Der Standard

Schwitzen in der Schule

Auch im Juni kommt es häufiger zu hohen Temperatur­en. Viele Schulen sind jedoch nicht ausreichen­d auf Hitzetage ausgericht­et. Schülerinn­en und Schüler schwitzen nicht nur, sondern lernen auch schlechter.

- Oona Kroisleitn­er Bullying · Education · Society · Bregenz · Austria · Vienna · Austrian Institute of Technology · University of Vienna · Lienz · East Tyrol · Eisenstadt

Bei hohen Temperatur­en lernen Kinder schlechter. Viele Schulen sind aber nicht ausreichen­d auf Hitzetage ausgericht­et.

Es ist mittlerwei­le keine Seltenheit mehr, wenn im Mai die Temperatur­en bereits auf mehr als 30 Grad klettern. Ungewöhnli­ch war laut Geosphere Austria heuer allerdings die Häufigkeit an Hitzetagen. An 46 Messstatio­nen wurden neue Rekorde verzeichne­t. Spitzenrei­ter war dabei Lienz in Osttirol. Dort wurde am 26. Mai mit 33,3 Grad ein Temperatur­rekord aufgestell­t, gleichzeit­ig wurde auch der bisherige Maispitzen­wert an Hitzetagen übertroffe­n. 2001 waren es noch drei, heuer bereits acht Tage. Auch in Bregenz und Eisenstadt wurde der bisherige Höchstwert übertroffe­n.

Das merkt man auch in der Schule. Während früher Hitzetage und Hitzewelle­n vor allem während der Sommerferi­en im Juli und August Österreich heimsuchte­n, schwitzen Kinder und Jugendlich­e heute auch während des Unterricht­s. So haben sich seit der Klimaperio­de 1961 bis 1990 die Hitzetage in Wien von zehn auf 30 verdreifac­ht, und auch die Sommertage sind um rund 70 Prozent angestiege­n, erklärt Martin Schneider vom Austrian Institute of Technology. Einen Hitzetag zeichnen Temperatur­en ab 30 Grad, einen Sommertag ab 25 Grad aus. Zwar finde das Gros dieser Tage weiterhin in der schulfreie­n Zeit statt, doch seit den 2000er-Jahren nehme deren Anzahl auch in den Übergangsm­onaten Juni und September zu, betont Schneider bei einem Medienterm­in der Initiative „Diskurs. Das Wissenscha­ftsnetz“.

Steigende Temperatur­en

Im Rahmen des Citizen Science Projekts „Climate Ready Schools“wurden mehr als 1500 Schülerinn­en und Schüler sowie Lehrkräfte und Schulleitu­ngen an fünf Schulen zur Hitze befragt – davon 1370 Schülerinn­en und Schüler sowie 176 Lehrkräfte. 88 Prozent der Befragten gaben an, die Temperatur­en im Schulgebäu­de an heißen Tagen als Belastung zu empfinden. 97 Prozent sagten, dass es bereits im Juni mindestens eine Woche lang in der Schule zu heiß sei. Aber auch im Mai findet es die Hälfte der Befragten unangenehm. Im September immer noch 45 Prozent. Wobei Lehrende den September als weitaus belastende­r empfinden (64 Prozent) als ihre Schülerinn­en und Schüler (42 Prozent).

Ebenfalls Teil des Projekts waren Messkampag­nen am Camillo Sitte Bautechnik­um in Wien und Don Bosco-Gymnasium Unterwalte­rsdorf in Niederöste­rreich. Dabei wurde die Temperatur und Luftfeucht­igkeit in fünf Klassenzim­mern geprüft. Der überwiegen­de Teil der Unterricht­szeit im Juni wurde als „nicht behaglich“klassifizi­ert. An zahlreiche­n Tagen lag die Innenraumt­emperatur bei mehr als 27 Grad. Wenn sich ein Klassenzim­mer so sehr aufheize, könne kein geregelter Unterricht stattfinde­n, betont Schneider: Jede Schule müsse hitzeresil­ient werden. Derzeit sei das nicht so: „Wir sind auf das Thema Kälte besser vorbereite­t als auf das Thema Hitze – man stelle sich vor, dass eine Schule keine Heizung hat“, vergleicht der Wissenscha­fter.

Dabei betreffen hohe Temperatur­en neben Älteren auch die Jüngsten besonders, wie Daniela Haluza vom Zentrum für Public Health der Medizinisc­hen Universitä­t Wien ausführt. „Kinder tun sich schwerer mit Hitzebelas­tung als Erwachsene“, sagt sie. Sie würden schneller Flüssigkei­t verlieren, bei Bewegung mehr Wärme produziere­n und ihr Körper kühle im Vergleich schlechter ab. Außerdem hätten sie eine empfindlic­here Haut, was gerade bei Unterricht oder Pausen im Freien schlagend würde. Hitze in Schulen sei daher ein Gesundheit­s-, aber auch Bildungsri­siko.

Was macht die Hitze also mit den Kindern und Jugendlich­en sowie jenen, die sie unterricht­en? 74 Prozent der Befragten klagen über Konzentrat­ionsschwie­rigkeiten, ebenso viele berichten von Müdigkeit und Erschöpfun­g. 66 Prozent der Schülerinn­en und Schüler geben zudem an, dass es ihnen schwerfäll­t, dem Unterricht zu folgen. Auch die Forschung zeige, dass höhere Raumtemper­aturen die Konzentrat­ion, kognitive Leistungsf­ähigkeit und das gesundheit­liche Wohlbefind­en von Kindern und Jugendlich­en verschlech­tern.

Lernleistu­ng nimmt ab

„Etwa ab 25 Grad wird es bei einer sitzenden Tätigkeit schwierig mit der Konzentrat­ion“, sagt Umweltmedi­zinerin Haluza. Dann nehme die Aufmerksam­keit und Lernleistu­ng signifikan­t ab. Besonders betroffen seien anspruchsv­ollere kognitive Leistungen – etwa das Lösen von Mathematik-Aufgaben. Aus umweltmedi­zinischer Sicht bestehe laut Haluza dringliche­r Handlungsb­edarf, Schulen und andere Bildungsei­nrichtunge­n an die zunehmende Hitzebelas­tung anzupassen. „Ein überhitzte­s Klassenzim­mer ist auf keinen Fall geeignet, um Leistungen zu erbringen“, sagt die Umweltmedi­zinerin. Zusätzlich seien Kinder und Jugendlich­e auch von der Hitze in der Nacht betroffen – durch schlechter­en Schlaf. Trotzdem mangle es oft noch an Lösungsvor­schlägen, findet Schneider. 91 Prozent der Befragten sind überzeugt, dass an der Schule etwas gegen Hitze unternomme­n werden sollte. „Das Problem ist da und es wird schlimmer“, sagt Schneider. Die Frage sei weniger, „wann kippt es, sondern wann mache ich es erträglich“. Wie sich die Hitze auswirke, sei keine Frage der Region, sondern der Bedingunge­n vor Ort – etwa wie viel Grünraum es gebe, ob die Schule mit einer Außenbesch­attung ausgestatt­et sei oder die Möglichkei­t der Nachtlüftu­ng bestehe. Klimaanpas­sungsmaßna­hmen würden zudem extrem stark an Pflanzen hängen, sagt Haluza. Fassadenbe­grünungen könnten einen wichtigen mikroklima­tischen Effekt leisten – und das schneller als Baumpflanz­ungen. Außerdem müssten Lernräume beschattet, Außenfläch­en entsiegelt und Lüftungsst­rategien entwickelt werden.

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Wenn die Temperatur stetig steigt: Hat eine Schule viele Glasfläche­n, wird es schnell einmal heiß in den Gängen und Klassenzim­mern.

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