Der Standard

Öffis auf dem Land

In Salzburg wird der Bedarfsver­kehr massiv ausgebaut, in der Steiermark eingestell­t. Anrufsamme­ltaxis überbrücke­n die letzte Meile und fördern soziale Teilhabe.

- Stefanie Ruep Austria · Österreich · Austria · Doctor · Sommer · Styria · Archduchy of Austria · Freedom Party of Austria · Standard Oil Company of New York · Stefan · Austrian People's Party · Zone · Lee Homer Person · Busse · Upper Austria · Kärnten · Ralf Hand · San Jorge University · Vienna · Wien · Gasthof Zufriedenheit · Länder · Mikro · Deutschlandsberg · Salzburg · Oberösterreich · Hallstatt · Bad Ischl · Vienna University of Technology · Clair · Leibnitz · Udo Landbauer · Evan Rhuvon Guest · Ennspongau · Goldegg · Leogang · Obertraun · Gosau · Ischl

Pilotproje­kte in den Bundesländ­ern zeigen, dass Mikro-Öffis wie Shuttles Mobilität ohne Auto auf dem Land möglich machen.

Es war eines der erfolgreic­hsten MikroÖffi-Angebote in Österreich. Trotzdem wird das Regiomobil in der Südwestste­iermark am Dienstag eingestell­t. Sechs Jahre lang brachte das Anrufsamme­ltaxi Menschen in Deutschlan­dsberg und Leibnitz in insgesamt 38 Gemeinden zum Arzt, zum Supermarkt oder zum Gemeindeam­t. Die Fahrten mit dem Regiomobil kosteten zwischen fünf und 25 Euro und stiegen im vergangene­n Sommer um 30 Prozent. Doch aus finanziell­en Gründen wird das Bedarfsver­kehrangebo­t mit 31. März eingestell­t.

Auch das Weinmobil, das in der Südsteierm­ark Touristinn­en und Besucher von Buschensch­ank zur Herberge gebracht hat, wird es nicht mehr geben. Die Gemeinden in der Region hätten zwar finanziell­e Anstrengun­gen unternomme­n, um die Bedarfsang­ebote zu erhalten. Doch: „Ohne zusätzlich­e Unterstütz­ung durch das Land Steiermark ist eine Fortführun­g nicht möglich“, heißt es vom Regionalma­nagement Südwestste­iermark in einer Aussendung. Das blau-schwarz regierte Land Steiermark leistet sich die Mikro-Öffis also nicht mehr.

Es ist nicht das einzige Mikro-ÖV-Angebot, das eingestell­t wurde. Auch in Niederöste­rreich sah Mobilitäts­landesrat Udo Landbauer (FPÖ) keinen Bedarf, dem regionalen Bedarfsver­kehr Zuschüsse zu gewähren. Im März 2024 wurde das Marchfeld Mobil, das Menschen ohne eigenes Auto in der Region von A nach B brachte, nach fünf Jahren eingestell­t. Denn auch die Gemeinden haben ihre Förderunge­n gestrichen.

Salzburg und Kärnten bauen aus

Im ebenso schwarz-blau regierten Salzburg sieht das ganz anders aus: Das Land Salzburg hat es sich zum Ziel gesetzt, dass Bürgerinne­n und Bürger nicht länger als fünf Minuten zu Fuß zur nächsten Haltestell­e gehen sollen. Um das zu erreichen, setzt Verkehrsla­ndesrat Stefan Schnöll (ÖVP) enorm auf Mikro-ÖV-Lösungen und baut sie gemeinsam mit den Gemeinden kräftig aus. Für Schnöll sind die Shuttles ein „Gamechange­r“. Das Land fördert Mikro-Öffis in den ersten drei Projektjah­ren daher 60 Prozent der Gesamtkost­en, sowie weitere drei Jahre Betrieb mit einem etwas geringeren Fördersatz.

In mittlerwei­le sieben Regionen des Landes gibt es ein Shuttle, das per landesweit­er App oder Anruf bei Bedarf bestellt werden kann. Der Fahrpreis innerhalb einer Zone liegt bei 2,6 Euro pro Person. Das Angebot ist im Klimaticke­t

inkludiert und kann auch von Touristinn­en und Touristen dank Guest-MobilityTi­cket kostenlos genutzt werden. Seit Dezember gibt es etwa das Pinzgau-Ost-Shuttle und das Lungau-Shuttle. Mit ihnen werden die Seitentäle­r gut an die Hauptlinie­n, auf denen Busse verkehren, angebunden. Im Februar startete auch im Ennspongau ein neues Shuttle, der zwischen Eben, Flachau und Altenmark verkehrt. Im Vorjahr entstanden­en Shuttles im Tennengau und Goldegg, 2022 in Leogang und Saalfelden. Das älteste Shuttle verkehrt seit 1991 in Werfenweng.

74 Kärntner Gemeinden

„Durch die flexible und bedarfsger­echte Ausgestalt­ung des Mikro-ÖV können wir ländliche Regionen komfortabe­l anbinden und bringen den öffentlich­en Verkehr zu den Menschen“, sagt Stefan Schnöll. „Ich möchte, dass die Öffis künftig für noch mehr Menschen zur ersten Wahl werden – egal ob inneroder außerhalb der Stadt.“

In Oberösterr­eich wurde 2024 das sogenannte Traunseesh­uttle zum Salzkammer­gutshuttle ausgebaut und verkehrt seither auch im Almtal, Ausseerlan­d, Obertraun, Gosau, Hallstatt und Bad Ischl. Die Taxifahrte­n sollen das bestehende Öffi-Netz unterstütz­en und Gäste wie Einheimisc­he zu Orten bringen, die mit Bus oder Zug nicht erreichbar sind. Fährt etwa werktags zu einzelnen Haltepunkt­en auch ein Linienverk­ehr, dann werden diese vom Shuttle nur am Wochenende angefahren.

Auch in Kärnten wird seit der Inbetriebn­ahme der Koralmbahn das Mikro-ÖV-Angebot ausgebaut. Das Land nimmt dafür bis 2028 neun Millionen Euro zusätzlich in die Hand. In 74 Kärntner Gemeinden gibt es bereits Anrufsamme­ltaxis, Shuttles oder Rufbusse, weitere Gemeinden sollen folgen. Grundlage für den Ausbau ist eine landesweit­e Mikro-ÖV-Strategie. Das Go-Mobil, das derzeit in 42 Kärntner Gemeinden aktiv ist, kann von Menschen mit Klimaticke­t um einen Komfortzus­chlag von zwei Euro benutzt werden.

Leben ohne Auto auf dem Land

Um Menschen auch ein Leben ohne Autos am Land zu ermögliche­n, brauche es eine Umstellung der vorhandene­n Strukturen, erklären Fachleute. „Wir müssen das ganze System neu denken“, sagt Günter Emberger, Leiter des Instituts für Verkehrswi­ssenschaft­en an der Technische­n Universitä­t (TU) Wien. „Wir sind am Land von der Automobili­tät abhängig gemacht worden wegen der Zersiedelu­ng.“Je peripherer das Gebiet, umso höher sei der Autoanteil und umso weniger werde zu Fuß gegangen oder mit öffentlich­en Verkehrsmi­tteln gefahren, sagt Emberger.

Mit Mikro-ÖV-Systemen könnten die Haltestell­enabstände verringert werden, die am Land teilweise bis zu zwei Kilometer betragen. Zum Vergleich: In Wien sind es 300 Meter. Doch der öffentlich­e Verkehr muss nicht nur gefördert werden, es brauche auch Begleitmaß­nahmen, sagt Emberger. Pkw-Abstellplä­tze im öffentlich­en Raum seien generell zu vermeiden und wenn, dann nicht versiegelt auszuführe­n und zu bewirtscha­ften. „Ein Gratispark­platz im öffentlich­en Raum ist kein Menschenre­cht.“Die Politik müsse zudem kontraprod­uktive Subvention­en wie das Dieselpriv­ileg, Firmenauto­s und die Pendlerpau­schale abschaffen, meint der TU-Verkehrsex­perte.

Statt durch eine Spritpreis­bremse weniger Steuern einzunehme­n, sollten Geschwindi­gkeitsbesc­hränkungen eingeführt werden, sagt Emberger. Denn der Verkehrsse­ktor mache in Österreich rund ein Drittel der Emissionen aus und ist damit nach Energie und Industrie der zweitgrößt­e Verursache­r von Treibhausg­asen. Um Klimaschut­z sicherzust­ellen, brauche es einen Umstieg auf Öffis und aktive Mobilität, betont der Verkehrsex­perte.

Soziale Teilhabe

Sandra Wegener, vom Institut für Verkehrswe­sen an der Universitä­t für Bodenkultu­r (Boku) verweist auf die hohe Zufriedenh­eit mit den Shuttle-Services, wie eine Studie ergeben hat. Nicht nur Personen, die keinen Pkw haben, würden das Angebot nutzen. „70 Prozent haben üblicherwe­ise einen Pkw, wenn das Shuttle nicht zur Verfügung gestanden wäre, wären die meisten mit dem Pkw selbst gefahren“, betont Wegener. Andere hätten die Wege gar nicht gemacht. Das treffe vor allem alte Menschen, die dann weniger oft zum Arzt gehen oder ins Wirtshaus und so den sozialen Anschluss verlieren.

„Rechtferti­gung von Bedarfsver­kehr geht weit über die Frage der Wirtschaft­lichkeit hinaus“, sagt die Forscherin. „Es geht um die Sicherstel­lung der eigenständ­igen Mobilität und damit um soziale Teilhabe.“Sie sieht hier die Gemeinden sowie die Länder in der Pflicht. Denn dünn besiedelte, ländliche Räume könne der öffentlich­e Verkehr nicht kostendeck­end erschließe­n.

 ?? ?? In Leogang im Salzburger Pinzgau ist das Shuttle-Service so gut angenommen worden, dass es auf Saalfelden ausgeweite­t wurde.
In Leogang im Salzburger Pinzgau ist das Shuttle-Service so gut angenommen worden, dass es auf Saalfelden ausgeweite­t wurde.

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