Der Drohnenkrieg nimmt kein Ende
Wie die Ukraine einer schweren Wirtschaftskrise entging, warum in Kyjiw Luxusautos unterwegs sind, weshalb eine Steuerreform nötig ist: Ex-Wirtschaftsminister Tymofij Mylowanow erklärt dies im STANDARD-Interview.
Die Ukraine und Russland überziehen einander weiterhin mit Drohnenangriffen. Auf beiden Seiten gab es in der Nacht auf Montag erneut Tote. In der ukrainischen Hafenstadt Odessa wurde unter anderem ein Busbahnhof zerstört (Bild). Russland meldete Attacken in der Region Moskau. Der ukrainische Ex-Wirtschaftsminister Tymofij Mylowanow erklärt im Interview mit dem STANDARD, wie sein Land trotz der ungarischen Blockade von EU-Geldern (mittlerweile aufgehoben) einer schweren Wirtschaftskrise entging.
Die Ukraine profitiert unmittelbar vom jüngsten Machtwechsel in Ungarn in diesem Frühjahr: Denn so konnte mit monatelanger Verzögerung infolge der Blockade Budapests eine EU-Milliardenhilfe für das Land freigegeben werden. Ohne diese hätte der Ukraine eine Hyperinflation gedroht – mit Folgen auch für ganz Europa.
STANDARD: Im Frühjahr 2026 drohte der Ukraine akut, das Geld auszugehen, weil Ungarn und die Slowakei die Auszahlung eines 90-MilliardenEuro-Kredits der EU blockierten. Die Blockade wurde inzwischen aufgehoben. Wie nah stand das Land tatsächlich am finanziellen Abgrund?
Mylowanow: Die Lage war kritisch – allerdings nicht in dem Sinn, dass die ukrainische Wirtschaft unmittelbar kollabiert wäre. Die Nationalbank hätte ihre Währungsreserven einsetzen müssen, um die Wirtschaft zu stützen. Diese Reserven sind für den äußersten Notfall gedacht. Hätte die Nationalbank sie einsetzen müssen, hätte das eine Inflation, möglicherweise sogar eine Hyperinflation auslösen können. Die Ukraine wäre vermutlich in eine schwere Wirtschaftskrise geraten. Das hätte deutlich geringere Steuereinnahmen bedeutet – und damit auch weniger Geld für die Verteidigung.
STANDARD: Die Ukraine befindet sich inzwischen seit über zwölf Jahren im Krieg, seit mehr als vier Jahren wehrt sie einen russischen Großangriff ab. Ein Großteil der Staatsausgaben fließt in die Verteidigung, während westliche Budgethilfen vor allem den zivilen Staat finanzieren – etwa Schulen, das Gesundheitswesen, Pensionen und Beamtengehälter. Wie lange kann dieses Modell funktionieren?
Mylowanow: Dieses Modell kann funktionieren. Europa hat Glück, dass die Ukraine kämpft. Die Alternative wäre deutlich teurer: Scheitert die Ukraine, müssten die NatoStaaten wesentlich mehr in ihre eigene Verteidigung investieren. Ich verstehe allerdings nicht, warum wir ständig darüber sprechen, dass europäische Steuerzahler die Ukraine unterstützen müssen. Russische Staats- und Privatvermögen liegen in Europa. Diese Vermögenswerte sollten beschlagnahmt werden. Russland sollte mit seinem eigenen Geld für den Schaden bezahlen, den es in der Ukraine anrichtet – nicht die europäischen Steuerzahler. Aber letztlich braucht es politischen Mut und Führung, um zu sagen: Russland soll dafür bezahlen. Davon würden am Ende alle profitieren.
STANDARD: Der IWF und die EU drängen die Ukraine zu einer Steuerreform. Wenn Sie heute noch einmal Wirtschaftsminister wären: Was würden Sie ändern?
Mylowanow: Inzwischen ist die Debatte ähnlich emotional wie die Diskussion über Waffenrecht in den USA. Die ukrainische Regierung hat das Thema lange ignoriert, weil diese Reform politisch kostspielig ist. Aber sie kann sie nicht mehr länger aufschieben. Mein Grundsatz wäre: Für alle sollten dieselben Regeln gelten. Es darf keine Schlupflöcher oder Konstruktionen geben, mit denen sich einzelne Gruppen Vorteile verschaffen. Denn in der Ukraine sind weiterhin schätzungsweise ein bis zwei Millionen Menschen (Einwohnerzahl vor dem Krieg 44 Mio., heute rund 37 Mio., Anm.) im informellen Sektor tätig. Und ein wichtiger Punkt ist die Regelung der selbstständigen Einzelunternehmer, die oft nur fünf oder zehn Prozent an Steuern zahlen. Manche Firmen registrieren ihre Beschäftigten deshalb formal als Selbstständige – dadurch sparen sie Sozialabgaben und Steuern.
STANDARD: Auch in der Ukraine beobachten wir eine wachsende soziale Ungleichheit. Die Uno spricht von einer Armutsquote von rund 30 Prozent. Gleichzeitig sieht man selbst in Kyjiw noch immer etliche sehr teure Autos – Porsche, Bentley und andere Luxuswagen. Wer sind diese reichen Menschen eigentlich?
Mylowanow: Vor 20 Jahren hätte ich wahrscheinlich gesagt: Das sind korrupte Beamte. Heute glaube ich das nicht mehr. Wenn Sie sich die Vermögen der Spitzenbeamten anschauen, dann sind das im internationalen Vergleich keine reichen Menschen. Mein Eindruck ist vielmehr, dass viele dieser Luxusautos Unternehmern aus der Verteidigungsindustrie gehören. Das mag geschmacklos wirken. Gleichzeitig muss sich Innovation lohnen. Das Problem sind nicht die Luxusautos, sondern etwas anderes: Soldaten an der Front sehen, dass Unternehmer im Verteidigungssektor sehr reich werden, während sie selbst ihr Leben riskieren. Manche sagen sich: Hätte ich mich nicht freiwillig gemeldet, hätte vielleicht auch ich ein erfolgreiches Technologieunternehmen aufbauen können. Diese Spannung ist gesellschaftlich viel bedeutender als die Frage, wer einen Bentley fährt.
STANDARD: Die Ukraine steht derzeit vor mehreren existenziellen Herausforderungen. Was bereitet Ihnen im Moment die größten Sorgen?
Mylowanow: Kurzfristig müssen wir unsere Soldaten besser schützen und den Winter vorbereiten – etwa mit dezentraler Energieversorgung. Langfristig bereitet mir die Bildung die größten Sorgen. Kinder bleiben nur dann in der Ukraine, wenn sie Perspektiven haben.
STANDARD: Was hat die Ukraine einem jungen Ukrainer zu bieten, der heute in Wien, Berlin oder Warschau lebt? Warum sollte er zurückkehren?
Mylowanow: Ich glaube, am Ende geht es um Sinn. Die Ukraine bietet den Menschen einen historischen Moment – und die Möglichkeit, Teil von etwas zu sein, das größer ist als sie selbst. Der Krieg ist gefährlich. Er ist ungerecht. Aber er hat Bedeutung. Mark Twain hat einmal gesagt, es gebe zwei wichtige Tage im Leben: den Tag, an dem man geboren wird, und den Tag, an dem man versteht, warum man geboren wurde. Ich glaube, die Ukraine gibt vielen Menschen heute eine Antwort auf diese zweite Frage.