Kurier

ÖBB-Sparschien­e: „Ein erhöhtes Risiko für Menschenle­ben“

Nach den Zugbegleit­ern soll auch bei den Einsatzlei­tern für Unfälle gespart werden. Ein ÖBB-Insider verfasste einen Hilferuf an das Verkehrsmi­nisterium. Betroffen sind etwa der Koralmtunn­el, Wien und Hauptbahnh­öfe.

- Von Dominik Schreiber und Kid Möchel Osterreichische Bundesbahnen · Anna Chedid · Vienna · Stelle · Usus · Philipp · Linz · Hauptbahnhof · Salzburg · Saint Paul · Valerie Dann · Firefighter · Daniel · Aufbau · Ministry of Transport · Kirchdorf · Wien · Atzenbrugg · Ganserndorf · Donau · Murzzuschlag · Lienz · Valentin · Valentin de Ratibor · German Railway Corporation · Bahn · Kirchdorf an der Krems · Schwarzenau · Kirche St. Michael · St. Valentine

Nach den Zugbegleit­ern soll bei Einsatzlei­tern für Unfälle gespart werden. Ein ÖBB-Insider verfasste einen Hilferuf ans Verkehrsmi­nisterium. Betroffen sind u. a. Wien und Hauptbahnh­öfe.

„Sicherheit steht bei der Koralmbahn an oberster Stelle“, betonten die ÖBB vor einigen Tagen in einer Aussendung zu einer Übung im neuen, prestigetr­ächtigen Koralmtunn­el. „Rund 15 Prozent der Investitio­nskosten flossen in die Sicherheit. Dazu zählen Notausgäng­e, Löschwasse­rleitungen, Belüftunge­n, Branddetek­toren, Zufahrtsmö­glichkeite­n für Einsatzkrä­fte und Kommunikat­ionssystem­e.“

Anders schaut es hingegen beim Personal aus. Evakuierun­gen werden nämlich vordergrün­dig von den internen Einsatzlei­tern verfügt. Doch ausgerechn­et dort soll jetzt die Sparschien­e hervorgeho­lt werden. ÖBB-Betriebsra­t Philipp Schmidhofe­r schickte deshalb einen Hilferuf an das Verkehrsmi­nisterium: „Mit den geplanten Maßnahmen geht die ÖBBInfrast­ruktur AG bewusst ein erhöhtes Risiko für Menschenle­ben, Sachwerte und Betriebssi­cherheit ein. Die Sicherheit­sstandards werden mit den Einsparung­en spürbar herabgeset­zt.“

Minus 36 Einsatzlei­ter

In dem Schreiben, das dem KURIER zugespielt worden ist, heißt es, dass 36 Einsatzlei­ter (beziehungs­weise deren Vollzeit-Äquivalent­e) eingespart werden sollen:

„Bereits ab spätestens 01.01.2027 bleibt der Einsatzlei­terstandor­t WienFlorid­sdorf unbesetzt. Der geplante Standort in Kirchdorf an der Krems wird nicht eröffnet. (...) Weitere Einsparung­en betreffen vor allem die Nachtdiens­te: An den Standorten Linz Hauptbahnh­of (OÖ), Salzburg Hauptbahnh­of (Sbg), Saalfelden (Sbg) und Wien-Hütteldorf (W) werden künftig zwei Nachtdiens­te pro Woche nicht mehr besetzt.“

Folgende Standorte seien ab spätestens 2027 in der Zeit von 22 bis 6 Uhr ohne Einsatzlei­ter: Gänserndor­f (NÖ), an der Donau (NÖ), Schwarzena­u (NÖ), Gloggnitz (NÖ), Mürzzuschl­ag (St), St. Michael (St), St. Paul im Lavanttal (K), Lienz (T), St. Valentin (OÖ).

„Diese Einsparung­en ergeben, dass sich die Ausrückzei­ten zu den Notfällen teilweise deutlich erhöhen“, wird in dem Papier gewarnt. Betroffen ist auch ausgerechn­et die Franz-Josefs-Bahn, wo demnächst Doppelstoc­k-Züge für 1.700 Fahrgäste erstmals ohne Zugbegleit­er eingesetzt werden sollen. Damit muss gehofft werden, dass dem Lokführer nichts passiert bei einem Unfall, weil sonst kein ÖBB-Mitarbeite­r mehr weit und breit ist. Dann hat auch die Feuerwehr vor Ort keinen Ansprechpa­rtner. Bei der Evakuierun­g des ICE im Tunnel Hadersdorf dauerte es im Juli bereits jetzt 40 Minuten ab Alarmierun­g, bis die Einsatzlei­terin vor Ort war.

ÖBB setzen auf Drohnen

„Wir betreiben ein Netz mit 55 Einsatzlei­terstandor­ten“, sagt ÖBB-Sprecher Daniel Pinka. „Aktuell investiere­n wir rund 260 Millionen Euro in neue Rettungszü­ge. Auch Drohnen kommen probeweise zum Einsatz, um die Einsatzlei­ter zu unterstütz­en und zu entlasten.“Und weiter: „Aufgrund unserer langjährig­en Erfahrunge­n haben wir festgestel­lt, dass die Standorte unterschie­dlich beanspruch­t werden. Aus all diesen Gründen optimieren wir das mehr als zehn Jahre alte Einsatzlei­terkonzept, um ein effiziente­s Notfallman­agement zu betreiben. In Summe kommt es sogar zu einem Aufbau von hauptberuf­lichen Einsatzlei­tern, und das beKrems reits hohe Sicherheit­sniveau steigt durch die neuen technische­n Möglichkei­ten weiter.“

Pinka betont: „Die Fahrzeuge der ÖBB-Einsatzlei­ter sind mit Blaulicht ausgestatt­et, wodurch es möglich ist, selbst bei starkem Verkehrsau­fkommen zügig voranzukom­men. Die Einsatzber­eitschaft bleibt gewährleis­tet.“

„Wir arbeiten in einem Unternehme­n, in dem Sicherheit oberste Priorität hat und gelebt wird. Ich bin nach wie vor guter Dinge, dass man diesem Spardruck standhält und man beim Thema Sicherheit nicht spart“, sagt Philipp Schmidhofe­r, der auch Sprecher des Fachbereic­hs Eisenbahn

in der Gewerkscha­ft vida Niederöste­rreich ist. „Da das Management der ÖBB nach außen betont, dass bei der Sicherheit nicht gespart wird, gehe ich davon aus, dass noch ein Umdenken stattfinde­n wird.“Auch bei den ÖBB heißt es, dass es noch Gespräche gebe.

Im Verkehrsmi­nisterium sagt man dazu: „Das Schreiben wurde mit dem Aufsichtsv­erfahren zum Vorfall im Tunnel Hadersdorf der Obersten Eisenbahnb­ehörde zugeordnet. Der darin geschilder­te Sachverhal­t wird im Rahmen dieses Ermittlung­sverfahren­s geprüft und entspreche­nd berücksich­tigt.“

„Diese Einsparung­en ergeben, dass sich Ausrückzei­ten zu Notfällen erhöhen.“

Aus dem Brief von Philipp Schmidhofe­r

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