Sachsische Zeitung (Gorlitz & Niesky)
„Die Menschen müssen länger arbeiten“
Die Wirtschaftsweise Veronika Grimm plädiert für ein Renteneintrittsalter von 68 Jahren. Sie fordert, die steigenden Kosten des Rentensystems in den Griff zu bekommen.
Der Anstieg der Kosten des Rentensystems muss dringend gedämpft werden. Das könnte erreicht werden, wenn es gelingt, den Anstieg der Bestandsrenten zu dämpfen, und wenn die Menschen länger arbeiten würden. Wichtig ist natürlich, dass sie dazu auch gesundheitlich in der Lage sind. In der Vergangenheit wurden verschiedene Maßnahmen eingeführt, die in die andere Richtung gewirkt haben: die Rente ab 63 oder die Mütterrente beispielsweise. Diese Wahlgeschenke haben zu steigenden Rentenbeiträgen sowie einem höheren Bundeszuschuss zur Rentenversicherung geführt.
Der Anstieg der Bestandsrenten könnte begrenzt werden, indem man die Rentenerhöhungen an die Preissteigerungen knüpft.
ein Renteneintrittsalter von 70. Wenn wir die aktuellen Prognosen zur Lebenserwartung heranziehen, würde das Renteneintrittsalter ab 2031 in den dann folgenden zehn Jahren noch mal um etwa ein Jahr steigen, also auf 68 Jahre.
Auch jetzt gehen die Menschen im Schnitt etwas früher in Rente, viele warten nicht, bis das Renteneintrittsalter erreicht ist. In der Vergangenheit konnte man beobachten, dass mit der Anhebung des gesetzlichen Renteneintrittsalters immer auch das tatsächliche Renteneintrittsalter angestiegen ist. Die Anhebung hat also eine gewisse Sogwirkung. Über die Anpassung des Renteneintrittsalters hinaus könnte der Anstieg der Bestandsrenten begrenzt werden, indem man die Rentenerhöhungen an die Preissteigerungen und nicht mehr an die Löhne knüpft.
Nein. Das würde dazu führen, dass die Rentenbeiträge weiter steigen – eine immer größere Belastung der Erwerbstätigen. Die Festschreibung des Rentenniveaus wäre auch eine Herausforderung für die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands, weil dadurch die Arbeitskosten steigen.
Ja, und es gibt durchaus gute Gründe, diesen Weg einzuschlagen. Die gesetzliche Rentenversicherung funktioniert ja so, dass Menschen gemäß ihrer gesammelten Rentenpunkte Bezüge erhalten. Und wenn diese nicht reichen, würde nach dem Haushaltsprinzip geprüft, ob jemand Anspruch auf Grundsicherung hat. Es würde also überprüft, ob man von seinem Partner versorgt werden kann oder ein größeres Vermögen hat. Ist dies nicht der Fall, so erhält man zusätzliche Leistungen über die Grundsicherung. Für die tatsächlich Bedürftigen ist die Grundsicherung ja da. Bei einer Absicherung über die Rentenversicherung würde es Mitnahmeeffekte geben, die die Beitragszahlungen erhöhen würden.
Zum Beispiel gibt es Paare, die sich einigen, dass der eine mehr arbeitet als der andere. Beispiel Mütterrente: Von ihr profitieren viele Menschen, die das zusätzliche Geld über die Rentenversicherung wegen des gesamten Haushaltseinkommens gar nicht nötig haben und es auch nie eingeplant haben.
Die „Frühstartrente“wäre eher ein Instrument, das Kinder dazu anhält, die Mechanismen am Kapitalmarkt zu verstehen. Wenn man das richtig aufsetzt und auch im Schulunterricht begleitet, verstehen junge Menschen besser, dass die Renditen am Kapitalmarkt substanziell sind und dass es sich lohnt, Geld anzulegen. Für die Rentenversicherung an sich ist es wichtig, dass tatsächlich die kapitalgedeckte Säule der Alterssicherung deutlich gestärkt wird.
Die Menschen sollten eigene Mittel dort ansparen. Mit einem staatlichen Zuschuss könnten zum Beispiel Menschen mit niedrigen Einkommen dabei unterstützt werden. Wichtiger ist die Frage, wie wir es schaffen, dass die Renditen tatsächlich hoch genug sind. Der Staat könnte ein Produkt etablieren, das eine Option eröffnet, wenn die privatwirtschaftlichen Anbieter keine attraktiven Angebote auf den Tisch legen. Dann würde mehr Druck entstehen, attraktive Angebote auf den Markt zu bringen.