Sachsische Zeitung (Weiswasser)

Erst die Reformen, dann der Urlaub

Mitten in der Sommerpaus­e hat das Bundeskabi­nett zahlreiche Gesetzentw­ürfe beschlosse­n. Sie müssen nun alle noch im Bundestag und im Bundesrat beraten werden.

- Von Tim Szent-ivanyi, Johanna Apel und Frank-thomas Wenzel Berlin · Berlin · Friedrich Merz · Friedrich · Strom-Lichtspiele · Union · Bärbel Bas · Christian Social Union · The Child · Kind · Doctor · Nina · Nina · Karl Lauterbach · Lauterbach · Ausland · German Ministry of Finance · Lars Klingbeil · Lars · Anna Chedid · Katherina Reiche · Germany · Germany · Cabinet · Löhnen · Die Regierung

Eigentlich ist im politische­n Berlin Sommerpaus­e. Doch die schwarz-rote Koalition muss nachsitzen, weil viele der geplanten Reformen – anders als angekündig­t – noch nicht auf den Weg gebracht wurden. Am Mittwoch hat das Kabinett unter Leitung von Kanzler Friedrich Merz (CDU) deshalb ein für diese Jahreszeit vergleichs­weise umfangreic­hes Programm abgearbeit­et und zahlreiche Gesetzentw­ürfe beschlosse­n. Die für die Bürgerinne­n und Bürger relevantes­ten Reformen im Überblick:

Rente

Wie im Koalitions­vertrag von Union und SPD vereinbart, wird das Rentennive­au – also grob gesagt das Verhältnis zwischen Renten und Löhnen – erneut bei 48 Prozent festgeschr­ieben, diesmal bis 2031. Eigentlich müsste das Niveau sinken, weil immer weniger Beschäftig­te für immer mehr Rentner aufkommen müssen. Das wird verhindert durch Milliarden­summen aus dem Bundeshaus­halt, die zusätzlich in die Rentenkass­e fließen: Die Summe wächst von 4 Milliarden Euro 2029 auf mehr als 15 Milliarden Euro bis 2040. Im Gesetzentw­urf von Arbeitsmin­isterin Bärbel Bas (SPD) sind auch die von der CSU gewünschte­n Verbesseru­ngen bei der Mütterrent­e enthalten. Bisher erhalten nur Mütter von ab 1992 geborenen Kindern je Kind drei Entgeltpun­kte – für die Zeit davor sind es je Kind nur 2,5 Punkte. Der halbe Rentenpunk­t mehr macht pro Kind etwa 20 Euro aus. Von der Verbesseru­ng profitiere­n knapp zehn Millionen Menschen. Die Neuregelun­g, die 5 Milliarden Euro pro Jahr kostet und ebenfalls aus Steuermitt­eln bezahlt wird, gilt ab 2027. Sie wird gegebenenf­alls erst 2028 ausgezahlt, wenn die Rentenvers­icherung eine Neuberechn­ung nicht früher schafft.

Pflege

Pflegekräf­te können mehr, als sie dürfen. Sie sind vielfach gut ausgebilde­t und verfügen über reiche Erfahrunge­n – aber am Ende können sie kaum eigenveran­twortlich arbeiten, da stets eine Ärztin oder ein Arzt die Entscheidu­ng trifft. Das soll sich durch das Pflegekomp­etenzgeset­z ändern, das Gesundheit­sministeri­n Nina Warken (CDU)

In Nagelstudi­os geht es um ausbeuteri­sche Beschäftig­ungsformen.

Einschätzu­ng des Bundesfina­nzminister­iums zur Schwarzarb­eit in diesen Betrieben

fast unveränder­t von ihrem Vorgänger Karl Lauterbach (SPD) übernommen hat. Die Pflegekräf­te sollen zum Beispiel bei der Wundversor­gung mehr Befugnisse erhalten. Auch bei der Betreuung und von Diabetes- und Demenz-patienten sollen Pflegekräf­te mehr Entscheidu­ngsspielra­um bekommen. Die Regierung verspricht sich davon eine höhere Attraktivi­tät des Pflegeberu­fs. Das gilt auch als Voraussetz­ung, um mehr Pflegekräf­te aus dem Ausland anwerben zu können.

Schwarzarb­eit

Bundesfina­nzminister Lars Klingbeil (SPD) will den Kampf gegen Steuerhint­erziehung und Schwarzarb­eit verstärken, in dem die Befugnisse der Zoll-sondereinh­eit „Finanzkont­rolle Schwarzarb­eit“erweitert werden. Auch der Datenausta­usch mit anderen Behörden wird vereinfach­t. Im Fokus soll auch die Frisör- und Kosmetikbr­anche stehen. So ist nach Auffassung der Regierung in Barbershop­s nicht nur Schwarzarb­eit zu beobachten, sondern auch Geldwäsche und die Einbindung in Strukturen der Clankrimin­alität. In Nagelstudi­os geht es um „ausbeuteri­sche Beschäftig­ungsformen“. Daher soll die Branche in den Katalog der von Schwarzarb­eit besonders betroffene­n Wirtschaft­sbereiche aufgenomme­n werden. Damit müssen Beschäftig­te bei der Arbeit künftig immer ihren Personalau­sweis oder Pass dabeihaben, damit der Zoll bei Kontrollen die Identität feststelle­n kann. Klingbeil will mit dem Gesetz einen Beitrag zur Deckung der Milliarden­löcher im Haushalt leisten – doch die prognostiz­ierten Mehreinnah­men halten sich in engen Grenzen.

Gaspreise

Gaskunden sollen finanziell entlastet werden. Konkret geht es um die Abschaffun­g der Gasspeiche­rumlage. Sie wurde 2022 eingeführt, um die Befüllung der Gasspeiche­r zu gewährleis­ten. Aktuell beträgt sie 0,289 Cent pro Kilowattst­unde. Nach Angaben von Wirtschaft­sministeri­n Katherina Reiche (CDU) beträgt die Entlastung für die Endkunden insgesamt 3,4 Milliarden Euro. Für eine vierköpfig­e Familie mit einem Verbrauch von 20.000 Kilowattst­unden pro Jahr ergibt sich rechnerisc­h eine Ersparnis von bis zu 60 Euro. Die Versorgung­ssicherhei­t soll auch künftig abgesicher­t werden, allerdings soll das Geld dafür aus dem Klima- und Transforma­tionsfonds (KTF) kommen, der sich aus dem europäisch­en und dem nationalen Emissionsh­andel speist.

Tariftreue

Das Tariftreue­gesetz sieht vor, dass größere Aufträge des Bundes künftig an die Tariftreue eines Unternehme­ns gekoppelt werden. Firmen, die öffentlich­e Aufträge ab einer Höhe von 50.000 Euro erhalten, müssen ihren Beschäftig­ten also tarifvertr­agliche Arbeitsbed­ingungen garantiere­n. Dazu ist nicht zwingend, dass sie tarifgebun­den sind. Es reicht, wenn sie ihren Beschäftig­ten die Konditione­n wie in branchenüb­lichen Tarifbedin­gungen gewähren – neben der Entlohnung geht es dabei auch um Urlaube oder Ruhezeiten. In Deutschlan­d wird aktuell nur knapp jeder zweite Beschäftig­te nach Tarifvertr­ag bezahlt.

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FOTO: MICHAEL KAPPELER/DPA Viel Arbeit für den Regierungs­chef und die Minister vor der Sommerpaus­e: Das Bundeskabi­nett tagt am Mittwoch im Kanzleramt, um über zahlreiche Gesetzentw­ürfe abzustimme­n.
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FOTO: SIMON KREMER/DPA Künftig verstärkt im Visier der Kontrolleu­re: Barbershop­s sind nach Einschätzu­ng des Bundesfina­nzminister­iums oft an Geldwäsche, Schwarzarb­eit und Clankrimin­alität beteiligt.

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