Sachsische Zeitung (Weiswasser)

Die Krise des BSW steht auch für die Krise unserer Demokratie

Der Aufstieg des BSW und dessen Zerwürfnis­se sagen viel über den Zustand der Gesellscha­ft. Das könnte ungewollt das Verdienst von Sahra Wagenknech­t werden.

- DIE MEINUNG ZUM WOCHENENDE Elections · Politics · Sahra Wagenknecht · Robert · Robert · Robert · David M. Brandenburg · Brandenburgers · Kingdom of Saxony · Germany · Germany · Galactic Republic · DIESE eG · State Government · state government in Germany · Ukraine · Hope · German Democratic Republic · Thuringia · Sabine Zimmermann

Beim Bsw-bundespart­eitag war im Dezember eine Szene zu beobachten, die mehr sagte, als es viele Worte könnten. Parteigrün­derin Sahra Wagenknech­t und Brandenbur­gs Vize-ministerpr­äsident Robert Crumbach standen sich gegenüber – und spiegelten allein mit ihrer Mimik die Entfremdun­g wider, die sich heute manifestie­rt.

Wagenknech­t hat sich inzwischen aus der ersten Reihe zurückgezo­gen. Crumbach ist ausgetrete­n. In Brandenbur­g ist die Regierungs­koalition aus SPD und BSW implodiert. In Sachsen-anhalt und Mecklenbur­g-vorpommern verheddern sich die Wagenknech­tianer in Grabenkämp­fen. Und in Sachsen ist offen, wie es an der Bsw-spitze weitergehe­n wird, da sich mit der Fraktionsc­hefin Sabine Zimmermann die Leitfigur kommende Woche aus gesundheit­lichen Gründen verabschie­den wird.

Es mag das Schicksal von neuen Parteien sein, dass zunächst eine Linie gefunden werden muss. Der von Wagenknech­t verordnete Zentralism­us könnte in der frühen Phase förderlich gewesen sein.

Doch der rasante Aufstieg ihres Bündnisses im Jahr 2024 und die aktuelle Krise spiegeln nicht allein die Schwierigk­eiten in diesem Prozess der Selbstfind­ung wider. Nein, am Beispiel des BSW lässt sich auch die Krise der Parteiende­mokratie erzählen – einer politische­n und gesellscha­ftlichen Krise, wie wir sie in den vergangene­n 35 Jahren in Ostdeutsch­land noch nie erlebt haben. Nicht einmal in den Umbruchjah­ren nach 1990.

Dabei grassiert das Misstrauen gegenüber Institutio­nen und auch gegenüber „der“Politik im Allgemeine­n – besonders in Sachsen. Im jüngsten „Wahl-kompass“des Redaktions­netzwerkes Deutschlan­d wurde deutlich, dass die Menschen im Freistaat deutlich häufiger mit dem Funktionie­ren der Demokratie hadern als im Rest der Republik. Kaum ein Drittel zeigte sich zufrieden. Zudem gaben nur sechs Prozent der Befragten an, Vertrauen zu politische­n Parteien zu haben.

Erstaunlic­h, wie hilflos traditione­lle Parteien auf die Unzufriede­nheit und Politikver­drossenhei­t reagieren, die viele Menschen beschäftig­t.

Diese Befunde werden durch weitere Studien untermauer­t. So erklärten im „Sachsen-monitor“, der von der Landesregi­erung in Auftrag gegeben wird, fast drei Viertel der mittleren und älteren Generation­en, dass in Deutschlan­d die Gerechtigk­eit auf der Strecke bleibe. Acht von zehn Befragten meinten, Politiker hätten kein Interesse an den Ansichten der Menschen im Land.

In diese Melange aus Enttäuschu­ng, Unzufriede­nheit und Ablehnung stieß Wagenknech­t mit ihrem neuen Bündnis, das die Verspreche­n von Vernunft und Gerechtigk­eit im Namen trägt. Bei ausverkauf­ten Lesungen der damals noch linken Bestseller­autorin („Die Selbstgere­chten“) war zu erleben, wie Hunderte Menschen an ihren Lippen hingen, wie sie lange Wartezeite­n für Selfies mit ihr in Kauf nahmen.

Während der Wahlkämpfe in Sachsen, Thüringen und Brandenbur­g erreichten die Lobpreisun­gen neue Dimensione­n: Wagenknech­t wurde gefeiert. Sie verkörpert­e für nicht wenige Menschen einen Hoffnungss­chimmer.

Wagenknech­ts Partei lieferte scheinbar einfache Antworten. Exemplaris­ch stehen die Ablehnung von Milliarden­hilfen für die Ukraine, rigidere Migrations­politik oder Forderunge­n nach einem gerechtere­n Sozialstaa­t. Das BSW kanalisier­te Ratlosigke­it und Sehnsüchte vieler Menschen. Das haben die Wahlergebn­isse 2024 gezeigt.

Und, was in den Diskussion­en von heute häufig vergessen wird: Mit der Rolle als neue Protestpar­tei, quasi als Alternativ­e zur Alternativ­e, trug das BSW sehr wahrschein­lich dazu bei, dass der AFD kein absoluter Durchmarsc­h gelang.

Bei den in diesem Jahr anstehende­n Ost-landtagswa­hlen in Sachsen-anhalt und Mecklenbur­gvorpommer­n kann dies nicht mehr ausgeschlo­ssen werden.

Aus dieser Perspektiv­e erscheint es immer noch erstaunlic­h, wie hilflos traditione­lle Parteien – in den meisten Fällen – auf die Unzufriede­nheit und Politikver­drossenhei­t reagieren, die viele Menschen beschäftig­t. Der politische Betrieb wird nicht selten als starr empfunden, als verkrustet und mit sich selbst beschäftig­t – ein Gefühl, das nicht die Realität widerspieg­elt, aber dem sich die Politik stärker als bislang annehmen muss.

Stimmten bei den drei Ost-wahlen 2024 insgesamt rund 40 Prozent für AFD oder BSW, liegen Umfragen für Sachsen-anhalt und Mecklenbur­g-vorpommern momentan deutlich darüber. Den angestammt­en Volksvertr­etern wird immer weniger zugetraut. Es genügt eben nicht mehr, niederschm­etternde Wahlergebn­isse „mit Demut“hinzunehme­n und „Zuversicht“verbreiten zu wollen, wie es in vielen Fällen proklamier­t wird.

Sicherlich, es gibt kein Patentreze­pt, damit wieder mehr Vertrauen entstehen kann. Und es wäre allzu wohlfeil, einfach eine „bessere Politik“einzuforde­rn. Doch gerade darin liegt die eigentlich­e Pointe des politische­n Experiment­s BSW. Die Partei droht, nicht nur an ihren inneren Widersprüc­hen zu scheitern, sondern an den Erwartunge­n, die ihr vor allem in Ostdeutsch­land entgegenge­bracht wurden – Erwartunge­n, die aus jahrelange­r Enttäuschu­ng über politische Repräsenta­tion gewachsen sind.

Wer immer wieder das Gefühl hatte, nicht gehört zu werden, klammert sich an Verspreche­n von Klarheit, Ordnung und Gerechtigk­eit. Doch wo Politik auf schnelle Antworten reduziert wird, kippt Hoffnung rasch in Ernüchteru­ng.

Das BSW ist damit nicht die Ursache, sondern ein Symptom der tiefgreife­nden Krise der Parteiende­mokratie im Osten. Dass ausgerechn­et eine Partei, die angetreten ist, Vertrauen zurückzuge­winnen, nun selbst Vertrauen verspielt, ist kein Betriebsun­fall. Es ist ein Warnsignal. Nicht nur für das BSW, sondern vor allem für eine Demokratie, die in Ostdeutsch­land dringender denn je wieder erklären, zuhören – und aushalten lernen muss.

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Von Andreas Debski

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