Öffis auf dem Land
In Salzburg wird der Bedarfsverkehr massiv ausgebaut, in der Steiermark eingestellt. Anrufsammeltaxis überbrücken die letzte Meile und fördern soziale Teilhabe.
Pilotprojekte in den Bundesländern zeigen, dass Mikro-Öffis wie Shuttles Mobilität ohne Auto auf dem Land möglich machen.
Es war eines der erfolgreichsten MikroÖffi-Angebote in Österreich. Trotzdem wird das Regiomobil in der Südweststeiermark am Dienstag eingestellt. Sechs Jahre lang brachte das Anrufsammeltaxi Menschen in Deutschlandsberg und Leibnitz in insgesamt 38 Gemeinden zum Arzt, zum Supermarkt oder zum Gemeindeamt. Die Fahrten mit dem Regiomobil kosteten zwischen fünf und 25 Euro und stiegen im vergangenen Sommer um 30 Prozent. Doch aus finanziellen Gründen wird das Bedarfsverkehrangebot mit 31. März eingestellt.
Auch das Weinmobil, das in der Südsteiermark Touristinnen und Besucher von Buschenschank zur Herberge gebracht hat, wird es nicht mehr geben. Die Gemeinden in der Region hätten zwar finanzielle Anstrengungen unternommen, um die Bedarfsangebote zu erhalten. Doch: „Ohne zusätzliche Unterstützung durch das Land Steiermark ist eine Fortführung nicht möglich“, heißt es vom Regionalmanagement Südweststeiermark in einer Aussendung. Das blau-schwarz regierte Land Steiermark leistet sich die Mikro-Öffis also nicht mehr.
Es ist nicht das einzige Mikro-ÖV-Angebot, das eingestellt wurde. Auch in Niederösterreich sah Mobilitätslandesrat Udo Landbauer (FPÖ) keinen Bedarf, dem regionalen Bedarfsverkehr Zuschüsse zu gewähren. Im März 2024 wurde das Marchfeld Mobil, das Menschen ohne eigenes Auto in der Region von A nach B brachte, nach fünf Jahren eingestellt. Denn auch die Gemeinden haben ihre Förderungen gestrichen.
Salzburg und Kärnten bauen aus
Im ebenso schwarz-blau regierten Salzburg sieht das ganz anders aus: Das Land Salzburg hat es sich zum Ziel gesetzt, dass Bürgerinnen und Bürger nicht länger als fünf Minuten zu Fuß zur nächsten Haltestelle gehen sollen. Um das zu erreichen, setzt Verkehrslandesrat Stefan Schnöll (ÖVP) enorm auf Mikro-ÖV-Lösungen und baut sie gemeinsam mit den Gemeinden kräftig aus. Für Schnöll sind die Shuttles ein „Gamechanger“. Das Land fördert Mikro-Öffis in den ersten drei Projektjahren daher 60 Prozent der Gesamtkosten, sowie weitere drei Jahre Betrieb mit einem etwas geringeren Fördersatz.
In mittlerweile sieben Regionen des Landes gibt es ein Shuttle, das per landesweiter App oder Anruf bei Bedarf bestellt werden kann. Der Fahrpreis innerhalb einer Zone liegt bei 2,6 Euro pro Person. Das Angebot ist im Klimaticket
inkludiert und kann auch von Touristinnen und Touristen dank Guest-MobilityTicket kostenlos genutzt werden. Seit Dezember gibt es etwa das Pinzgau-Ost-Shuttle und das Lungau-Shuttle. Mit ihnen werden die Seitentäler gut an die Hauptlinien, auf denen Busse verkehren, angebunden. Im Februar startete auch im Ennspongau ein neues Shuttle, der zwischen Eben, Flachau und Altenmark verkehrt. Im Vorjahr entstandenen Shuttles im Tennengau und Goldegg, 2022 in Leogang und Saalfelden. Das älteste Shuttle verkehrt seit 1991 in Werfenweng.
74 Kärntner Gemeinden
„Durch die flexible und bedarfsgerechte Ausgestaltung des Mikro-ÖV können wir ländliche Regionen komfortabel anbinden und bringen den öffentlichen Verkehr zu den Menschen“, sagt Stefan Schnöll. „Ich möchte, dass die Öffis künftig für noch mehr Menschen zur ersten Wahl werden – egal ob inneroder außerhalb der Stadt.“
In Oberösterreich wurde 2024 das sogenannte Traunseeshuttle zum Salzkammergutshuttle ausgebaut und verkehrt seither auch im Almtal, Ausseerland, Obertraun, Gosau, Hallstatt und Bad Ischl. Die Taxifahrten sollen das bestehende Öffi-Netz unterstützen und Gäste wie Einheimische zu Orten bringen, die mit Bus oder Zug nicht erreichbar sind. Fährt etwa werktags zu einzelnen Haltepunkten auch ein Linienverkehr, dann werden diese vom Shuttle nur am Wochenende angefahren.
Auch in Kärnten wird seit der Inbetriebnahme der Koralmbahn das Mikro-ÖV-Angebot ausgebaut. Das Land nimmt dafür bis 2028 neun Millionen Euro zusätzlich in die Hand. In 74 Kärntner Gemeinden gibt es bereits Anrufsammeltaxis, Shuttles oder Rufbusse, weitere Gemeinden sollen folgen. Grundlage für den Ausbau ist eine landesweite Mikro-ÖV-Strategie. Das Go-Mobil, das derzeit in 42 Kärntner Gemeinden aktiv ist, kann von Menschen mit Klimaticket um einen Komfortzuschlag von zwei Euro benutzt werden.
Leben ohne Auto auf dem Land
Um Menschen auch ein Leben ohne Autos am Land zu ermöglichen, brauche es eine Umstellung der vorhandenen Strukturen, erklären Fachleute. „Wir müssen das ganze System neu denken“, sagt Günter Emberger, Leiter des Instituts für Verkehrswissenschaften an der Technischen Universität (TU) Wien. „Wir sind am Land von der Automobilität abhängig gemacht worden wegen der Zersiedelung.“Je peripherer das Gebiet, umso höher sei der Autoanteil und umso weniger werde zu Fuß gegangen oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln gefahren, sagt Emberger.
Mit Mikro-ÖV-Systemen könnten die Haltestellenabstände verringert werden, die am Land teilweise bis zu zwei Kilometer betragen. Zum Vergleich: In Wien sind es 300 Meter. Doch der öffentliche Verkehr muss nicht nur gefördert werden, es brauche auch Begleitmaßnahmen, sagt Emberger. Pkw-Abstellplätze im öffentlichen Raum seien generell zu vermeiden und wenn, dann nicht versiegelt auszuführen und zu bewirtschaften. „Ein Gratisparkplatz im öffentlichen Raum ist kein Menschenrecht.“Die Politik müsse zudem kontraproduktive Subventionen wie das Dieselprivileg, Firmenautos und die Pendlerpauschale abschaffen, meint der TU-Verkehrsexperte.
Statt durch eine Spritpreisbremse weniger Steuern einzunehmen, sollten Geschwindigkeitsbeschränkungen eingeführt werden, sagt Emberger. Denn der Verkehrssektor mache in Österreich rund ein Drittel der Emissionen aus und ist damit nach Energie und Industrie der zweitgrößte Verursacher von Treibhausgasen. Um Klimaschutz sicherzustellen, brauche es einen Umstieg auf Öffis und aktive Mobilität, betont der Verkehrsexperte.
Soziale Teilhabe
Sandra Wegener, vom Institut für Verkehrswesen an der Universität für Bodenkultur (Boku) verweist auf die hohe Zufriedenheit mit den Shuttle-Services, wie eine Studie ergeben hat. Nicht nur Personen, die keinen Pkw haben, würden das Angebot nutzen. „70 Prozent haben üblicherweise einen Pkw, wenn das Shuttle nicht zur Verfügung gestanden wäre, wären die meisten mit dem Pkw selbst gefahren“, betont Wegener. Andere hätten die Wege gar nicht gemacht. Das treffe vor allem alte Menschen, die dann weniger oft zum Arzt gehen oder ins Wirtshaus und so den sozialen Anschluss verlieren.
„Rechtfertigung von Bedarfsverkehr geht weit über die Frage der Wirtschaftlichkeit hinaus“, sagt die Forscherin. „Es geht um die Sicherstellung der eigenständigen Mobilität und damit um soziale Teilhabe.“Sie sieht hier die Gemeinden sowie die Länder in der Pflicht. Denn dünn besiedelte, ländliche Räume könne der öffentliche Verkehr nicht kostendeckend erschließen.