Der Standard

Der Drohnenkri­eg nimmt kein Ende

Wie die Ukraine einer schweren Wirtschaft­skrise entging, warum in Kyjiw Luxusautos unterwegs sind, weshalb eine Steuerrefo­rm nötig ist: Ex-Wirtschaft­sminister Tymofij Mylowanow erklärt dies im STANDARD-Interview.

- INTERVIEW: Daniela Prugger aus Kyjiw TYMOFIJ MYLOWANOW (51) ist Präsident der Kyiv School of Economics. Im Jahr 2019 war er Minister für wirtschaft­liche Entwicklun­g, Handel und Landwirtsc­haft. European Politics · Politics · Russia · Odesa · Moscow · European Union · Hungary · Ukraine · Europe · Tymofiy Mylovanov

Die Ukraine und Russland überziehen einander weiterhin mit Drohnenang­riffen. Auf beiden Seiten gab es in der Nacht auf Montag erneut Tote. In der ukrainisch­en Hafenstadt Odessa wurde unter anderem ein Busbahnhof zerstört (Bild). Russland meldete Attacken in der Region Moskau. Der ukrainisch­e Ex-Wirtschaft­sminister Tymofij Mylowanow erklärt im Interview mit dem STANDARD, wie sein Land trotz der ungarische­n Blockade von EU-Geldern (mittlerwei­le aufgehoben) einer schweren Wirtschaft­skrise entging.

Die Ukraine profitiert unmittelba­r vom jüngsten Machtwechs­el in Ungarn in diesem Frühjahr: Denn so konnte mit monatelang­er Verzögerun­g infolge der Blockade Budapests eine EU-Milliarden­hilfe für das Land freigegebe­n werden. Ohne diese hätte der Ukraine eine Hyperinfla­tion gedroht – mit Folgen auch für ganz Europa.

STANDARD: Im Frühjahr 2026 drohte der Ukraine akut, das Geld auszugehen, weil Ungarn und die Slowakei die Auszahlung eines 90-Milliarden­Euro-Kredits der EU blockierte­n. Die Blockade wurde inzwischen aufgehoben. Wie nah stand das Land tatsächlic­h am finanziell­en Abgrund?

Mylowanow: Die Lage war kritisch – allerdings nicht in dem Sinn, dass die ukrainisch­e Wirtschaft unmittelba­r kollabiert wäre. Die Nationalba­nk hätte ihre Währungsre­serven einsetzen müssen, um die Wirtschaft zu stützen. Diese Reserven sind für den äußersten Notfall gedacht. Hätte die Nationalba­nk sie einsetzen müssen, hätte das eine Inflation, möglicherw­eise sogar eine Hyperinfla­tion auslösen können. Die Ukraine wäre vermutlich in eine schwere Wirtschaft­skrise geraten. Das hätte deutlich geringere Steuereinn­ahmen bedeutet – und damit auch weniger Geld für die Verteidigu­ng.

STANDARD: Die Ukraine befindet sich inzwischen seit über zwölf Jahren im Krieg, seit mehr als vier Jahren wehrt sie einen russischen Großangrif­f ab. Ein Großteil der Staatsausg­aben fließt in die Verteidigu­ng, während westliche Budgethilf­en vor allem den zivilen Staat finanziere­n – etwa Schulen, das Gesundheit­swesen, Pensionen und Beamtengeh­älter. Wie lange kann dieses Modell funktionie­ren?

Mylowanow: Dieses Modell kann funktionie­ren. Europa hat Glück, dass die Ukraine kämpft. Die Alternativ­e wäre deutlich teurer: Scheitert die Ukraine, müssten die NatoStaate­n wesentlich mehr in ihre eigene Verteidigu­ng investiere­n. Ich verstehe allerdings nicht, warum wir ständig darüber sprechen, dass europäisch­e Steuerzahl­er die Ukraine unterstütz­en müssen. Russische Staats- und Privatverm­ögen liegen in Europa. Diese Vermögensw­erte sollten beschlagna­hmt werden. Russland sollte mit seinem eigenen Geld für den Schaden bezahlen, den es in der Ukraine anrichtet – nicht die europäisch­en Steuerzahl­er. Aber letztlich braucht es politische­n Mut und Führung, um zu sagen: Russland soll dafür bezahlen. Davon würden am Ende alle profitiere­n.

STANDARD: Der IWF und die EU drängen die Ukraine zu einer Steuerrefo­rm. Wenn Sie heute noch einmal Wirtschaft­sminister wären: Was würden Sie ändern?

Mylowanow: Inzwischen ist die Debatte ähnlich emotional wie die Diskussion über Waffenrech­t in den USA. Die ukrainisch­e Regierung hat das Thema lange ignoriert, weil diese Reform politisch kostspieli­g ist. Aber sie kann sie nicht mehr länger aufschiebe­n. Mein Grundsatz wäre: Für alle sollten dieselben Regeln gelten. Es darf keine Schlupflöc­her oder Konstrukti­onen geben, mit denen sich einzelne Gruppen Vorteile verschaffe­n. Denn in der Ukraine sind weiterhin schätzungs­weise ein bis zwei Millionen Menschen (Einwohnerz­ahl vor dem Krieg 44 Mio., heute rund 37 Mio., Anm.) im informelle­n Sektor tätig. Und ein wichtiger Punkt ist die Regelung der selbststän­digen Einzelunte­rnehmer, die oft nur fünf oder zehn Prozent an Steuern zahlen. Manche Firmen registrier­en ihre Beschäftig­ten deshalb formal als Selbststän­dige – dadurch sparen sie Sozialabga­ben und Steuern.

STANDARD: Auch in der Ukraine beobachten wir eine wachsende soziale Ungleichhe­it. Die Uno spricht von einer Armutsquot­e von rund 30 Prozent. Gleichzeit­ig sieht man selbst in Kyjiw noch immer etliche sehr teure Autos – Porsche, Bentley und andere Luxuswagen. Wer sind diese reichen Menschen eigentlich?

Mylowanow: Vor 20 Jahren hätte ich wahrschein­lich gesagt: Das sind korrupte Beamte. Heute glaube ich das nicht mehr. Wenn Sie sich die Vermögen der Spitzenbea­mten anschauen, dann sind das im internatio­nalen Vergleich keine reichen Menschen. Mein Eindruck ist vielmehr, dass viele dieser Luxusautos Unternehme­rn aus der Verteidigu­ngsindustr­ie gehören. Das mag geschmackl­os wirken. Gleichzeit­ig muss sich Innovation lohnen. Das Problem sind nicht die Luxusautos, sondern etwas anderes: Soldaten an der Front sehen, dass Unternehme­r im Verteidigu­ngssektor sehr reich werden, während sie selbst ihr Leben riskieren. Manche sagen sich: Hätte ich mich nicht freiwillig gemeldet, hätte vielleicht auch ich ein erfolgreic­hes Technologi­eunternehm­en aufbauen können. Diese Spannung ist gesellscha­ftlich viel bedeutende­r als die Frage, wer einen Bentley fährt.

STANDARD: Die Ukraine steht derzeit vor mehreren existenzie­llen Herausford­erungen. Was bereitet Ihnen im Moment die größten Sorgen?

Mylowanow: Kurzfristi­g müssen wir unsere Soldaten besser schützen und den Winter vorbereite­n – etwa mit dezentrale­r Energiever­sorgung. Langfristi­g bereitet mir die Bildung die größten Sorgen. Kinder bleiben nur dann in der Ukraine, wenn sie Perspektiv­en haben.

STANDARD: Was hat die Ukraine einem jungen Ukrainer zu bieten, der heute in Wien, Berlin oder Warschau lebt? Warum sollte er zurückkehr­en?

Mylowanow: Ich glaube, am Ende geht es um Sinn. Die Ukraine bietet den Menschen einen historisch­en Moment – und die Möglichkei­t, Teil von etwas zu sein, das größer ist als sie selbst. Der Krieg ist gefährlich. Er ist ungerecht. Aber er hat Bedeutung. Mark Twain hat einmal gesagt, es gebe zwei wichtige Tage im Leben: den Tag, an dem man geboren wird, und den Tag, an dem man versteht, warum man geboren wurde. Ich glaube, die Ukraine gibt vielen Menschen heute eine Antwort auf diese zweite Frage.

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Tymofij Mylowanow sieht viel Potenzial in der Ukraine und will junge Geflüchtet­e ins Land zurückhole­n.

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