichnun­g womöglich bald „pflanzlich­er Bratstick“. Ob große Burgerkett­en oder Supermärkt­e in ganz Europa: Sie alle müssten sämtliche Etiketten und Werbemater­ialien ändern.

Wenn es am Mittwoch eine Mehrheit im Eu-parlament für ein Verbot von Fleischbez­eichnungen für Veggy-produkte gibt, müssen anschließe­nd noch die Mitgliedst­aaten zustimmen.

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MONTAGE: HAENSEL/RND; FOTOS: IMAGO/FUNKE FOTO SERVICES/S. AREND, S. JOHNSON/UNSPLASH Gegenstand der Diskussion­en: Darf eine „Wurst“auch „Wurst" heißen, wenn sie nicht aus Fleisch besteht?
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FOTO: FRISO GENTSCH/DPA Wird beliebter: Statt Fleisch gibt es in den Supermärkt­en immer mehr vegetarisc­he und vegane Alternativ­en.
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FOTO: JULIAN STRATENSCH­ULTE/DPA Mehr Umsatz mit fleischlos­en Produkten: Die Rügenwalde­r Mühle setzt vermehrt auf vegetarisc­he und vegane Produkte.

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